Entschlossenheit und Geduld

Was ist mit der Ökumene los? Vor einem dreiviertel Jahr meinte die vatikanische Glaubenskongregation die Christen der Reformation daran erinnern zu sollen, dass sie dem Verständnis der katholischen Kirche nach gar keine Kirchen seien. In beiden Kirchen löste dies heftige Reaktionen aus. Der inzwischen als oberster Ökumeniker der katholischen Kirche bestallte Kardinal Walter Kasper wird nicht müde, die „unglückliche weil zu schroffe Sprache“ von „Dominus Iesus“ zu bedauern.
Der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland (VELKD) und bayrische Landesbischof Johannes Friedrich bezieht in diesen Tagen aus den eigenen Reihen erhebliche „Prügel“ (Süddeutsche Zeitung), weil er – nur wenige Monate nach „Dominus Iesus“ – von der Möglichkeit gesprochen hat, der Papst könne durchaus Sprecher aller christlichen Kirchen sein. Eine für ihre evangelisch-konfessionalistischen Töne bekannte Journalistin warf ihm „lutherische Leisetreterei“ (FAZ) vor.
Warum haben es auf Verständigung bedachte Akzente auf evangelischer wie katholischer Seite so schwer?
In beiden Kirchen sind heute Stimmen zu hören, die eine vermeintliche Selbstschwächung an die Wand malen. Auf katholischer Seite wird bedauert, die Kirche protestantisiere sich – der Ruf nach klarer Selbstunterscheidung ist die Antwort. Auf evangelischer Seite geht die Angst um, man könnte sich von der katholischen Seite über den Tisch ziehen lassen und die reformatorischen Anliegen verraten.
In den Problemen mancher mit der Ökumene spiegeln sich die inneren Probleme der beteiligten Kirchen. Es ist wie im richtigen Leben: Wer mit sich selbst nicht zurechtkommt, sucht die Ursache dafür bei den anderen. Auf evangelischer Seite sehen manche die katholische Kirche in der institutionell stärkeren Position. Und manche katholischen Milieus befürchten, die Kirchen der Reformation könnten eines Tages als die Sieger dastehen.
Wer im Wissen um die Stärken und Schwächen der eigenen Kirche selbstbewusst der jeweils anderen Kirche begegnet, hat solche Ängste nicht nötig. Ein großartiges Zeichen dafür, dass es im guten Sinn selbstbewusste Christen in den Kirchen gibt, war die nicht selbstverständliche Anwesenheit evangelischer Kirchenvertreter beim Kardinalskonsistorium in Rom.
Gerade in den kommenden Monaten und Jahren bis zum Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin brauchen wir in den Kirchen Gesprächspartner mit Fingerspitzengefühl und Wirklichkeitssinn. Es braucht auf beiden Seiten Frauen und Männer mit einer unzweideutigen Vision von jener „versöhnten Verschiedenheit“, auf die man hinarbeitet.

Es braucht Partner, die die erreichte Einigung von Augsburg 1999 in der Frage der Rechtfertigungslehre nicht klein reden. Es braucht anderseits aber auch Partner, die sich in der heiklen Frage erhoffter Abendmahlsgemeinschaft keine Illusionen machen. Entschlossenheit und Geduld, beides braucht es.

Klaus Nientiedt