Elzach gehört zu den Hochburgen der alemannischen Fasnacht. Die Stadt ist stolz auf ihre Fasnet. Tausende strömen an Fasnacht dorthin, um dem Treiben der Schuttige zuzusehen. Der Theologe und Journalist Ulrich Ruh stellt die Fasnachtstradition seiner Heimatstadt vor.
Die Maske nimmt der Schuttig nicht ab
Die Elzacher Fasnacht zwischen Tradition und Ausgelassenheit
Fasnachtssonntag in Elzach, einer
kleinen Stadt im mittleren Schwarzwald: Kaum hat die Kirchturmuhr
zwölf geschlagen, setzen sich an der Stadtgrenze zwei Kutschen
in Bewegung, in denen die Narrenräte Platz genommen haben. Ihnen
folgt eine immer größer werdende Schar von Narrengestalten in
Anzügen aus rotem Filz, Holzmasken vor dem Gesicht und einem mit
Schneckenhäuschen besetzten Dreispitz auf dem Kopf.
Die ältesten erhaltenen Schuttiglarven sind über 200
Jahre alt
Es sind die Elzacher Schuttig, die in den nächsten
drei Tagen das Stadtbild beherrschen. Denn jetzt isch
wirklich dFasnet do, ruft der Zunftmeister in die
Menge, und diese Fasnet schafft in Elzach Jahr für Jahre eine
Art Ausnahmezustand.
Das Ganze vollzieht sich nach einem festen, seit Jahrzehnten
unveränderten Fahrplan. Am Sonntag um drei der Schuttigumzug, am
Sonntagabend der Fackelzug, am Montag früh das Taganrufen,
eine Art Narrengericht, bei dem die im Vorjahr 18 gewordenen
jungen Männer als Taganrufer die Hauptrolle spielen.
Montagnachmittag und -abend gehören den Moritatengruppen, die
durch Straßen und Lokale ziehen. Am Dienstagvormittag dann die
Latschariversammlung im Löwen, eine Art
humoristischer Frühschoppen nur für Männer, nachmittags
nochmals der Schuttigumzug, Schlag zwölf die Demaskierung.
Die ersten urkundlichen Belege für das Fasnachtstreiben in
Elzach, das bis 1806 zu Vorderösterreich gehörte, stammen aus
dem 16./17. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert ist das Taganrufen
belegt, aus dem frühen 19. Jahrhundert stammen Gesuche an den
Magistrat, den Schurtag abhalten zu dürfen. Vom
Schurtag, einer alten Bezeichnung für den
Aschermittwoch, ist der Name des Schuttig als der wichtigsten
Elzacher Fasnetfigur abzuleiten. Die ältesten erhaltenen
Schuttiglarven sind mehr als zweihundert Jahre alt. Wie sich die
Fasnet vor 1900 im Einzelnen abgespielt hat, lässt sich
allerdings nur in Umrissen rekonstruieren.
Auch der Golfkrieg hielt die Schuttig nicht vom
Narrentreiben ab
Sein jetziges Aussehen erhielt der Schuttig Anfang des 20.
Jahrhunderts. Die Narrenzunft wurde nach dem Ersten Weltkrieg
gegründet, nach der Revolutionsfasnet, als die
Polizei in Elzach erfolglos ein Fasnachtsverbot der damaligen
badischen Regierung durchzusetzen versuchte. Wie sehr in Elzach
die Fasnet dazugehört, zeigte sich nicht zuletzt vor zehn
Jahren. Während des Golfkrieges waren auch in Elzach alle
offiziellen Fasnettermine abgesagt; dennoch ließen sich die
Schuttig nicht vom traditionellen Narrentreiben abhalten.
Unter dem Schuttig stecken Zehnjährige, aber auch Achtzigjährige.
Bei schönem Wetter springen weit über 1000 Narrengestalten
durch Elzach, einer Stadt mit knapp 7000 Einwohnern. Natürlich
gibt es auch in Elzach Zugezogene, die sich aus der
Fasnet nichts machen. Sogar manche alteingesessene Elzacher
fahren an Fasnet lieber zum Skilaufen weg oder machen nicht aktiv
beim närrischen Treiben mit. Aber Fasnet ist in Elzach nicht
Sache eines Vereins unter vielen anderen und schon gar nicht
Hobby von einzelnen Brauchtumspflegern, sondern ein Jahr für
Jahr gemeinschaftlich gelebtes Ereignis, dem viele
entgegenfiebern und das nachher für Wochen Gesprächsstoff
bietet. Kein Elzacher wird ungerührt bleiben, wenn der alte
oder der neue Fasnetmarsch erklingt, oder der Nachtwächter
beim Taganrufen sein uraltes Lied singt: Steht auf, im
Namen hetis gwißt
Die Elzacher sind an Fasnet längst nicht mehr unter sich. Zu den
Umzügen am Sonntag und Dienstag strömen Tausende von Zuschauern
ins Städtli, wie man in Elzach die eigene Stadt
liebevoll nennt. Die Lokale sind an den Abenden brechend voll,
weil sich in der ganzen Gegend herumgesprochen hat, dass in
Elzach während der drei närrischen Tage besonders viel los ist.
Aber dennoch lebt die Elzacher Fasnet von einem Code, den ein Außenstehender
kaum wirklich knacken kann: Da ist der alemannische Dialekt, in
dem die Fasnetstickli beim Taganrufen und die
Moritaten verfasst sind, da sind die Anspielungen auf
stadtbekannte Personen und Ereignisse, da ist vor allem das
Schuttigmachen, in das ein Elzacher von Kindesbeinen an
hineingewachsen ist. Zu den wichtigsten Gesetzen der Elzacher
Fasnet gehört, dass der Schuttig in der Öffentlichkeit nie
seine Maske abnimmt. Er muss die Maske aber beim Beginn des
Taganrufens ablegen; dort wollen die Narren ganz unter sich sein.
Man trägt Masken, die schon der Urgroßvater getragen
hat
Die Elzacher Narrenzunft gehört keinem der Dachverbände an, in
denen sich die Zünfte im schwäbisch-alemannischen Raum
zusammengeschlossen haben. Die Schuttig fehlen auch bewusst bei
den vielen Narrentreffen, die landauf, landab an den Wochenenden
vor Fasnacht stattfinden. Einzige Ausnahme sind die alle drei
oder vier Jahre abgehaltenen Vierertreffen mit den
befreundeten Zünften aus Überlingen, Rottweil und Oberndorf.
Die Elzacher sind stolz auf ihre Fasnet; für die kleine Stadt im
oberen Elztal ist sie längst so etwas wie ein Markenzeichen. Der
Stolz hat zum einen etwas mit der Tradition zu tun, die jede
Fasnet wieder gelebt wird; man kann sich von ihren Regeln und
Ritualen tragen lassen. Man trägt unter Umständen Masken, die
auch schon der eigene Urgroßvater als Schuttig getragen hat. Die
Elzacher feiern zum anderen an Fasnet auf eine herausgehobene
Weise mit Humor und Ausgelassenheit sich selber, mit ihren Stärken
und Schwächen, ihren Eigenheiten und Kleinstadtsorgen, ob im
Schuttig, als weibliche Maschkele oder auch nur als
unmaskierter Zivilist.
Amüsieren kann man sich heutzutage das ganze Jahr über fast überall.
Den alten Kontrast zwischen Fasnet und Fastenzeit gibt es für
viele nicht mehr. Aber die Elzacher Fasnet ist und bleibt eine
einzigartige Sache, die Jahr für Jahr viele Menschen in ihren
Bann schlägt. Was will man mehr!
Ulrich Ruh