„Ein Restchaos muss bleiben“

300 Teilnehmer beim vierten Treffen der Europäischen Freiwilligenuniversität in Freiburg

Über Freiwilligentätigkeit in Theorie und Praxis haben knapp 300 Engagierte aus ganz Europa in Freiburg diskutiert. Dort fand das vierte Treffen der Europäischen Freiwilligenuniversität statt.

Engagement von Freiwilligen ist in der Regel sehr praxisbezogen: Die Hospizgruppe begleitet Schwerstkranke und deren Angehörige, der Peru-Kreis in der Pfarrgemeinde verkauft Waren aus Südamerika, der Jugendtrainer im Fußballverein bringt dem Nachwuchs das Kicken bei. Allerdings ist es immer wieder nötig, sich auch theoretisch mit Freiwilligenarbeit auseinanderzu setzen. Das haben knapp 300 Teilnehmer des vierten Treffens der Europäischen Freiwilligenuniversität (EFU) vergangene Woche in Freiburg getan.
„Guter Wille und Alltagsfähigkeiten allein reichen für freiwilliges Engagement nicht aus“, sagte Helmut Schwalb, Rektor der Katholischen Fachhochschule, die gemeinsam mit dem Deutschen Caritasverband und der Universität Freiburg das Treffen organisiert hat. „Sich in einem geregelten Staat wie der Bundesrepublik zu engagieren, ist nicht einfach“, so Schwalb. Drei Schwerpunkte hatte deshalb die Veranstaltung: Wie entsteht der Kontakt zwischen denen, die sich engagieren wollen, und denen, die Bedarf haben an Ehrenamtlichen? Wie kann man aktive Freiwillige begleiten? Und wie gelingt die Zusammenarbeit von Hauptamtlichen mit Freiwilligen? Gerade der dritte Aspekt ist immer wieder Auslöser von Konflikten: Etwa wenn Hauptamtliche die Freiwilligen als Konkurrenz ansehen, ihre Arbeit ausbremsen oder wenn Ehrenamtliche die Arbeit der Hauptamtlichen gering schätzen.
„Freiwillige sind Experten, auch wenn sie anderswo ihr Geld verdienen“, sagte Teresa Bock, Vizepräsidentin des Deutschen Caritasverbandes. Es sei eine Krankheit aller Sozialarbeiter, dass sie jedem helfen wollten. „Aber Freiwillige sind keine hilfsbedürftigen Klienten.“ Sie sei froh darüber, dass es nach einer jahrzehntelangen Professionalisierung der Sozialarbeit in Deutschland langsam wieder zu einem Gleichgewicht komme zwischen professioneller Tätigkeit und lebensnotwendigem freiwilligem Engagement. Die Bundesrepublik könne auf diesem Feld von ihren europäischen Nachbarn noch einiges lernen, waren sich die Veranstalter des Treffens der EFU einig.
Die Freiwilligenuniversität gründete sich 1993 in Brüssel und trifft sich nach dem Vorbild der mittelalterlichen Wanderuniversitäten alle zwei Jahre. Ziel der EFU sei es, Arbeit von Freiwilligen über Landesgrenzen hinaus zu unterstützen, die Solidarität zwischen Initiativen und Organisationen europaweit zu fördern und interessante Modellprojekte in den Mittelpunkt zu rücken, erläuterte Rektor Segismundo Pinto.
In einem ersten Abschnitt präsentierten sich in Freiburg mehrere Träger von Praxisprojekten, unter anderem aus Deutschland, Italien, Israel und Ecuador. Hier ging es auch um die Teilhabe von behinderten Menschen am gesellschaftlichen Leben. Fazit: „Es gibt Erwartungen an Freiwillige von unterschiedlichen Seiten, ihre Tätigkeit ist komplex“, betonte Caritas-Vizepräsidentin Bock. Deshalb werde es zunehmend erforderlich, dass sich Ehrenamtliche fortbilden, wenn sie nicht frustriert aufgeben, sondern engagiert dabeibleiben wollen. Das Bildungsangebot müsse auch Hauptberufliche einbeziehen, die mit Freiwilligen zusammenarbeiten. In Vorlesungen und Seminaren untermauerten die Teilnehmer diese Thesen.
Und sie fütterten die Diskussionen mit ihren Erfahrungen aus der Praxis, etwa was die staatliche Unterstützung von Freiwilligendiensten im Ausland angeht. So sind bisher Deutsche, die statt des Zivildienstes einen anderen Dienst im Ausland leisten, finanziell benachteiligt. Die Beteiligten forderten ein „europäisches Freiwilligengesetz am oberen Level“, das ein solches Engagement regeln, fördern und somit erleichtern könne.
Helfen können auch so genannte Freiwilligenzentren. Beim Treffen in Freiburg vereinbarten Wohlfahrtsverbände und Hochschulen, dass sie zusammen mit den Freiwilligenzentren ein internationales Konzept zur Beratung und Begleitung entwickeln wollen. Das soll es sehr viel einfacher machen, sich über Landesgrenzen hinweg freiwillig zu engagieren.
Damit das gelingt, müsse aus jedem Staat die beste Praxis und Forschung als künftiger europäischer Standard angestrebt werden, so Teresa Bock: „Das bedeutet, dass die Freiwilligentätigkeit zwar staatlich gefördert, aber nicht reglementiert werden darf.“ Der Soziologe Lord Ralf Dahrendorf wies in seinem Vortrag darauf hin, dass sich Freiwilligenarbeit nicht bis ins Detail organisieren lasse: „Ein Restchaos muss bleiben.“
Bleibt die grundsätzliche Frage: Wollen Freiwillige sich überhaupt theoretisch mit ihrer Arbeit auseinander setzen? 250 Teilnehmer hatten die Veranstalter erwartet, knapp 300 kamen, davon 130 aus dem Ausland. Insgesamt waren 25 Nationen vertreten, nicht nur aus Europa, sondern sogar aus Lateinamerika. „Unsere Erwartungen wurden übertroffen“, meinte Eugen Baldas, verantwortlich für die Organisation des Treffens.

Burkhard Schäfers