Einmal im Jahr hätte man eigentlich die Möglichkeit, die Uhr etwas langsamer gehen zu lassen. Der Urlaub verheißt die Gelegenheit, dass alles ganz anders wird – und doch erfüllt sich diese Hoffnung nur selten. Die Langsamkeit erfreut sich heute erheblicher Beliebtheit – und doch ist es mehr Sehnsucht nach ihr als dass man sie tatsächlich verwirklicht.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Je größer die Hektik, desto stärker die Sehnsucht nach dem Gegenstück: der Langsamkeit

Handy, Laptop, Fax. Und natürlich unverzichtbar: der Terminkalender. Standardausstattung für jeden, der die Zeichen der Zeit erkannt hat. Wer „in“ sein will, muss rund um die Uhr auf Draht sein. Da kommt bisweilen Hektik auf. Schließlich gibt es auch noch den Freizeitstress nach Feierabend. Daher sind Zeitmanagement und Zeit sparen die Gebote der Stunde.
Willkommene Hilfe ist der minutenschnell servierfertige Pasta-Snack, und auch Hegel und Kant gibt’s Gott sei Dank als „Lektüre für Minuten“. Telefonieren lässt sich im Auto, Lernen im Schlaf. „Jeder meint, nur indem er die Zeit optimal füllt, dem Leben Dauer zu verleihen“, erklärt der Klagenfurter Philosoph Peter Heintel den Zeitgeist. Das Paradoxe sei jedoch, dass die Zeit immer knapper werde, „je schneller wir werden und je mehr wir versuchen, sie zu verdichten“. Denn die mühsam abgezwackte freie Zeit wird unter dem Diktat des Kalenders in neue Termine gezwängt.

Stress auch noch nach Feierabend

So dreht sich trotz ausgebuchter Zeit-Management-Kurse das Rad der Zeit immer schneller, und der Menschen-Hamster rackert sich ab – auf der Stelle. Wie Lewis Carolls „Alice im Wunderland“, die bis zur Erschöpfung rennt und sich beim Innehalten verdutzt noch unter demselben Baum wiederfindet.
Für den Wiener Gruppendynamiker Gerhard Schwarz liegt diesem Phänomen ein gesellschaftlicher Wandel zugrunde: „In Zeiten, in denen große Veränderungen anstehen und ein geschichtlicher Zyklus an sein Ende kommt, hat man das Gefühl, dass die Zeit sich beschleunigt.“ Als Motor sieht er die durch den Zusammenbruch des Kommunismus provozierte „Krise des Kapitalismus“. Dieser müsse jetzt in sich die Widersprüche aushalten, die er vorher außer sich gehabt habe, erläutert Schwarz. Den zu Ende gehenden Zyklus bezeichnet er als „Phase von Überökonomisierung und -betonung des Leistungsprinzips“. Verschärfend komme hinzu, dass der Einfluss des Christentums abnehme; dieses habe den Menschen dazu gedrängt, auch den nichtmateriellen Bedürfnissen nachzuspüren und sich Ruheritualen unterzuordnen. Resultat des „immer schneller“: Überall geht nichts mehr. Mehr und mehr unkontrolliertes Kapital rast um den Erdball, die Ressourcen gehen zur Neige, die Arbeitslosenzahlen explodieren.
Aber: Am Horizont formiert sich allmählich Widerstand gegen den Tempo-Wahn. Die heimliche Sehnsucht heißt Langsamkeit. All der Schnelligkeit zum Trotz hätten immer mehr Menschen den dringenden Wunsch, mal den Ausknopf zu drücken oder zumindest einen Gang runterzuschalten, meint Peter Heintel. Der Entschleunigungs-Experte ist Präsident von „Tempus“, dem „Verein zur Verzögerung der Zeit“. Die vor zehn Jahren gegründete Organisation hat mittlerweile über 1000 Mitglieder – Tendenz steigend. Getreu dem Tempus-Motto „Ich habe Zeit, also bin ich“ rühren Heintel und sein Kollege Schwarz die Werbetrommel für einen bewussteren Umgang mit der Zeit.
Alle Mitglieder verpflichten sich laut Satzung zum Innehalten und Nachdenken, „wo blinder Aktivismus Scheinlösungen produziert“. Dabei heiße langsamer nicht lahm, betont Vereinsmitgründer Schwarz. Er definiert Langsamkeit philosophisch als „Eigenzeitlichkeit“. Jeder Mensch habe seinen ganz individuellen Rhythmus, den er erst entdecken und dann leben müsse. „Furtwängler hat für Beethovens Fünfte immerhin 17 Minuten länger gebraucht als Karajan“, veranschaulicht der Gruppendynamiker seine These.
Prominentester Anhänger von „Tempus“ ist der Schriftsteller Sten Nadolny. Seine Romanfigur „John Franklin“ ist das Idol aller Langsamkeits-Fans. Nicht umsonst avancierte „Die Entdeckung der Langsamkeit“ zum Kultbuch der 90er Jahre. Es ist die Geschichte des behäbigen, überall belächelten Knaben John, der seine ihm selbst verhasste Langsamkeit mit der Zeit akzeptieren lernt und sie sogar als menschenfreundliches Prinzip entdeckt. Am Ende lehrt Franklin seine Leser den vorsichtigen Umgang mit sich selbst und formuliert eine Art goldene Regel: „Ich bin mir selbst ein Freund. Ich nehme ernst, was ich denke und empfinde. Die Zeit, die ich dafür brauche, ist nie vertan. Dasselbe gestehe ich auch den anderen zu.“
Aber bis zum globalen Tritt auf die Zeitbremse sei es noch ein weiter Weg, meint Heintel. „Noch werden jeder Stillstand und jedes Innehalten als Gefahr empfunden.“ Auch der Philosoph Paul Virilio definiert die sich steigernde Geschwindigkeit als „perfektionierte Form der Furcht“. Je erstickender, je fremdbestimmter die Lebensbedingungen der Menschen seien, desto stärker wachse der Drang, der Enge durch Schnelligkeit zu entfahren. Mobilität und Geschwindigkeit dienten als Narkose, wobei zunehmend egal werde, wohin man fliehe. Ja, es gelte sogar: Wenn der Mensch in eine Sackgasse gerate, laufe er zunächst weiter in dieselbe Richtung – nur schneller, erläutert Schwarz. Zwinkernd fügt er ein Zitat Mark Twains hinzu: „Als wir das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten wir unsere Anstrengung.“
Die einzig zuverlässige Hilfe auf dem Weg zu mehr Langsamkeit ist für Schwarz der eigene Körper. Erst wenn der nicht mehr mitspiele, spüre der Einzelne, „dass sein Lebenstempo ihn völlig aus dem Gleichgewicht geworfen hat“. Als Beweis führt er die großen Erfolge afrikanischer Medizinmänner an, denen er in die Karten schauen durfte. Die schwarzen Heiler kurieren die immer größer werdende Schar der eigens angereisten weißen Patienten, indem sie mit ihnen deren Eigenrhythmus erkunden. Peinlich genau werden jede Nahrungsaufnahme und jeder Gang zur Toilette notiert.

Immer schneller in die Sackgasse

Dauerstress, ständige Arbeit im Sitzen, stundenlanges Schuften ohne großzügige Pausen, das Runterschlingen von Mahlzeiten: dafür räche sich irgendwann der Körper. Denn alle Vitalfunktionen besäßen eine bei jedem Menschen individuelle Kurve, die beispielsweise beim Essen vom Hungergefühl bis zur so genannten Nahrungsharmonie reiche. Nur wenn ein der inneren Uhr angepasstes Gleichgewicht zwischen Spannung und Ent-Spannung gelebt werde, funktioniere der Körper optimal. Sonst stünden die Zeichen auf Boykott.
Für die Fraktion der Zeit-Verzögerer ist der Langsame gerade nicht der Dumme. Warten, Schweigen und Fühlen seien der Dauer wert und wollen gelernt sein, so Heintel. Der Lohn sei eine bewusstere Wahrnehmung – sowohl seiner selbst als auch der gesamten Umwelt. In solchen Phasen werden Erlebnisse verdaut, reifen Entscheidungen. So wandeln sich für Heintel Langsamkeit und gar Langeweile in Produktivität. Als Fortgeschrittener in der Kunst der Langsamkeit könne sich der brüsten, der Faulheit als paradiesisch empfinde.
Nach einigen Jahren „Tempus“-Mitgliedschaft hat Gerhard Fackler dieses Stadium offensichtlich erreicht. In mühsamer Eigenarbeit machte sich der Theologe, Pädagoge und Ökonom aus Bonn nach eigenen Angaben von der Angst frei, etwas zu versäumen. Immer öfter schaffe er es nun, „an der Stelle, wo ich bin, auch zu sein“. Konkrete Hilfe im Alltag ist ihm vor allem der bewusste Einsatz von Pausen. Zwischen zwei Terminen lässt er grundsätzlich eine halbe Stunde Luft, und auch die Arbeit am Schreibtisch unterbricht er immer wieder. Am besten gelingt Fackler die Kunst der Langsamkeit natürlich dort, wo die Pause Programm ist: im Urlaub. Früher habe seine Frau mit ihm „die Motten gekriegt, weil ich keine fünf Minuten still sitzen konnte“, erzählt er. Heute verbringt der Familienvater die Ferien an einem festen Ort und genießt es, „stundenlang in die Wolken zu schauen“.
Doch Pausieren ist längst nicht das einzige Rezept gegen die Diktatur des Terminkalenders. So empfiehlt Zeitforscher Karlheinz A. Geißler als Entziehungskur auch ein „Lass dich überraschen“: „Das Überraschende finden wir erst, wenn wir nicht nur machen, was wir uns vornehmen, und uns von dem Zwang befreien, die Zeit zu managen.“
Ansonsten hilft mit Sicherheit gelegentlicher Anschauungsunterricht bei den Meistern der Zeitverschwendung und der Langsamkeit: den Kindern. Beneidenswert mühelos vergessen sie beim Spielen Raum und Zeit. So taugen die kleinen Sammler zeitloser Momente durchaus als Lehrer für die großen Sucher nach der verlorenen Zeit. Was die Erwachsenen in Vereinen und Kursen mühevoll lernen müssen, leben sie instinktiv.

Alexandra Ringendahl