Dokumentation:
Leben wir unser Bekenntnis?
Eva Maria Faber zum missionarischen Aspekt des Christseins
An fünf Tagen der pastoralen Dienste treffen sich in diesen Wochen alle hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Erzdiözese. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach einem missionarischen Christsein. Das dritte Treffen fand in Kirrlach statt. Im Folgenden dokumentieren wir einen Auszug aus dem Referat der Churer Dogmatikerin Professor Eva Maria Faber.
Wir müssen uns doch
fragen, warum trotz des religiösen Booms das Christentum nicht
hoch im Kurs steht. Unübersehbar interessieren sich Menschen für
religiöse Angebote, und das oftmals in einer großen
Ernsthaftigkeit. Es muss uns ein Stachel sein, wenn so wenige auf
die christliche Botschaft zurückkommen. Warum? Manche sagen, der
spirituelle Anspruch vieler Menschen sei wesentlich höher als
das, was von der Kirche angeboten wird. Dabei geht es auch, aber
nicht nur um den Stellenwert von Gebet, wenngleich auffällig
ist, dass in religiösen Angeboten immer noch vor allem die
meditativen Elemente gesucht werden. Ist dies ein Indiz dafür,
dass eben das Bekenntnishafte des Christlichen in einem eher
vagen religiösen Boom keine Chance hat? Mir scheint nicht das
Bekenntnis als solches Hindernis zu sein, das Menschen auf
Distanz gehen oder bleiben lässt. Problematisch ist aber, dass
Menschen den Eindruck gewinnen, wir hätten ein Bekenntnis, das
jedoch äußerlich bleibt und in die menschliche Existenz zu
wenig prägend eingeht. Wenn wir Christen heißen, dann ist dies
doch nicht nur ein Name, sondern eine Ortsbestimmung: wir leben
in ihm.
Menschen erwarten von der Religion Lebenswissen und tun
sie das nicht zu Recht? So müssen wir uns fragen lassen, ob wir
aus unserem Bekenntnis Lebenskunst schöpfen. Leben wir aus
unserem Bekenntnis? Leben wir unser Bekenntnis? Wird die Wahrheit
unseres Glaubens zu einer gelebten Wahrheit, zu der ein
Lebensstil gehört?
Sie kennen die Frage (nicht nur) von Jugendlichen: Was
bringt mir das? Und: Was bringt mir der Glaube?
Wir hören die Frage nicht gern, sie klingt uns zu oberflächlich.
Hören wir sie vielleicht manchmal auch deswegen nicht gern, weil
es uns schwer fällt zu benennen, was eigentlich der christliche
Glaube bringt? Der Glaube will doch tatsächlich etwas bringen
Grundbegriff dafür ist der theologische Begriff Gnade
und unser Zeugnis muss glaubwürdig davon sprechen, wie
solche Gnade tatsächlich unser Leben verwandelt
Kommentar
Anspruchsvolle Pastoral
Die Seelsorger einer Region der
Erzdiözese, Priester, Diakone und Laien, treffen sich einmal im
Jahr zu so genannten Tagen der pastoralen Dienste. In
diesem Jahr geht es um das Anliegen des Schreibens der Bischöfe
Zeit der Aussaat. Missionarisch Kirche sein (siehe
konradsblatt Nr. 6/2001). Als Gesprächspartnerin stand in
Kirrlach, beim dritten Treffen dieser Art, erneut die in Chur
(Schweiz) lehrende Dogmatik-Professorin Eva Maria Faber Rede und
Antwort.
Hinter dem Stichwort des Missionarischen verbirgt sich eine
andere als die gewohnte Blickrichtung, mit der in der Kirche
seelsorglich gehandelt wird. Grundlage dieses Handelns kann immer
weniger jene volkskirchliche Selbstverständlichkeit sein, mit
der die Menschen immer schon dazugehören. Es braucht mehr denn
je den persönlich übernommenen Glauben, das Glaubenszeugnis,
das die Menschen zum Glauben kommen lässt.
Eine der Thesen von Eva Maria Faber lautete: Missionarische
Pastoral ist anspruchsvolle Pastoral. Der Einzelne will
wahrgenommen werden, sowohl der einzelne Gläubige wie auch der
einzelne Seelsorger. Beziehungswerte rangieren bei Umfragen ganz
oben. Vieles hängt davon ab, wie gesprächsfähig die
Beteiligten sind. Die Gottesbeziehung will vom Seelsorger nicht
nur verkündigt, sondern auch gelebt sein.
Und wie sieht es in dieser Hinsicht in unseren Gemeinden aus?
Trotz aller Anstrengungen, das Beste aus der schwierigen
Situation zu machen die Entwicklung geht in die
entgegengesetzte Richtung. Die Priester unter den Seelsorgern
werden zunehmend zu Verwaltern, zu Managern, zu Machern. Darunter
leidet die personale Präsenz der Priester in den Gemeinden und
an anderen kategorialen Orten, an denen Seelsorge geschieht. Wir
dünnen aus, wo es darum gehen müsste zu verstärken. Wer immer
nur verkündet, aber selbst keine Zeit findet, sich um eine
eigene gehaltvolle Spiritualität zu kümmern, wirkt sehr bald
ausgebrannt.
Es wird eingewandt, über zu wenig Zeit und zu viel Arbeit
stöhnen alle. Wer zu wenig Zeit hat, das ist richtig, muss sich
fragen lassen, ob er die richtigen Prioritäten setzt.
Innerkirchlich ist das aber nicht der entscheidende Punkt. Das
Problem ist weit mehr als ein individuelles. Darf man es so weit
kommen lassen, dass Seelsorger immer mehr daran gehindert werden
zu tun, was ihres Amtes ist?
Klaus Nientiedt