Die Zeit drängt

Eine Sternstunde des Deutschen Bundestages: die Debatte über die Bioethik. Das nur allzu bekannte parteipolitische Hickhack beherrschte endlich einmal nicht das Bild. Die wirklichen Meinungsunterschiede verliefen quer zu den Parteigrenzen: Die verbrauchende Forschung an Embryonen wurde besonders kritisch gesehen. Die Präimplantationsdiagnostik, die Untersuchung außerhalb des Mutterleibes befruchteter Eizellen, wurde zwar als Mittel systematischer Selektion abgelehnt, fand aber für bestimmte eng umrissene Fälle Verständnis.
Was man aber nur selten von Politikern hört: Sie sprachen sich selbst das Recht zu, nicht bereits fertige Positionen haben zu müssen. Sie stünden selbst in dieser Thematik noch am Anfang. Wenn es um das Leben geht, müsse man sich Zeit lassen dürfen.
Schön wär’s, wenn dem wirklich so wäre. Bereits am Tag danach war der positive Eindruck verflogen, als bekannt wurde, dass Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement (SPD) dabei war, der Universität Bonn die Möglichkeit zu sichern, aus Israel Stammzellen einzuführen. Die am Vortag vielfach angesprochene Gesetzeslücke – da wird sie bereits genutzt.
Die Kritik an Clement kam – neben den Kirchen – zunächst vor allem aus der Union und von den Grünen. Aber im Grunde kann über diesen Schritt auch niemand in Clements eigener Partei glücklich sein. Sein Schritt verrät wenig Fingerspitzengefühl gegenüber dem Deutschen Bundestag beziehungsweise der parlamentarischen Auseinandersetzung um die knifflige Lebensthematik. Auch gegenüber der Einrichtung des Ethikrates.
Auch wenn Clement nicht dem Buchstaben des geltenden Embryonenschutzgesetzes zuwiderhandelt – seinem Sinn nach tut er es. Die ethische Problematik ist keine andere, wenn die embryonalen Stammzellen aus dem Ausland bezogen werden. Es geht in jedem Fall um den von vielen als unethisch angesehenen Verbrauch von Embryonen zu Forschungszwecken.
Dass die Reden vom Vortag so schnell bereits Makulatur sein würden, wer hatte damit gerechnet? Der Verdacht erhält neue Nahrung, die wirklichen Entscheidungen könnten längst gefällt sein. Die Politik wird keine Zeit haben, noch lange zu diskutieren. Je mehr Zeit verstreicht, desto eher wird man sich eines Tages in das Faktische fügen.
Klaus Nientiedt


Tore für die Normalität

Fußball-Deutschland reibt sich verwundert die Augen. Seit vergangener Woche trägt ein Schwarzafrikaner das Trikot mit dem Bundesadler: Gerald Asamoah, Ghanaer mit deutschem Pass, hat sich durch seine überzeugenden Leistungen bei Schalke für „unsere Nationalmannschaft“ (Bild-Zeitung) qualifiziert. Und auch in der Auswahlmannschaft selbst wurde er gleich zum Publikumsliebling.
Das Medienecho war gewaltig. Grund: Die großen Vereinsmannschaften mögen als Multi-Kulti-Truppen heimatloser Fußballmillionäre weithin akzeptiert sein, die Nationalmannschaften umweht aber immer noch ein anderes Flair.
Dass mit Asamoah nun ein dunkelhäutiger Spieler Deutschland vertritt, mag derzeit noch ungewöhnlich sein. Es bildet aber ein Stück Realität der Gesellschaft ab. Deutsch – das heißt nicht mehr nur blond, blauäugig und „über den Kampf zum Spiel finden“. Manch einem in der Fankurve wird das nicht schmecken. Und nach ein paar schlechten Spielen wird Asamoah schnell mehr als fachliche Kritik zu hören bekommen. Dass er nicht wirklich „Farbe ins Spiel“ bringt, ist noch die harmloseste der diskriminierenden Äußerungen.
Dann wird es Asamoah wieder so gehen wie anderen Dunkelhäutigen in Deutschland. Als Schwarzer müsse man immer ein bisschen besser sein, um akzeptiert zu werden, hat der (ebenfalls farbige) ehemalige Nationalspieler Erwin Kostedde in einem Zeitungsinterview gesagt. Den normalen, soll heißen sowohl angst- als auch klischeefreien Umgang mit Einwanderern müssen viele erst lernen. Das braucht Zeit und in gutem Sinne Gewöhnung. Schon deshalb sind Gerald Asamoah noch viele Spiele und Tore für Deutschland zu wünschen.
Stephan Langer