Die Zeichen der Zeit achten

Erzbischof Saier weihte den neuen Beuroner Erzabt Theodor Hogg

Die Benediktinerabtei St. Martin in Beuron hat einen neuen Erzabt: Theodor Hogg, 59, bisher Prior des Klosters und Leiter der Bibliothek, wurde am 6. März vom Konvent gewählt und jetzt in einem feierlichen Gottesdienst von Erzbischof Oskar Saier geweiht.

Bruder Werner lässt sich nicht anstecken von der allgemeinen Unruhe und Geschäftigkeit. Gelassen justiert er das Objektiv seiner Kamera und sichert sich auf der notdürftig aufgebauten Pressetribüne eine gute Position neben den Zeitungsjournalisten und den Leuten vom Fernsehen. In einer halben Stunde wird der Gottesdienst in der Beuroner Klosterkirche beginnen. Die Bänke sind bereits voll besetzt. „Das ist der sechste Abt, den ich erlebe, seit ich 1952 eingetreten bin“, meint Bruder Werner, der heute im Auftrag des Konvents der Beuroner Benediktiner fotografieren wird. Und dann zählt er sie nacheinander auf: Benedikt Bauer, Benedikt Reetz, Damasus Zähringer, Ursmar Engelmann, Hieronymus Nitz. Und jetzt der Neue: Erzabt Theodor Hogg, 59 Jahre alt, bislang Prior der Beuroner Benediktiner und Leiter der Klosterbibliothek. Am 6. März wurde er vom Konvent zum Nachfolger von Erzabt Hieronymus Nitz gewählt. Jetzt folgt die feierliche Weihe durch den Freiburger Erzbischof Oskar Saier.
Mag Bruder Werner ein Routinier in Sachen Abtsweihe sein – für das Kloster Beuron, für die Gemeinde, für viele Menschen aus der Umgebung und auch für das Erzbistum Freiburg ist dies ein besonderes Ereignis. Und es scheint, als hätte sich der Frühling mit Absicht genau bis zu diesem Tag zurückgehalten, um dessen Bedeutung zu unterstreichen: Zum ersten Mal seit Wochen scheint die Sonne. Der Himmel ist blau und das Donautal zeigt sich von seiner schönsten Seite.
Die Liste der Gäste ist groß und gewichtig: Zahlreiche Äbte und Äbtissinnen, Patres, Schwestern und Brüder anderer Klöster sind gekommen – allen voran der Abtprimas der weltweiten Gemeinschaft der Benediktiner, Notker Wolf. Aus Freiburg nehmen neben Erzbischof Oskar Saier auch die Domkapitulare Hermann Ritter, Robert Zollitsch und Klaus Stadel sowie Offizial Norbert Ruf an der Feier teil. Ein Zeichen für die Verbundenheit von Kloster und Erzbistum.
Eingangs der Liturgie bitten Vertreter des Konvents den Erzbischof um die Weihe des neuen Abtes. Der Erzbischof wiederum stellt die Frage: „Könnt ihr bezeugen, dass die Wahl rechtmäßig erfolgt ist?“ Darauf die Antwort des Subpriors: „Ich weiß es und bezeuge es im Namen des Konventes.“
Sowohl die Lesung als auch das Evangelium des Tages beschreiben das anspruchsvolle Leitbild christlicher Gemeinschaft, gerade der klösterlichen Gemeinschaft. Zunächst die Mahnung des Kolosserbriefes zu aufrichtigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde und Geduld. Dann im Evangelium die Warnung Jesu vor jedwedem Macht- und Herrschaftsanspruch: „Die Könige herrschen über ihre Völker und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste und der Führende soll werden wie der Diener.“
„Pacem Dones Protinus“: „Gib deinen Frieden immerdar.“ Der Leitspruch des neuen Beuroner Erzabtes Theodor Hogg macht deutlich, dass die Umsetzung dieses Leitbildes nicht einfach machbar und planbar ist. Vielmehr erscheint der Friede auch innerhalb eines klösterlichen Konvents immer wieder gefährdet und deshalb letztendlich als Geschenk. Und Erzbischof Oskar Saier weist in seiner Predigt darauf hin, dass der erflehte Friede der Mönche untereinander keineswegs einen Selbstzweck darstellt. Im Gegenteil. „Er bleibt nicht lange hinter den Klostermauern. Vielmehr zieht das friedvolle Kloster die Menschen in ihrer inneren Zerrissenheit und friedlosen Umgebung an wie die Blumen im Frühling die Bienen.“
Dann die eigentliche Weihehandlung: Unter Anrufung der Heiligen liegt der neue Erzabt ausgestreckt auf dem Boden. Anschließend fragt ihn der Bischof nach seiner Bereitschaft, den Brüdern „durch Wort und Beispiel“ den Weg zu weisen. „Ich bin bereit“, antwortet Theodor Hogg auf die einzelnen Fragen. Der Erzbischof übergibt ihm schließlich die Regeln des heiligen Benedikt und den Abtsring als Zeichen der Treue zu seiner Berufung.
Eine lange und doch dichte und ausdrucksstarke Liturgie, die musikalisch ganz im Zeichen des gregorianischen Chorals steht. Am Ende dann der Dank Theodor Hoggs. Insbesondere an seinen Vorgänger Hieronymus Nitz, der nach 20 Jahren, anlässlich der Feier seiner goldenen Ordensprofess, von seinem Amt zurückgetreten war. Zum anderen macht Theodor Hogg deutlich, dass die Erzabtei St. Martin zu Beuron bei aller Bewahrung der Tradition kein Museum ist, sondern im 21. Jahrhundert lebt und Antworten auf die Fragen der heutigen Menschen zu geben hat. „Wir können nicht mehr leben von den großartigen Verdiensten unserer Vorfahren“, unterstreicht er. „Wir müssen und wollen auf die Zeichen der Zeit achten und hellhörig werden für das, was Gott von uns heute will.“
Wie groß die Anziehungskraft der Abtei für die Menschen von heute ist, zeigt der anschließende Empfang im Klostergarten, bei dem fast so etwas wie Volksfeststimmung aufkommt. Bei Kaffee und süßen Stückchen, heißen Würstchen und Bier, Blasmusik und diversen Ansprachen der Vertreter der Politik und der evangelischen Christen wird das Kloster Beuron zu einem Ort der Begegnung und des Gesprächs. Aber das ist es ohnehin das ganze Jahr über: 1500 Gäste, zehntausende Pilger und rund 100 000 Touristen fanden allein im vergangenen Jahr den Weg nach Beuron.

Michael Winter