Die Zahl der kirchlichen Trauungen ist im Erz-bistum Freiburg in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken. Und doch wollen diözesanweit immer noch rund 6000 Paare im Jahr ihre Hochzeit auch in der Kirche feiern. Viele von ihnen haben nur wenig Kontakt zur Gemeinde. Für die Seelsorger ist das mitunter ein ernüchterndes Geschäft, das aber auch viele Chancen bietet.
Sie wissen, dass sie ein Wagnis eingehen
Das Verständnis der Ehe als Sakrament liegt vielen Paaren fern. Aber der Segen von oben ist ihnen wichtig
Es ist nichts mehr
selbstverständlich und es gibt nichts, was es nicht gibt. Wem
daran gelegen ist, ein besonders kritisches Bild von den
Gepflogenheiten rund um die kirchliche Eheschließung zu
zeichnen, der findet belastendes Material in Hülle
und Fülle.
Beispiele? Der Herr sei mit Euch, sprach der Pfarrer
eingangs der Trauung wie gewohnt zur anwesenden
Hochzeitsgesellschaft - in der Gewissheit, dass zumindest
einige wenige diesen liturgischen Gruß erwidern würden.
Stattdessen herrschte Totenstille. Da verlor der ansonsten
zurückhaltende Seelsorger für wenige Sekunden die Fassung:
Scheint nicht der Fall zu sein, sagte er ins
eingeschaltete Mikrofon. Ein anderer hatte alle Mühe, die
Brautleute davon abzubringen, im Rahmen der kirchlichen Trauung
die Roy-Black-Schnulze Ganz in weiß per Akkordeon
erklingen zu lassen. Dass sie einem Hochzeitspaar beim
Vorgespräch den Unterschied zwischen einer Trauung und einer
Brautmesse erklären müssen, ist für langjährige Seelsorger
ohnehin nichts Neues mehr.
Immer weniger kirchliche Trauungen
Hinter solchen Geschichten, die jeder Pfarrer in verschiedenen
Variationen erzählen kann, steht ein grundlegender Wandel im
Verständnis und in der Praxis der kirchlichen Eheschließung.
Ein Wandel, der sich zunächst in der Statistik niederschlägt:
Die Zahl der Paare, die sich kirchlich trauen lassen, ist in den
letzten Jahren drastisch zurückgegangen. Das betrifft zum einen
die absoluten Zahlen: Gab es 1990 im Erzbistum Freiburg noch
10246 kirchliche Trauungen, so waren es im Jahr 2000 mit 5899 nur
noch gut die Hälfte. Aber auch in der Relation zur Gesamtzahl
der Katholiken hat dieses Ergebnis Bestand. Die verringerte sich
nämlich nur geringfügig von 2 237 958 Millionen im Jahr 1990
auf 2 135 274 Millionen im Jahr 2000. Während 1990 auf diese
Gesamtzahl noch 0,46 Prozent kirchliche Trauungen kamen, waren es
im Jahr 2000 nur noch 0,28 Prozent (vergleiche die Tabellen auf
diesen Seiten).
Diese Zahlen wie auch die Erfahrungen von Seelsorgern bei
Hochzeitsgottesdiensten und Traugesprächen kennzeichnen die
wachsende Entfremdung vieler getaufter Katholiken vom kirchlichen
Leben. Eine Entfremdung, die nicht ohne grundlegende Folgen für
das Sakramentenverständnis bleiben kann. Die Beheimatung in der
Pfarrgemeinde kann längst nicht mehr selbstverständlich
vorausgesetzt werden. Ebensowenig die Vertrautheit mit den
gottesdienstlichen Zeichen und Riten oder den biblischen Texten.
Letztendlich, so schreiben auch die deutschen Bischöfe in ihren
im vergangenen Jahr erschienenen Überlegungen zur
Trauungspastoral, könne nur ein kleiner Teil der Paare bewusst
den sakramentalen Charakter der kirchlichen Eheschließung
nachvollziehen und den Glauben bezeugen, dass ihre
menschliche Liebe die göttliche Liebe als Grund und Ziel hat und
in sie aufgenommen ist (Die deutschen Bischöfe: Auf
dem Weg zum Sakrament der Ehe. Überlegungen zur Trauungspastoral
im Wandel, September 2000).
Auf diesem Hintergrund kann es nicht verwundern, dass auch die
Angebote der kirchlichen Ehevorbereitung nicht gerade überfüllt
sind. Im Gegenteil: Wir hatten letztlich einfach keine
Teilnehmer, berichtet beispielsweise der Ettlinger
Pastoralreferent Adrian Dieterle. Und ich akzeptiere nicht
mehr, dass man die Dinge schön redet. Bereits vor zwei
Jahren beerdigte Dieterle deshalb den ohnehin
kompakten, eintägigen kirchlichen Ehevorbereitungskurs im
Dekanat Ettlingen.
Ähnliche Erfahrungen machen auch andere. Franz Knittel, seit 46
Jahren Priester und gemeinsam mit zwei Mitbrüdern als Pfarrer in
Hechingen und damit auch an der beliebten Hochzeitskirche St.
Luzen tätig, verweist auf eine durchgängige Übersättigung
gerade der jüngeren Menschen durch eine Vielzahl von
Veranstaltungen und Angeboten. Das ist fast etwas
Dämonisches, meint er. Auch Pfarrer Edwin Höll, der bis
vor kurzem die Wallfahrts- und Hochzeitskirche in
Gaggenau-Moosbronn betreute und dort in elf Jahren zwischen 400
und 500 kirchliche Trauungen feierte, weiß um das recht geringe
Interesse der Paare an einem kirchlichen Eheseminar. Ich
rate trotzdem immer dazu, meint er. Denn alle, die
mitgemacht haben, waren hinterher sehr angetan.
Die Hochzeit ist keine Lebenswende mehr
Pastoralreferent Adrian Dieterle will in den beiden Ettlinger
Pfarreien Herz Jesu und Liebfrauen statt der überkommenen
eintägigen Ehevorbereitung ein neues Angebot machen. Es richtet
sich nicht an Brautleute, sondern an Paare und Familien, die
schon einige gemeinsame Jahre hinter sich haben. Nicht wenige, so
vermutet Dieterle, suchten nach Möglichkeiten einer
konstruktiven Bewältigung von Konfliktsituationen und
Meinungsverschiedenheiten. Das Sakrament der Ehe sei ein
Wegsakrament. Und deshalb sei das kirchliche Angebot
an Eheleute und Familien, nach einigen Jahren den
gefühlsmäßigen und kommunikativen Bereich ihrer Beziehung zu
stärken, durchaus geeignet, den Sinn dieses Sakramentes zu
vermitteln.
Hinter solchen Bemühungen um neue Angebote der Kirche für
Eheleute und Familien steht die Tatsache, dass die kirchliche
Hochzeit in den meisten Fällen keine wirkliche
Lebenswende mehr ist. Ganz einfach deshalb, weil die
Paare ohnehin schon jahrelang zusammen leben. Und zwar ohne
das Gefühl, mit der katholischen Moral in Konflikt zu
stehen, wie der Hechinger Pfarrer Franz Knittel betont.
Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass das unverheiratete
Zusammenleben eines Paares nicht nur in kirchlichen Kreisen,
sondern auch in der Gesellschaft insgesamt verpönt war. Pfarrer
Bruno Hill aus Rheinstetten-Mörsch bei Karlsruhe, verweist auf
seine Anfangszeit als Priester Mitte der 60er Jahre, als es noch
den so genannten Kuppeleiparagraphen gab:
Damals hätte sich ein Vermieter strafbar gemacht, wenn er
einem unverheirateten Paar seine Wohnung vermietet hätte,
erinnert er sich.
Wenn aber die kirchliche Trauung in der Regel keinen völlig
neuen Lebensabschnitt mehr bezeichnet; wenn bei den
Traugesprächen zutage tritt, dass sich viele getaufte Brautleute
innerlich von der Kirche entfernt haben; wenn die kirchliche
Trauung auch nicht mehr aus bloßer Konvention erfolgt
dann wiegt die Tatsache umso schwerer, dass allein im Bereich der
Erzdiözese Freiburg jährlich immer noch knapp 6000 Paare nicht
nur standesamtlich, sondern eben auch in der Kirche heiraten
wollen. Irgendetwas muss all diesen Paaren an der kirchlichen
Trauung liegen. Irgendein Motiv für die kirchliche Trauung
müssen sie haben, selbst wenn sie dieses Motiv gar nicht ohne
weiteres in Worte fassen können.
Man merkt im Gespräch, dass sie eigentlich gläubig
sind, meint Pfarrer Klaus Schweiß, seit über 30 Jahren
Seelsorger in Steinbach bei Baden-Baden. Hinter dem Wunsch nach
einer kirchlichen Trauung stehe sehr oft das Bedürfnis nach dem
Segen Gottes in einer ganz existentiellen Situation. Eine
Situation, deren Ernst nicht zuletzt auch daher rührt, dass fast
alle jungen Paare in der Verwandtschaft oder im Freundeskreis das
Scheitern von Beziehungen bis hin zur Scheidung erlebt haben. Sie
wissen um die Zerbrechlichkeit einer Ehe.
Pfarrer Bruno Hill aus Mörsch macht die gleiche Erfahrung:
Es geht ihnen unter die Haut. Sie wissen, dass sie ein
Wagnis eingehen und dass es nicht einfach von alleine
funktionieren kann, unterstreicht er. Von einem vollen
Sakramentenverständnis sei das zwar noch ein Stück weit weg.
Aber es ist ein Anknüpfungspunkt.
Der Anknüpfungspunkt: Selbst wenn es den Brautleuten nur ganz
vage um so etwas wie den Segen von oben geht, kann
ein aufgeschlossener Seelsorger die Frage stellen, ob und wie
Gott in der zukünftigen Ehe der beiden Partner vorkommen kann.
Ob und wie der Gott über ihnen zum Gott
zwischen ihnen werden kann, wie es Franz Knittel
formuliert. Und weil die Paare, die sich zur kirchlichen Trauung
anmelden, in der Regel für diese Dimension ihrer Partnerschaft
offen und aufgeschlossen sind, kommt auch für die allermeisten
Seelsorger eine rigoristische Haltung in der Traupastoral nicht
in Frage. Keinen Druck ausüben, sondern das Potential, das
sie mitbringen, aufgreifen, stärken und bewusst machen, so
lautet auch die Maxime von Edwin Höll, dem langjährigen
Seelsorger an der Moosbronner Wallfahrtskirche.
Damit liegt er nicht nur auf der Linie seiner Mitbrüder, sondern
auch auf der Linie der deutschen Bischöfe, die wiederum unter
Verweis auf das Konzil betonen, dass das Ehesakrament nicht nur
Höhepunkt, sondern auch Quelle für ein
Leben aus dem Glauben ist: Auch für Brautpaare, die sich
noch auf der Anfangsstufe des Glaubens befinden, kann sich die
Feier der Trauung positiv auswirken: Sie vermag die Motivation,
die Ehe zu schließen, zu stärken und den Ehewillen zu
stabilisieren, heißt es in dem Papier vom vorigen Jahr.
Ob das so ist und welches Bild von der Kirche diejenigen
mitnehmen, die in Distanz zur Pfarrgemeinde leben, hängt
freilich entscheidend vom Verlauf der Traugespräche ab. Besser:
von der Offenheit, Aufgeschlossenheit und vom Feingefühl des
Seelsorgers. Hakt er im Behördenstil die einzelnen Punkte des
Anmeldeformulars ab oder lässt er sich wirklich auf die Menschen
ein, die ihm gegenübersitzen? Letzteres kostet Zeit. Manchmal
sogar zwei bis drei Stunden pro Treffen.
Aber für die engagierten Seelsorger stellt sich diese Frage gar
nicht. Meine eigene Grundhaltung beeinflusst das
Gespräch, unterstreicht Franz Knittel. Man muss die
Leute ernst nehmen als wirkliche Freunde und
Glaubensgenossen. Bruno Hill wiederum verdeutlicht seine
Haltung in einem Bild: Sowohl beim Traugespräch als auch bei der
Feier selbst gehe es darum, den Fuß in eine angelehnte Tür zu
stellen, damit diese Tür nicht ins Schloss fällt.
Angelehnte Türen sind leichter zu öffnen,
unterstreicht Hill. Die Leute müssen eine positive
Kirchenerfahrung machen.
Diese Haltung verlangt immer wieder auch die Tugend der Geduld.
Denn die Gespräche im Vorfeld der Trauung beinhalten auch die
Frage nach der Gestaltung des Gottesdienstes einschließlich der
Auswahl der Lieder und Texte. Und gerade an diesem Punkt zeigt
sich das Maß an Vertrautheit mit der Liturgie. Je größer die
Distanz zur Kirche, so die Erfahrungen der Verantwortlichen in
der Pastoral, desto größer die Versuchung, aus der Trauung ein
Event zu machen beispielsweise mit einem
eigens engagierten Gospelchor. Oder Künstlern, die
englischsprachige Songs aus der Sparte Kuschelrock zum Besten
geben und davon ausgehen, dass der Organist der Pfarrgemeinde
diese Abteilung problemlos beherrscht. Hier gilt es ebenso
behutsam Grenzen zu setzen wie bei der Auswahl der Texte.
Den kleinen Prinzen, so Franz Knittel, kann man
immer unterbringen. Aber nur zusätzlich. Niemals als Ersatz für
biblische Texte. Da bin ich konsequent. Und bedauernd fügt
Knittel hinzu: Nur wenige denken von der Bibel her.
Aber es gibt sie natürlich diejenigen, die von der Bibel
her denken. Für die eine kirchliche Trauung ganz einfach deshalb
selbstverständlich ist, weil sie sich zur Kirche zugehörig
fühlen. Diejenigen, die ihre Ehe sozusagen auf den Boden der
Kirche stellen und ihre zukünftigen Kinder ganz bewusst im
Glauben erziehen wollen. Sie beleben das mitunter
ernüchternde Geschäft der Traupastoral (Franz
Knittel) ebenso wie die Paare, die vielleicht Tage nach ihrer
Hochzeit nochmals im Pfarrhaus klingeln um sich zu bedanken.
Einfach dafür, dass ihnen im Zuge der Vorbereitung und der Feier
der kirchlichen Trauung ein ganz neuer Horizont eröffnet wurde.
Edwin Höll lädt jedes Jahr alle Paare, die er in der
Vergangenheit in Moosbronn getraut hat, zu einem Treffen ein. Die
Resonanz auf diese Einladung ist so groß, dass er immer zwei
Termine ansetzen muss im Frühjahr und im Herbst. Jeweils
40 Paare kommen dann für einen Tag zurück in ihre
Hochzeitskirche. Zum Sonntagsgottesdienst und zur anschließenden
Begegnung beim Mittagessen und bei Kaffee und Kuchen. Ein Zeichen
dafür, dass sie die Feier ihrer kirchlichen Trauung doch als
eine tiefgreifende Erfahrung wahrgenommen haben und sich ganz
bewusst daran erinnern wollen.
Ein Zeichen sicherlich auch dafür, dass es ihnen bei ihrer
kirchlichen Trauung ernst war mit dem Versprechen bis dass
der Tod euch scheidet. Grundsätzlich, so bestätigen die
Seelsorger vor Ort, ist er immer da: der Wille zu einer wirklich
lebenslänglichen Bindung. Ob dahinter eine Grundhaltung des
Glaubens steht, ist eine andere Frage. Und wohl doch keine
zweitrangige. Wenn Menschen nur auf sich selbst vertrauen,
dann ist das ein brüchiger Boden, meint Franz Knittel.
Die heile Welt gibt es nicht mehr
Umgekehrt aber ist der Glaube auch kein Garantieschein
dafür, dass es gut geht. Zumal eine weitere Begleitung der
Ehepaare und eine Beheimatung in der Gemeinde oft nicht möglich
ist. Die einen können aufgrund beruflicher Zwänge keinen
näheren Kontakt zu einer Gemeinde aufbauen und leben gar nicht
mehr im erreichbaren Milieu der Seelsorge vor Ort, sondern
zerstreut in einer Art Diaspora. Andere haben wenig Interesse an
diesem Kontakt. Sie verstehen ihre kirchliche Trauung wie auch
ihre Ehe in erster Linie als individuelle und persönliche
Angelegenheit, die nichts zu tun hat mit einer Einbindung und
Beheimatung in einen gemeindlichen Kontext.
Pfarrer Klaus Schweiß aus Baden-Baden-Steinbach erinnert sich
noch genau an die 70er Jahre, als das erste Paar geschieden
wurde, das er selbst kirchlich getraut hatte. Das ging mir
wochenlang nach, sagt er. Aber es ist so, wie es ist.
Die heile Welt gibt es nicht mehr. Es hat sie wohl nie
gegeben.
Michael Winter