Die Sorge um die Zukunft der Kinder und Jugendlichen ist eng verbunden mit der Frage, ob die Erziehung in der Lage ist, die Werte zu vermitteln, die die Gesellschaft in Zukunft zusammen halten. Diese Frage ist in den letzten Monaten öffentlich und kontrovers diskutiert worden.
Was wird aus den Kindern?
Erziehung in der Diskussion
Alle reden über Erziehung. Nicht
nur diejenigen, die es von Berufs wegen tun müssen, also die
Erzieherinnen in den Kindergärten oder die Lehrer. Auch
verschiedene Tages- und Wochenzeitungen diskutieren in längeren
Abhandlungen oder gar in Serien die Frage, ob die gegenwärtige
Erziehungsleistung der Erwachsenen gewährleistet, dass aus den
lieben Kleinen auch einigermaßen liebe Erwachsene
werden. Also Menschen, die in der Lage sind, ihr eigenes Leben
und diese Gesellschaft verantwortlich zu gestalten.
Zudem sind in den zurückliegenden Monaten auch einige Bücher
zum Thema Erziehung erschienen. So beklagt beispielsweise die
Journalistin Susanne Gaschke die gegenwärtige Erziehungskatastrophe.
Ihre Forderung lautet: Kinder brauchen starke Eltern.
Gaschkes Kollegin Petra Gerster, prominente Moderatorin des
ZDF-Heute-Journals und ihr Mann, der Journalist Christian Nürnberger,
haben ebenfalls ein Buch zu diesem Thema geschrieben. Gerster und
Nürnberger sehen die Situation zwar nicht ganz so schwarz. Aber
immerhin reden auch sie vom Erziehungsnotstand. Nicht
zuletzt wandte sich keine Geringere als Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf
via Bild-Zeitung an das Volk. Ein bisschen strenger darfs
schon sein, so wies sie den Eltern der Nation die Richtung. Den
Kindern fehle es an den so genannten Sekundärtugenden wie Verlässlichkeit,
Respekt und Ehrlichkeit.
Disziplin- und Verhaltensprobleme
Dass die gegenwärtige Erziehungsdebatte nicht aus heiterem
Himmel kommt, belegen Zahlen, Fakten und die Erfahrungen der Pädagogen.
Es gibt immer mehr Disziplin- und Verhaltensprobleme in den
Schulklassen, so beklagen die Lehrer. Und die Erzieherinnen in
den Kindergärten reden von einer Zunahme des
Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms (ADS). Auch die Logopäden, die
Kinder mit Sprachstörungen behandeln, verzeichnen einen steten
Zuwachs an Patienten. Vielleicht deshalb, weil das Fernsehen als
Hauptbeschäftigung in vielen Familien an die Stelle des
gemeinsamen Gespräches getreten ist? Alarmierend scheint die
Polizeistatistik: Allein in den alten Bundesländer gibt es heute
drei mal so viele gewaltverdächtige Jugendliche als 1984.
Insbesondere bei den unter 14-jährigen ist ein Anstieg zu
verzeichnen. Von den neuen Ländern ganz zu schweigen.
Aber man darf solche statistischen Erhebungen auch nicht
missverstehen. Die meisten Kinder entwickeln sich ganz normal.
Sie sind nicht gewalttätig und vollziehen in ihrer Freizeit auch
keine kriminellen Handlungen, sondern spielen Fußball oder üben
Klavier. Und was Auffälligkeiten wie ADS oder
Sprachschwierigkeiten angeht, so bleibt unklar, ob die Zahlen
nicht auch deshalb höher sind, weil früher einfach nicht so
genau hingeschaut wurde, weil die betroffenen Kinder einfach
irgendwie mitliefen und keiner daran dachte, sie
behandeln zu lassen.
Trotzdem scheint der Trend eindeutig: Die unauffällige Mitte
wird kleiner zugunsten der Zahl der wie auch immer
auffälligen Kinder und Jugendlichen. Und ebenso steht fest, dass
diese Auffälligkeiten und offensichtlichen Defizite nicht den
Kindergärten und erst recht nicht den oft geschmähten Lehrern
anzulasten sind. Das Problem beginnt früher, so die einhellige
Diagnose der Experten. Es beginnt zu Hause in der Familie. Was
hier versäumt wird, das können Institutionen nicht einfach
nachholen.
Mit dem Wort versäumt geschieht freilich bereits
eine Schuldzuweisung. Sofort stellt sich die Frage, wer etwas
versäumt und warum er das tut. Es gibt einen Missstand, also
muss es auch Verantwortliche geben.
Susanne Gaschke beispielsweise stellt gleich am Anfang ihres
Buches klar, dass es die so geannten Achtundsechziger sind, die
das Elend der Erziehung zu verantworten haben. Und zwar das ganze
Elend, einschließlich des verbreiteten exzessiven Fernsehkonsums
von Kindern und Jugendlichen.
Es geht darum, die Macht des Fernsehens als
Erziehungsinstanz zu brechen, schreibt die Journalistin.
Dabei wird man nicht umhin kommen, sich trotz aller Ermüdung
mit jenen Achtundsechzigern auseinanderzusetzen, die es immer
noch für ein Medium der Aufklärung zu halten scheinen.
Keine Rede davon, dass es Anfang der achtziger Jahre die deutlich
gealterten Achtundsechziger waren, die auf einsamem Posten gegen
die Einführung des Privatfernsehens protestierten. Belächelt
und kritisiert wurden sie nicht zuletzt von der
wirtschaftsliberalen FAZ, für die Gaschke heute schreibt.
Niemand hat in Erziehungsfragen die Weisheit mit Löffeln
gefressen. So schreibt Margot Käßmann, die Bischöfin der
Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannover in ihrem kürzlich
erschienenen Buch Herausforderung Erziehung. In der
Tat: Je nachdenklicher und differenzierter die Debatte um die
Erziehung geführt wird, desto größer die Chance, dass möglichst
viele Eltern und Pädagogen darauf aufmerksam werden und über
ihre eigene Erziehungstätigkeit sowie über die Bedürfnisse von
Kindern und Jugendlichen nachdenken.
Veränderte Lebensbedingungen
Und das ist notwendig. Denn alle Autoren machen deutlich, dass
Eltern heutzutage realen wie vermeintlichen Sachzwängen
ausgesetzt sind, die es früher so nicht gab: Waren für die
heute 40-Jährigen oft noch Bücher die einzigen verfügbaren
Medien, so müssen ihre eigenen Kinder heute den sinnvollen
Umgang mit Fernsehen, Videos, Computer lernen. Dazu kommt die
Tatsache, dass Eltern heute offenbar immer weniger Zeit für ihre
Kinder haben. Denn die Kinder, so stellen Petra Gerster und
Christian Nürnberger fest, konkurrieren mit einem Gegner, gegen
den sie keine Chance haben: dem Arbeitgeber, der bei Mitarbeitern
in verantwortlichen Positionen eine Wochenarbeitszeit von 50 bis
60 Stunden oder mehr voraussetzt, ebenso die Bereitschaft, auch
mal abends und am Wochenende zu arbeiten.
Zu berücksichtigen ist auch die schwierige finanzielle Situation
vieler Familien mit Kindern, die nicht selten beide Elternteile
zur Berufstätigkeit zwingt. Wo dies nicht notwendig ist, richten
sich Väter und Mütter zuweilen nicht nach ihren eigenen Überzeugungen
und den Bedürfnissen ihrer Kinder, sondern erliegen dem Druck
der öffentlichen Meinung. Und danach werden Väter, die sich
tatsächlich für einen Erziehungsurlaub entscheiden, noch immer
belächelt und Mütter, die sich ausschließlich dem Haushalt und
der Kindererziehung widmen, als nicht wirklich emanzipiert
angesehen.
Nicht zu vergessen ist die Tatsache, dass viele Kinder heute
grundlegend andere Lebensbedingungen vorfinden, als ihre Eltern
und Großeltern. Es fehlt ihnen der selbstverständliche Umgang
mit Gleichaltrigen einfach deshalb, weil es weniger Kinder
gibt und diese nicht unbedingt in der gleichen Straße wohnen. Überdies
könnten sie auf dieser Straße auch gar nicht mehr spielen, weil
das aufgrund des Autoverkehrs lebensgefährlich wäre. Um die
Natur zu erleben und eine Beziehung zu Tieren aufzubauen, müssen
manche Familien heute eine längere Autofahrt in den nächstgelegenen
Wild- und Wanderpark unternehmen.
Zudem verstellt die Fit for Fun-Gesellschaft manchen
Eltern den klaren Blick auf die Wertigkeiten des Lebens. Denn die
Welt der Bilanzen, Sitzungen, Fitness-Studios und gediegenen
Restaurants erscheint einfach als aufregender als das
morgendliche Schmieren der Schulbrote, das Kontrollieren der
Hausaufgaben, die endlosen Elternabende und der Besuch der
Schwiegereltern am Sonntag. Kinder haben bedeutet eine massive
Veränderung des Lebensstils und des Alltags. Billiger geht es
nicht. Und es ist nicht alles mit allem zu vereinbaren. In einer
Gesellschaft, in der die Single-Ästhetik dominiert
(Susanne Gaschke), kann das nicht oft genug gesagt werden.
Die Erziehungsdebatte könnte letztendlich der ganzen
Gesellschaft zugutekommen. Aber dazu gehört zweierlei Mut. Zum
einen der Mut, den die genannten Autoren aufbringen, wenn sie die
gegenwärtigen Defizite und Missstände benennen und damit auch
das, was viele Kinder heute schmerzlich vermissen: Geborgenheit
in einer intakten Familie, Harmonie, Verlässlichkeit und
Sicherheit. Kinder sind konservativ, schreiben Petra
Gerster und Christian Nürnberger. Links der Vater, rechts
die Mutter, in der Mitte ich, und drumherum eine möglichst große
Familie, dieses Bild scheint jedem Kind als Idealvorstellung des
Lebens eingepflanzt zu sein.
Zum anderen aber muss auch restaurativen Tendenzen mutig
widerstanden werden. Denn die Erziehungsmethoden der früheren
Generationen haben in den sechziger Jahren auch diejenigen jungen
Eltern zurückgelassen, die gar nichts mit der Studentenbewegung
zu tun hatten. Allen war die Erkenntnis gemeinsam, dass Eltern
und Pädagogen für Kinder und Jugendliche nur dann eine glaubwürdige
Autorität darstellen, wenn sie nicht mehr plump autoritär
auftreten und erziehen. Diese Haltung schließt nicht aus,
sondern ein, dass Kindern eindeutige Grenzen gesetzt und
verbindliche Werte vermittelt werden. Eine im guten Sinne anti-autoritäre
Erziehung hat nichts mit Laxheit und Gleichgültigkeit zu tun.
Zu viele Faktoren beeinflussen die Erziehung, als dass einfache
Antworten genügen würden. Und es führt kein Weg zurück in die
Zeit des festgefügten Milieus und der Traditionen, in der die
Kinder in selbstverständlicher Weise den Glauben, die Werte und
die Lebensform ihrer Eltern übernahmen. Alles ist komplizierter
und auch offener geworden. Noch nie war Erziehung eine solche
Herausforderung.
Michael Winter