Die Schwäche ist seine Stärke
Spätestens das Medieninteresse an
den Papstreisen lässt auch in den Tagen seiner jüngsten Reise
auf den Spuren des heiligen Paulus manchen fragen: Warum tut sich
Papst Johannes Paul II. das an? Wenn der Eindruck nicht täuscht,
dann wurde diese Frage jedoch bei früheren Reisen schon mehr
gestellt. Könnte es sein, dass im Fall der Reise nach
Griechenland und Syrien der vermeintliche Nachteil des Alters
beziehungsweise der Krankheit zum Vorteil wurde? Ja mehr noch.
Der physische Zustand des Papstes scheint mehr und mehr selbst
Teil der Botschaft zu sein, mit der dieser Mann sich in alle
Winkel der Welt aufmacht.
Bei all seiner Gebrechlichkeit dieser Mann ist von
Visionen durchdrungen, in denen er vorankommen will, Visionen,
die sich bislang nicht haben realisieren lassen, die aber ganz in
der Linie seines gesamten Pontifikates liegen. Die Beziehungen
der katholischen Kirche zu den orthodoxen Kirchen und zum Islam
beides hochsensible Themen und hochkomplizierte dazu.
Seit Jahren arbeitete man in Rom und andernorts an der
Herstellung von Kontakten zu den orthodoxen Kirchen. Die
gesellschaftlichen Veränderungen in den vergangenen zehn Jahren
in vielen orthodox geprägten Ländern haben diese Bemühungen
jedoch eher erschwert. Die Beziehungen der Orthodoxie zu vielen
Teilen des westlichen Christentums, nicht nur zur katholischen
Kirche, machen gegenwärtig eine schwierige Phase durch.
Der Besuch des Papstes in einer Moschee reiht sich ein unter die
Besuche von Johannes Paul II. in einer lutherischen Kirche und
einer Synagoge, beides in Rom. Alle drei Besuche sind hochwertige
Symbole. Unter allen dreien dürfte der Moscheebesuch der
innerkatholisch umstrittenste sein. Der Papst bleibt auch gegen
Widerstände seiner Linie treu, für die das Friedensgebet von
Assisi 1986 als das herausragende Datum steht.
Gerade der Moscheebesuch von Damaskus eilt der kirchlichen
Wirklichkeit weit voraus. In Teilen der Kirche wird er auf
Unverständnis stoßen. Zu groß ist für viele immer noch die
Fremdheit des Islam. Das hat den Papst jedoch nicht davon
abgehalten, genau diesen Schritt zu tun. Natürlich geht es ihm
nicht um eine problematische Vermischung getrennter religiöser
Traditionen. Er ist vom Wunsch beseelt, dass die Koalition der
Religionen ihr Gewicht weltweit zur Geltung bringt. Um dies aber
tun zu können, braucht es Verständigung, Kontakt, Dialog.
Dieser weltkirchliche Schritt will an der kirchlichen Basis erst
noch eingeholt werden durch eine christlich-islamische
Begegnungs-praxis, die es bisher nur erst in Ansätzen gibt.
Die Entschlossenheit, hier Tore aufzutun, wie könnte sie eindrücklicher
versinnbildlicht werden als in diesem gebrechlichen Mann
nach so viel Unverständnis und Gewalt in der Geschichte. Die
physische Schwäche dieses Mannes gibt ihm innere Stärke,
schafft ihm zusätzliche Legitimation. Sie wirkt wie ein tiefes
Zeichen für die Abwesenheit herrscherlicher Absichten und
Hintergedanken.
Klaus Nientiedt