Die Neustrukturierung der Pastoral bedeutet für viele Gemeinden eine Herausforderung. Sie müssen sowohl organisatorisch umdenken als auch ihre Ziele und Schwerpunkte überdenken. Hilfestellung gibt es bei den Regionalstellen.
Beratung und Begleitung
Die Regionalen Arbeitsgruppen für Gemeindeentwicklung helfen Pfarrgemeinden in der pastoralen Umbruchsituation.
Ob ein Unternehmen erfolgreich
ist, lässt sich gewöhnlich daran messen, ob sein Produkt
entsprechend nachgefragt wird. Wenn ja, dann kommt dieses Produkt
ganz offensichtlich den Bedürfnissen einer bestimmten Zielgruppe
entgegen. Auch ein kirchliches Angebot ist dann erfolgreich,
wenn es häufig nachgefragt wird. Wenn es Konjunktur
hat.
Pfarrgemeinden sind in Not
Nimmt man die Auftragslage als Kriterium, dann sind
die seit einigen Jahren im Erzbistum Freiburg bestehenden Regionalen
Arbeitsgruppen für Gemeindeentwicklung (RAGE) höchst
erfolgreich. Rund 300 Pfarrgemeinden haben die Dienstleistung
dieser Arbeitsgruppen bereits auf irgendeine Weise in Anspruch
genommen. Beratung und Begleitung in einer schwierigen Zeit,
so könnte man diese Dienstleistung umschreiben.
Kein Wunder, dass sie Hochkonjunktur hat: Die Kunden
sprich: die Pfarrgemeinden sind in Not. Die
Neustrukturierung der Pastoral mit der Schaffung der
Seelsorgeeinheiten bringt Probleme mit sich. Manchmal auch
Konflikte. Und unabhängig von diesen strukturellen
Fragestellungen suchen manche Gemeinden auch grundsätzlich nach
neuen Zielen und Schwerpunkten.
In den acht Regionen der Erzdiözese Freiburg haben sich deshalb
unter der Leitung des jeweiligen Regionaldekans kirchliche
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu Regionalen
Arbeitsgruppen zusammengeschlossen. Zehn bis zwölf Frauen
und Männer sind es in den einzelnen Regionen, rund 90 insgesamt
im Erzbistum. Die meisten sind hauptamtlich in der Pastoral tätig,
einige ehrenamtlich. Sie können von den Leitungsgremien einer
Pfarrgemeinde oder Seelsorgeeinheit angefragt werden dem
Pfarrgemeinderat beispielsweise, dem gemeinsamen Ausschuss
verschiedener Pfarrgemeinderäte oder auch örtlichen Pastoral-
und Seelsorgeteams.
Rudolf Vögele, der Referent für Gemeindeentwicklung im Erzbischöflichen
Ordinariat beobachtet in der gegenwärtigen Situation zwei
unterschiedliche, zuweilen aufeinander folgende
Problemstellungen: Es gibt auf der einen Seite Pfarreien,
die Angst haben vor der Seelsorgeeinheit, weiß Vögele.
Angst vor der Seelsorgeeinheit das bedeutet in der Regel:
Angst, in der größeren Einheit einfach aufzugehen oder gar zu
verschwinden. Zumal dann, wenn der Pfarrer als Leiter der
Seelsorgeeinheit nicht am Ort wohnt, sondern vielleicht zehn
Kilometer entfernt. Wer ist für was verantwortlich? Wer sind die
Ansprechpartner und Bezugspersonen für die Gemeinde? Wie lassen
sich die anstehenden organisatorischen Probleme lösen
angefangen von der Festlegung der Gottesdienste in den
verschiedenen Pfarrgemeinden bis hin zur möglichen Bildung neuer
Gremien wie beispielsweise eines gemeinsamen Ausschusses der
beteiligten Pfarrgemeinderäte?
Gelingt es, diese organisatorischen Fragen befriedigend zu lösen,
dann folgt nicht selten eine Phase der Stagnation,
wie Rudolf Vögele feststellt. Probleme, die vielleicht bereits
vor der Schaffung einer Seelsorgeeinheit bestanden, treten jetzt
noch deutlicher zutage. Angesichts leerer werdender Kirchenbänke
und einer sinkenden Bereitschaft zum Engagement macht sich bei
den verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuweilen
Unsicherheit, ja Ratlosigkeit breit. Es fehlen mancherorts
konkrete wie auch realistische Ziele, Perspektiven und Visionen für
die Gemeinde. Das Engagement einiger weniger ist groß. Und doch
scheint sich alles im Kreise zu drehen.
Ein offener Prozess
In solchen Situationen kann der Blick von außen äußerst
hilfreich sein. Äußert ein örtlicher Pfarrgemeinderat oder ein
anderes gemeindliches Leitungsgremium den Wunsch nach einer
Begleitung und Beratung, dann findet zunächst ein Vorgespräch
zwischen den Verantwortlichen beispielsweise dem Vorstand
des Pfarrgemeinderates und zwei bis drei Mitarbeitern der
jeweiligen Regionalen Arbeitsgruppe statt. Hier
werden sowohl die Erwartungen der Gemeinde als auch die Form der
Zusammenarbeit geklärt.
Die konkrete Beratung und Begleitung kann dann im Rahmen einer
oder mehrerer Abendveranstaltungen, bei einer Tagesklausur oder
an einem gemeinsamen Wochenende des Pfarrgemeinderates
stattfinden. Welche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Regionalen
Arbeitsgruppe welche Gemeinde beraten und begleiten ist
offen. Die Gemeinden suchen sich die Begleiter, die sie
brauchen, betont Monika Rohfleisch, Dekanatsreferentin und
Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe der Region Rhein-Neckar.
Es ist gut, dass es einen ganzen Pool von qualifizierten
Leuten gibt.
Die Entstehung der Regionalen Arbeitsgruppen zur
Beratung und Begleitung von Pfarrgemeinden und ihren Gremien lässt
sich an einer diözesanen Konferenz festmachen, die Ende 1994 in
Karlsruhe stattfand. Die Stichworte Seelsorgeeinheiten
und kooperative Pastoral waren damals noch nicht so
geläufig. Die Problematik, die mit diesen Stichworten zusammenhängt,
zeichnete sich freilich schon längst ab. Und es war allen
Beteiligten klar, dass viele Pfarrgemeinderäte in dieser
Umbruchsituation Hilfe brauchen.
Was die inhaltlichen Impulse angeht sind die RAGE-Mitarbeiter
freilich eher zurückhaltend. Die ursprünglich von seiten der Diözese
ins Spiel gebrachte Idee eines Grundkurses Gemeinde,
der vor Ort durchgeführt werden und den Beteiligten bestimmte
pastorale Grundsätze vermitteln sollte, wollten sie nicht
mittragen. Die Gemeinde ist Subjekt ihrer Entwicklung,
unterstreicht Monika Rohfleisch. Das bedeutet: Es geht bei dem
Angebot der Regionalen Arbeitsgruppen nicht um
Wissensvermittlung, sondern um Begleitung, um einen offenen
Prozess, ohne einfach von außen Vorgaben an die Gemeinde
heranzutragen. Wir bieten keinen Kurs zum Lernen, sondern
wir machen uns zusammen auf den Weg und fragen: Was braucht ihr,
um euch weiterentwickeln zu können?, unterstreicht Rudolf
Vögele.
Beim Referenten für Gemeindeentwicklung im Freiburger Ordinariat
laufen die Fäden der Regionalen Arbeitsgruppen
zusammen. Von dieser zentralen Stelle aus werden auch regelmäßig
Fachtagungen für die Arbeitsgruppen angeboten zumal immer
wieder neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dazu kommen, die
einen Nachholbedarf an Weiterbildung auf diesem Gebiet haben.
Die Zahl der Anträge ist seit Gründung der Arbeitsgruppen 1995
kontinuierlich gestiegen, insbesondere seit den letzten
Pfarrgemeinderatswahlen. Albert Janku, Reginalreferent der Region
Rhein-Neckar, weiß, dass diese erhöhte Nachfrage keineswegs nur
mit der Errichtung der Seelsorgeeinheiten zusammenhängt, sondern
mit grundsätzlichen Fragen zur Zukunft der Gemeinde. Wir
sind keine Arbeitsgruppe zur Bildung von Seelsorgeinheiten, zur
Gemeindeentwicklung, betont Janku.
Vielfältiges Beratungsangebot
Insofern richtet sich das RAGE-Angebot grundsätzlich an jede
Pfarrgemeinde wenn sie sich denn die Frage nach dem Ziel
ihrer Aktivitäten und nach dem eigenen Profil stellt. Das Logo für
die Gemeindeentwicklug im Erzbistum signalisiert, dass es dabei
nicht unbedingt um eine Richtungsänderung gehen muss: Oft
birgt schon das Innehalten und Reflektieren des bisherigen Weges
die Chance in sich, neue Ziele und Schwerpunkte zu finden,
meint Rudolf Vögele. Die Folge das zeigen die positiven Rückmeldungen
der beteiligten gemeindlichen Gremien ist nicht selten ein
größeres Maß an Freude am Engagement in der Pfarrgemeinde.
Die diözesane Angebotspalette in Sachen Gemeindeberatung ist
freilich vielfältig und erschöpft sich nicht in der Arbeit der
RAGE. Auch beim Institut für Pastorale Bildung können
Gemeindebraterinnen und -berater angefragt werden. Dazu kommen
weitere Angebote zur Aus- und Weiterbildung Ehrenamtlicher auf
regionaler Ebene und von Seiten der Dekanate. Die Gefahr, dass
diese Vielfalt zur Verwirrung oder gar zu unproduktiver
Konkurrenz führt, liegt auf der Hand. Inzwischen aber scheint
sie gebannt: Die Regionalen Arbeitsgruppen wenden
sich hauptsächlich an Pfarrgemeinderäte. Die Beraterinnen und
Berater des Instituts für Pasotrale Bildung werden in erster
Linie von Seelsorgeteams angefragt. Wer sucht, der findet die
richtigen Ansprechpartner.
Michael Winter
Hinweis: Pfarrgemeinden, die an einer Beratung
und Begleitung durch Mitarbeiter der Regionalen
Arbeitsgruppen interessiert sind, wenden sich an:
Arbeitsbereich Gemeindeentwicklung im Erzbistum Freiburg, Rudolf
Vögele, Ordinariat, Herrenstraße 35, 79098 Freiburg, Telefon:
(07 61) 2 18 82 25.