Die Kirche ist dort, wo die Leute der Schuh drückt
Erzbischof Saier spricht mit Bauern über ihre Existenznöte
Auch der Erzbischof kann keine Wunder wirken, seufzte der 39-jährige Landwirt Fridolin Saier. Doch der entfernt Verwandte des Freiburger Erzbischofs Oskar Saier ist dankbar, dass sich der Oberhirte um die von Existenznöten bedrückten Bauern sorgt. In St. Märgen (Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald) fand eine Begegnung mit einem Dutzend Landwirten aus der Region statt. Für Oskar Saier war es sozusagen ein Heimspiel: Er selbst war auf einem Bauernhof in der Nähe von St. Märgen aufgewachsen.
Wie dramatisch die Situation ist,
zeigte auch, dass die Begegnung in einem Hotel stattfand. Wegen
der akuten Ansteckungsgefahr mit der Maul- und Klauenseuche
konnte das Gespräch nicht wie ursprünglich geplant auf dem Pfändlerhannisenhof
von Fridolin Saier stattfinden. Der Landwirt ist doppelt
geschlagen. Der Orkan Lothar hatte an Weihnachten
1999 seinen Waldbesitz schwer geschädigt. Und die Folgen des
Rinderwahns spürt er nach seinen Worten deutlich: Wenn das
Schlachtvieh überhaupt weggeht, dann zu ganz schlechten Preisen.
Bei dem Gespräch mit dem Erzbischof wird immer wieder deutlich:
Die Landwirte werden von einem Gefühl der Ohnmacht
angesichts der Katastrophen beherrscht. Wir wissen nicht
mehr, wie wir uns verhalten sollen, sagte ein Bauer. Und
die Maul- und Klauenseuche droht sich noch verheerender
auszuwirken. Ein anderer Landwirt klagt: Nach den
abendlichen Fernsehberichten über BSE und Maul- und Klauenseuche
frage ich mich: Warum stehst du morgens eigentlich noch in aller
Frühe zum Melken auf? Neben dem Gefühl der Ohnmacht sind
die Landwirte nach ihren Worten aber auch wütend über die
Politik. Bei dieser negativen Gesamtlage steht die Frage im
Hintergrund: Wer von der jungen Generation will einmal einen
Bauernhof übernehmen? Dankbar sind die Bauern alle für das
Kommen ihres Erzbischofs und seine Solidarität mit ihnen.
Oskar Saier hörte den Landwirten aufmerksam zu und machte eifrig
Notizen. Nach seinen Angaben will die Deutsche Bischofskonferenz
im Herbst eine Erklärung zur Situation der Landwirtschaft und
des ländlichen Raumes veröffentlichen. Darin sollen auch seine
Erfahrungen mit den Nöten der Bauern einfließen. der Erzbischof
machte klar, dass die Kirche natürlich nicht auf konkrete
Einzelfragen Antworten geben könne. Dazu seien die Bauern und
Experten da. Wir müssen die ethischen Grundfragen
studieren. Sonst geht es nur um den technischen Umgang mit den
Tieren, sagte der Erzbischof. Ganz wichtig ist für ihn,
dass die Landwirte die Solidarität der Kirche mit ihnen spüren.
Die Begegnung mit den Schwarzwaldbauern war schon für Oktober
geplant, doch musste sie Saier aus gesundheitlichen Gründen
verschieben.
Die seelsorgerische Betreuung der Landwirte ist für den
Erzbischof besonders wichtig. Wenn der Lebenssinn für die Bauern
innerlich zusammenbreche, komme es zur Depression. Deshalb
müssen wir den Bauern Mut machen und ihnen klarmachen: Ihr steht
nicht allein da, sagte Saier. Wie nahe er selbst den
Landwirten steht, wird auch immer wieder dadurch deutlich, dass
er in den heimatlichen Dialekt verfällt. Das Gespräch mit den
Bauern soll nach dem Wunsch des Erzbischofs auch öffentlich als
Signal wirken: Die Kirche ist dort, wo die Leute der Schuh
drückt.
Erzbischof Saier verband sein Treffen mit den Landwirten auch mit
politischen Forderungen. Er machte deutlich, dass die Erhaltung
der Kulturlandschaft und die Bewahrung der Schöpfung elementare
und unverzichtbare Leistungen der Landwirtschaft
darstellten, die auch entsprechend bezahlt werden müssten. Die
derzeitige Krise sei ein Zeichen dafür, dass die Förderung
regionaler Wirtschaftskreisläufe dringend geboten sei, so
Oskar Saier. Die Neuorientierung in der Agrarpolitik müsse einen
sozial verträglichen, ökologisch nachhaltigen und
wirtschaftlich tragfähigen Strukturwandel zum Ziel haben,
forderte er.
Die Erzdiözese begleitet betroffene existenzgefährdete Familien
mit einem eigenen Beratungsdienst Familie und Betrieb
der Katholischen Landvolkbewegung. Über die Geschäftsstellen in
St. Ulrich, Messkirch und Neckarelz ist er für alle Betriebe und
Familien in der Diözese erreichbar. Auf dem Hintergrund der
aktuellen Entwicklung hat die Bistumsleitung jüngst beschlossen,
diese Beratungsarbeit für weitere sechs Jahre mit insgesamt 1,5
Millionen Mark aus dem Diözesanhaushalt zu unterstützen.
Thimm M. Hirscher/konradsblatt