Die Globalisierung betrifft alle Bereiche. Schlanker werden und gleichzeitig mehr produzieren, heißt die Devise für alle Unternehmen, die auf dem Markt bestehen wollen. Aber in keiner Branche ist das so schwierig wie in der Landwirtschaft. Zumal bei den bäuerlichen Familienbetrieben.
Wie soll das weitergehen?
Alle reden von BSE und MKS. Aber die eigentlichen Probleme der Landwirtschaft liegen tiefer und sind viel schlimmer. Ein Besuch bei einem bäuerlichen Familienbetrieb in Salem-Neufrach.
Globalisierung, das ist, wenn man
bei Tschibo eine Hohner-Gitarre für 80 Mark kaufen kann. Die ist
zwar nicht supergut, aber auch nicht so schlecht. Unglaublich
billig ist sie deshalb, weil sie in Taiwan produziert wird.
Ein Schnäppchen denkt sich da der musikalische Kunde
und nimmt außer seinem Pfund Kaffee so nebenbei noch eine
Gitarre mit. Gut für ihn. Schlecht allerdings für den
heimischen Gitarrenbauer mit den hiesigen Arbeitskosten.
Globalisierung, das heißt aber auch: Wenn die Apfelernte am
Bodensee in einem Jahr schlecht ausfällt, dann wird der Liter
Apfelsaft noch lange nicht teurer, wie zu vermuten wäre. Schließlich
bleibt ja der äußerst günstige Import von Apfelsaftkonzentrat.
Aus China. Die Deutschen sind Weltmeister im Apfelsafttrinken.
Und das wissen die Chinesen.
Auf einen Nenner gebracht heißt Globalisierung einfach:
Billiger. Und daran hat sich der Kunde gewöhnt. Aus Schnäppchen
werden Dauerniedrigpreise. Wer überleben will, muss
dieses Spiel mitspielen. Es ist ein hartes Spiel. In allen
Branchen. Aber in kaum einer Branche ist es so hart wie in der
Landwirtschaft.
1963, als Gebhard und Mathilde Gern heirateten, wurden in
Salem-Neufrach, nicht weit von Überlingen, neue Höfe am Rand
des Dorfes ausgewiesen. Aus der Landwirtschaft stammten sie
beide. Und sie dachten nicht im Traum an einen anderen Beruf. Mit
zwölf Hektar Land, zwölf Kühen und sechs Jungtieren, vier
Muttersauen und 20 Mastschweinen fingen sie an. Damals hieß
es: Das ist die Grundlage für die nächsten 50 Jahre,
erinnert sich Gebhard Gern und lacht.
Es ist ein bitteres Lachen. Weil alles ganz anders gekommen ist.
Statt einem halben Jahrhundert reichte die Grundlage
gerade mal ein paar Jahre. Dann stand der Betrieb ebenso wie
viele andere vor der Wahl: Größer werden oder sterben. Die Ställe
wurden erweitert, Land dazugepachtet. Das ging dann alle
zwei, drei Jahre so, meint Gebhard Gern. Und das wird
so weitergehen. Die Globalisierung der Märkte wird man nicht
aufhalten. Auch die Künast kann das nicht.
Und was bedeutet das? Noch billiger werden, sagt
Gebhard Gern und erzählt von seinem Kollegen, einem Milchviehzüchter
in der Nähe, der gerade wieder investiert und einen neuen, noch
größeren und moderneren Stall baut. Wer überleben will,
muss wachsen. Leise protestiert die Ehefrau: Aber
irgendwann geht es nicht mehr, meint sie. Mathilde,
es ist so. Ob du das willst oder nicht. Es wird alles
weiterwachsen.
Das Wachsen allein reichte freilich nicht aus, um das Überleben
des Hofes der Familie Gern zu garantieren. Es brauchte auch
knallharte betriebswirtschaftliche Entscheidungen. In einem
Industriebetrieb hieße das: Spezialisierung auf ein Kerngeschäft,
auf einen Teilbereich. Wir können nicht alles machen, also
beschränken wir uns. Aber das, was wir machen, das machen wir
richtig. Da wird nicht gekleckert, sondern geklotzt.
Nicht anders in der Landwirtschaft. Für Gebhard und Mathilde
stellte sich eines Tages die Frage: Milch oder Fleisch? Nachdem
vor zehn Jahren innerhalb der Europäischen Union die so genannte
Milchkontingentierung in Kraft gesetzt wurde, nutzte Gebhard Gern
anfangs noch die Möglichkeit, für teures Geld Milchkontingente
zuzukaufen um mehr Milch produzieren und so seinen Bestand
an Kühen halten zu können. Vor zwei Jahren macht er den Schnitt
und entschied sich dafür, einen klaren Schwerpunkt zu setzen:
Schweine.
1000 Ferkel stehen heute auf dem Hof in Salem-Neufrach. Am späten
Vormittag dösen sie kollektiv vor sich hin in ihrem Stall, der
wiederum in viele kleinere Einheiten unterteilt ist. Als Gebhard
Gern den Raum betritt, stehen sie ebenso kollektiv auf und
strecken neugierig die Köpfe in die Höhe. Zwei Ferkel
produzierende Betriebe liefern jede Woche rund 50 vier
Wochen alte Schweine. Sie bleiben etwa ein halbes Jahr auf dem
Hof, bevor sie dann abgeholt werden und ihren letzten Gang in den
Schlachthof antreten. 50 rein, 50 raus. Jede Woche. Gefüttert
werden die Ferkel mit einer Mischung aus Molke, Mais und
Getreide. Die Molke ist ein natürliches Abfallprodukt der
Milchwerke und wird von dort geliefert. Der Mais wird auf dem Hof
selbst angebaut. Lediglich Sojaschrot kauft Gebhard Gern von außen
zu.
1000 Schweine. Das ist weniger als man denkt. Denn durch die
Technik, vor allem durch die halbautomatische Fütterungsanlage,
die Gebhard Gern auf seinem Hof installiert hat, ist die Arbeit
überschaubar. Ich kann heute 1000 mit dem gleichen Aufwand
bewältigen wie 40 Sauen vor 40 Jahren, sagt er.
Zumal bei fallenden oder stagnierenden Preisen nur die Masse den
notwendigen Gewinn und den Lebensunterhalt garantiert. Der
Getreidepreis, der in der Landwirtschaft insgesamt den Eckpreis
darstellt, an dem sich auch andere Produkte orientieren, ist seit
den 60er-Jahren gesunken.
Der Verbraucher will es so. Wenn der Computer bei Mediamarkt
billiger denn je ist, dann erwartet er insgeheim und
vielleicht unbewusst , dass auch das Schnitzel im
Supermarkt wenig kostet. Die Lebensmittelkonzerne tun alles, um
dem Kunden entgegenzukommen. Wiederum zum Leidwesen der Bauern.
Schon vor 20 Jahren gab es nur noch fünf namhafte Aufkäufer
der landwirtschaftlichen Produkte, beklagt Gebhard Gern.
Die sind knallhart und drücken auf die Preise.
Schlecht seien diese preiswerten Lebensmittel deshalb noch lange
nicht. Denn genauso hart seien die Aufkäufer in der Regel auch
in Sachen Qualitätssicherung.
Das müssen sie auch. Denn die Reaktion auf die Rinderseuche BSE
hat einmal mehr gezeigt, wie empfindlich gerade die deutschen
Verbraucher auf reale oder vermeintliche Gefahren im Essen
reagieren. Diese Sensibilität findet Gebhard Gern als
solches gar nicht schlecht. Dass aber der Rindfleischmarkt
dann zusammenbrach, als die Gefahr so gering war wie nie zuvor,
weil die Tiere konsequent auf die Krankheit hin getestet wurden,
das hat gerade für die betroffenen Bauern etwas Irrationales.
Die Gerns kamen dabei aufgrund ihrer Entscheidung für die
Schweinemast zwar mit einem blauen Auge davon. Aber spätestens
als sie erfuhren, dass auch die meisten kirchlichen Bildungshäuser
das Rindfleisch von der Speisekarte gestrichen hatten, fühlten
auch sie sich wie viele ihrer Kollegen als die Sündenböcke
der Nation. Zumal beide schon von Jugend an engagierte Mitglieder
der Katholischen Landvolkbewegung sind. Das macht uns verrückt,
wie man uns hinstellt, regt sich der 63-jährige Landwirt
auf. Den schwarzen Peter alleine den Bauern zuschieben
gegen dieses Muster kämpft er an. Bislang seien nur zwei bis
drei Prozent der Bevölkerung langfristig bereit, für ihre
Lebensmittel mehr Geld zu bezahlen und damit den biologischen
Landbau zu stärken.
Nichtsdestotrotz glaubt auch Gebhard Gern, dass dieser Bereich
wachsen wird. Aber er warnt vor allzu kühnen Erwartungen. Die
entsprechenden Produkte würden zukünftig ebenfalls von den großen
Handelsketten vermarktet, meint er. Das heißt, dass der
Preisaufschlag minimal sein wird. Und der Verdienst der
Bio-Landwirte entsprechend dürftig. Der Betrieb gegenüber, auf
der anderen Seite der kleinen Landstraße am Ortsausgang von
Salem-Neufrach, wird ökologisch bewirtschaftet. Das Verhältnis
zwischen den Landwirten ist sehr gut, wie Gebhard Gern betont.
Wir haben alle die gleichen Sorgen.
Wie soll das alles weitergehen? Für Gebhard und Mathilde Gern
ist zunächst wichtig, dass es überhaupt weitergeht. Acht Kinder
haben sie in all den Jahren großgezogen. Sie sind alle erwachsen
und arbeiten in den verschiedensten Berufen. Sohn Ludger hat sich
entschieden, die Hofnachfolge zu übernehmen. Und dessen eigener
Sohn wird dadurch ebenfalls in einem landwirtschaftlichen
Familienbetrieb aufwachsen. Der Enkel ist drei,
rechnet Gebhard Gern. Ich denke, dass ich noch zehn Jahre
rumspringen kann. Dann ist er dreizehn und es geht wieder weiter.
Für Gebhard Gern gehört das Miteinander von zwei Generationen
zu den wichtigsten Voraussetzungen dafür, dass ein
landwirtschaftlicher Familienbetrieb heute überhaupt eine Überlebenschance
hat. Denn nur so besteht die Möglichkeit der gegenseitigen Hilfe
und Entlastung. Wenn sie sich vertragen, schränkt
Ehefrau Mathilde wieder ein. Das ist nicht selbstverständlich.
Dass sich der Trend hin zum immer größer, immer
mehr und immer billiger einfach fortsetzt und
sich ihr Sohn einem ähnlichen Wandel stellen muss wie seine
Eltern, kann sich Mathilde Gern freilich nicht vorstellen. Wie
soll das denn gehen? fragt sie. Von der Fläche und
von der Arbeit her?
Gebhard Gern wiederum erwartet weitere technische Neuerungen in
der Landwirtschaft, die den Strukturwandel noch beschleunigen
werden. Das Bessere wird immer der Feind des Guten bleiben,
meint er. Es geht nicht ums Reformieren, sondern um
Weiterentwicklung. Und was bedeutet diese Weiterentwicklung
für die Landwirtschaft von morgen? Noch mehr, noch größer,
so Gebhard Gern. Und noch einmal sagt er: Das wird auch die
Künast nicht aufhalten können. Ein bisschen klingt es so
als wünschte er, sie könnte es doch.
Michael Winter