Die Forscher zu Freunden machen

Das Thema ist so überaus nahe liegend und deshalb so verführerisch: Gentechnik im Allgemeinen und Präimplantationsdiagnostik im Besonderen, therapeutisches und reproduktives Klonen und wie die Themen alle heißen: Die Tagesordnung der Medien liest sich wie ein Querschnitt aus den Lehrplänen von Moraltheologie beziehungsweise Sozialethik.
Und weil das alles so neu und so kompliziert ist, liegt es nahe, die verschiedenen Themen bei all ihren sachlichen Unterschieden auf einen Schlag abzuhandeln: Die einen zeigen Respekt vor dem von Gott gegebenen Leben, die anderen tun das angeblich nicht, in diese oder eine ähnliche Richtung weist manche Stimme.
Eine solche Reaktion scheint auch auf den ersten Blick verständlich. Wann konnte man es so hautnah erfahren, wie bedeutsam es für den Menschen ist, Tabus zu kennen: Bereiche des Lebens, die für menschliches Wollen unzugänglich sind, unberührbar, unbedingt schützenswert.
Bei den Christen und den Kirchen kommt der Wunsch hinzu, Farbe zu bekennen und auf sich aufmerksam zu machen. Wenn man es nicht in diesen Fragen tut, wo soll man es dann tun? Könnte es sonst sein, dass man sich eines Tages den Vorwurf machen muss, wieder einmal zu spät wach geworden zu sein.
Trotz allem – Vorsicht scheint angebracht zu sein. Nicht zu Unrecht warnen in diesen Tagen Theologen beider großer Kirchen vor einer „entsetzlichen Moralisierung“ (Martin Honecker), vor einer „Hypermoral“ (Dietmar Mieth) auf diesem Gebiet.
Muss nicht noch sehr viel mehr nachgedacht werden, als es in tagesaktuellen Thesen immer wieder zu lesen ist? Der Ruf nach klaren christlichen Positionen ist leicht ausgesprochen, aber im Detail viel schwerer zu begründen.
Die Christen sollten sich die Forscher zu Freunden und Verbündeten machen, anstatt sie mit pauschalem Misstrauen zu belegen. Ihre Botschaft ist nicht umso glaubwürdiger, je absoluter sie ausfällt. Umgekehrt müssen sie sich keine falsche Zurückhaltung auferlegen, wenn es darum geht, das eigene ethische Urteil in die Diskussion einzubringen.
Es besteht auch kein Grund, das Gesprächsangebot in Politik und Wissenschaft in diesen Fragen nicht anzunehmen. Es ist eine Mär zu glauben, das Wort der Christen sei hierzulande nicht gefragt. Das Gegenteil ist der Fall. Nur machen es sich die Christen nicht einfacher, wenn sie mit einem Standpunkt auftreten, als brauche es ein wirkliches Gespräch eigentlich gar nicht.
Zum Beispiel heißt das: Die Biologie selbst ersetzt kein sittliches Urteil. Der moderne Mensch hat schon zu sehr in die natürlichen Prozesse eingegriffen, als dass die Natur und das Natürliche plötzlich allgemein verbindliche Maßstäbe abgeben könnten.
Dennoch ist die Frage berechtigt: Birgt die Entwicklung nicht erhebliche Gefahren für den Menschen in sich? Hier zur Vorsicht mahnen ist vernünftig. Zumal mögliche Folgen auf diesem Gebiet sich nicht begrenzen und rückholen lassen.

Klaus Nientiedt