Die Botschaft von Hamburg und Berlin
Die beiden Landtagswahlen in
Hamburg und Berlin sind so ausgefallen, dass ihre Ergebnisse in
mancherlei Hinsicht die örtlichen politischen Verhältnisse
widerspiegeln und nicht ohne weiteres auf die übrigen Bundesländern,
zumal die Flächen-staaten unter ihnen, zu übertragen sind. Aber
man kann auf diese Weise auch Botschaften überhören, die diese
beiden Wahlen beide je auf ihre Weise für Deutschland
beinhalten, Vergleichbarkeit hin oder her.
Das atemberaubend gute Abschneiden in Hamburg einer völlig neuen
Gruppierung, die sich vor allem dem Thema innere Sicherheit
verpflichtet fühlt, sagt Verschiedenes aus: Nicht nur, dass
genau dieses Thema politisch vernachlässigt wurde. Es
signalisiert vor allem auch die wachsende Bereitschaft der Wähler,
den gro-ßen Parteien gegebenenfalls den Rücken zu kehren.
Dadurch entstehen nicht neue feste politische Bindungen, die
Bereitschaft aber, Denkzettel zu verteilen, und sei es nur, indem
man recht schlichten politischen Parolen folgt, die nimmt
offenbar zu. Um das Vertrauen, das die herkömmlichen Parteien im
Volk genießen, ist es nicht gut bestellt.
Das veränderte Wahlverhalten muss noch nicht unbedingt eine
Katastrophe bedeuten, zumal wenn es sich um die kommunale und die
Landesebene handelt. Aber man ist versucht sich vorzustellen,
welchen mehr oder weniger fragwürdigen Parolen man sonst noch
folgen könnte.
Muss es tatsächlich auf die Dauer eine Eigenschaft nur der
Stadtstaaten bleiben, dass die traditionellen Volksparteien in
den Raum von 20 und 30 Prozents-Ergebnissen absacken? Nach dem
Berliner Wahlsonntag ist dort nicht nur eine große Koalition
rechnerisch möglich: Ob mit der CDU oder der PDS, in beiden Fällen
würde die regierende SPD eine große Koalition
bilden.
Oder ist der Begriff der großen Koalition vielleicht
gar nicht mehr angemessen? Von einer großen Koalition
kann nur die Rede sein, wenn damit erdrückende Mehrheiten
entstehen, die die nötige Oppositionsarbeit nachhaltig schwä-chen.
In beiden Fällen wäre dies aber nicht der Fall.
Die Regierungen in Hamburg und Berlin vorausgesetzt es
kommt an der Spree zur Ampel werden je auf
ihre Weise kaum stabil genannt werden können. Beide künftigen
Regierungschefs haben nicht sonderlich siegerlich abgeschnitten.
Hier wie dort hat man bis in die Verhandlungen hinein nicht
gewusst, mit wem man es auf der anderen Parteiseite eigentlich zu
tun hat. Das Wahlergebnis als solches sagt noch wenig aus über
den politischen Sachverstand, den die Gewählten mitbringen.
Das einer Volkspartei gleichkommende Abschneiden der PDS in
Ostberlin ändert an diesen Unsicherheiten wenig. Gestern wählten
dieselben die Regierungsmehrheit in Westdeutschland, heute wählen
sie diejenigen, die möglichst viel Distanz zur Mehrheit im
Westen verkörpern. Eine feste politische Kultur ist hier noch
nicht entstanden.
Klaus Nientiedt