Die Benediktinererzabtei Beuron, die in dem ehemaligen Au-gustinerchorherrenstift Beuron im Jahre 1863 gegründet wurde, ist eine der bedeutendsten Benediktinerabteien Deutschlands und eines der geistlichen Zentren der Erzdiözese. Bernd Mathias Kremer stellt sie vor und gibt einen Abriss ihrer Geschichte

„Ein hoher, fruchtbarer Baum“

Die Erzabtei St. Martin zu Beuron, das monastische Zentrum der Erzdiözese Freiburg

Das wahrlich sehr zarte Reis, das von den Mönchen Maurus und Placidus Wolter dort gepflanzt wurde, hat sich zu einem hohen, fruchtbaren Baum entfaltet …“, schrieb Papst Johannes der XXIII. an die Erzabtei aus Anlass ihres 100-jährigen Bestehens. Der damalige Erzabt Benedikt Reetz stellte fest, dass es geradezu erstaunlich sei, dass es im 20. Jahrhundert noch Benediktinerklöster gibt, Gemeinschaften, die nach einer Mönchsregel des 6. Jahrhunderts leben.
In der Tat ist es fast ein Wunder, was sich in dem abgeschiedenen Donautal in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ereignete. Zu diesem Zeitpunkt gab es in der Erzdiözese Freiburg keine Männerklöster mehr. Die Säkularisation des Jahres 1803 hatte Abteien und Klöster hinweggefegt und ihren Besitz dem Staat oder den Fürsten zugewiesen. Im Großherzogtum Baden waren danach Männerklöster staatsgesetzlich verboten, so konnte eine Neugründung nur in Hohenzollern in Betracht kommen.
Die in Bonn geborenen Brüder Wolter, die späteren Erzäbte Maurus Wolter (1825–1890) und Placidus Wolter (1828–1908) traten in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts in die Abtei St. Paulo fuori le mura in Rom ein. Dort kamen sie in Kontakt mit der Fürstin Katharina von Hohenzollern, die das Anliegen der Brüder, in Deutschland ein Kloster zu gründen, auf das Wärmste unterstützte. So kam es schließlich zur Neubesiedlung von Beuron, das von Anfang an größte Förderung durch das Fürstenhaus Hohenzollern erfuhr.
Die ersten Benediktiner fanden dort die ehemalige 1077 gegründete Augustinerchorherrenabtei vor, die bei der Säkularisation dem Fürstenhaus Hohenzollern-Sigmaringen übertragen wurde. Erhalten war die prachtvolle Barockkirche und ein erheblicher Teil des Gebäudebestandes. Schnell wuchs das neue Kloster heran. 1868 wurde es zur Abtei, später zur Erzabtei erhoben, die sich nach mehreren Abteineugründungen zur Beuroner Kongregation erweiterte.
Beuron erstand in einer religiös schwierigen Zeit. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Auswirkungen des so genannten Wessenbergianismus noch nicht überwunden. Durch die ausgeprägte staatliche Kirchenhoheit waren der Entfaltung der katholischen Kirche Grenzen gesetzt. Die Wiederbelebung des monastischen Ideals in Beuron wurde daher mit Begeisterung aufgegriffen. Dies wird deutlich aus dem immensen Anwachsen des Personalstandes des Klosters, der in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts die heute fast unbegreifliche Zahl von 300 Mitgliedern erreichte.

Wiederbelebung alter monastischer Ideale

Kaum war Beuron gegründet worden, entbrannte in Deutschland der Kulturkampf, der insbesondere auch in Hohenzollern wütete, das inzwischen zum preußischen Staat gehörte. Während dieser Zeit mussten die Mönche Beuron verlassen. Zu den „wundersamen Umkehrungen“ dieser gegen die Kirche gerichteten Bestrebungen gehörte es, dass während dieser Epoche ein Aufblühen der Beuroner Kongregation im nicht zu erwartenden Ausmaß erfolgte.
Abteien wurden in der Kulturkampfzeit und danach in Belgien, Österreich, Böhmen, Polen, England, Portugal, im Heiligen Land, ja sogar in Japan gegründet. Vom Beginn der Kulturkampfzeit bis ins 20. Jahrhundert breitete sich die Beuroner Kongregation in Deutschland, in einer ganzen Reihe von europäischen Staaten und im außereuropäischen Ausland aus. Manche dieser Neugründungen sind allerdings den späteren politischen Wirren, insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg, zum Opfer gefallen.
Neben der Wiederbelebung der alten monastischen Ideale zeichnete sich Beuron durch seine umfassende wissenschaftliche und künstlerische Tätigkeit aus. Hervorzuheben sind die Forschungsarbeiten des Vetus-Latina-Instituts. Die Herausgabe des Schotts, die Beuroner Kunstschule, die Theologische Hochschule (zur Zeit geschlossen) und die reiche Verlags- und Publikationstätigkeit. Darüber hinaus nahmen die Mönche eine Vielzahl von Aufgaben in der Wallfahrt und der Seelsorge in der Erzdiözese Freiburg wahr, so dass das Kloster zu einem der religiösen Zentren der Erzdiözese Freiburg wurde.
Von großem Gewicht für die Entwicklung der religiösen Malerei im 19. Jahrhundert wurde die Beuroner Kunstschule. Sie wandte sich von der gängigen Replik gotischer oder romanischer Vorbilder ab und versuchte durch Abstraktion, mathematische Prinzipien, und durch die Aufnahme ägyptischer Motive die Kunst des 19. Jahrhunderts in einer nach ihrer Auffassung angemessenen Richtung in religiöser Hinsicht zu erneuern. Bedeutende Namen aus diesem Künstlerkreis sind: Desiderius Lenz, Gabriel Wüger, Paul Krebs und Willibrord Verkade. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bis weit ins 20. Jahrhundert, war diese Kunstrichtung stilbildend.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat sie jedoch Kritik gefunden. Man setzte ihr entgegen, die Entrückung aus der Wirklichkeit, die die Mystik kennzeichnende Entsinnlichung könne keine Kunst schaffen, sondern sei ihr Todfeind. Von großer Bedeutung war die Beuroner Kunst in der Malerei. Die teilweise Aufnahme von ägyptischen Motiven, die insbesondere Lenz beeinflussten, erscheint uns jedoch heute wesensfremd. In der Architektur blieb ihr Wollen ohne wesentlichen Niederschlag. Die in ihrem Sinne künstlerisch überformte Beuroner Abteikirche wurde nach dem Zweiten Weltkrieg weitgehend wieder auf den ursprünglichen barocken Ausstattungszustand zurückgeführt.
Von größter Bedeutung sind auch heute die Erzabtei Beuron und die Beuroner Kongregation für das Wirken der katholischen Kirche in Deutschland. Die Kongregation umfasst trotz der geschilderten Verluste noch zehn Männerklöster (neun Abteien und ein Priorat) mit 300 Mönchen und zehn Frauenklöster (acht Abteien und zwei Priorate) mit 350 Nonnen.
Auf vielseitige Weise wirken die Mönche der Abtei in der Erzdiözese, die der neu gewählte Erzabt Theodor Hogg treffend als geistliches Zentrum im Süden der Erzdiözese Freiburg und darüber hinaus bezeichnet. Ungewöhnlich gut besucht sind die Sonntags- und Feiertagsgottesdienste in der Abteikirche. Segensreich wirken die Mönche in der Spendung der Sakramente. Rund 100 000 Gläubige pilgern jährlich zur schmerzhaften Mutter in der Gnadenkapelle in Beuron.
Die Mönche wirken neben der Aufnahme von Einzelgästen durch das Angebot von Exerzitien, Meditationstagen und Tagungen, vor allem im Bereich der benediktinischen Mystik, dem Dialog der Religionen und der Wirtschaftsethik. Beuron besitzt eine einzigartige Bibliothek von 400 000 Bänden.
Erzabt Hogg sieht die besondere Aufgabe der Erzabtei darin, als Ort des Gebetes und der Meditation ein wichtiges Zeichen der Christusnachfolge in der heutigen Zeit und in der Welt von morgen zu sein: „Die lebendige Verbindung mit dem göttlichen Herrn im Gebet und im Schweigen des einfach ,Da-seins-vor-IHM‘ in der Kontemplation, ist vom Anfang des Mönchtums im 3. und 4. Jahrhundert bis in alle Zukunft die besondere Aufgabe und das Zeugnis lebendigen Mönchtums.“

Spirituelle Entfaltung und Begleitung

Viele Suchende haben in der Erzabtei Beuron und in den Klöstern der Beuroner Kongregation einen Weg für ihr geistliches Leben gefunden. Durch die Einrichtung einer „Geistlichen Akademie“ soll, so Erzabt Hogg, die spirituelle Entfaltung und Begleitung der Gläubigen und Suchenden gefördert werden.
Die Wahrnehmung dieser Aufgaben und die Erhaltung des großen Gebäudebestandes der Erzabtei erfordern in den kommenden Jahren außerordentlich große Anstrengungen.
Das Kloster Beuron ist für die Erzdiözese Freiburg, wie alle Klöster, ein Geschenk. Treffend charakterisiert Erzabt Hogg die Auffassung seines Konventes: „Für mich und meine Mitbrüder wäre es eine große Freude und Genugtuung, wenn wir den Geist des heiligen Benedikt, der selber in einer Zeit der Kriege und des Untergangs lebte, in einer Zeit, in der unsere germanischen Vorfahren das römische Reich in Schutt und Asche legten, wenn wir die Schätze dieses kontemplativen, in der Liebe gegründeten Geistes leben und weitergeben könnten.“

Bernd Mathias Kremer