Die Bedeutung des Ehrenamts wird seit Jahren in Politik und Gesellschaft entdeckt. Man hat inzwischen gelernt: Ohne diese freiwillig wahrgenommenen Dienste wären wir ärmer. Wie kommt es zu diesem Sinnes-wandel? Was sagt das über die Lage der Gesellschaft? Das konradsblatt befragte dazu den Leiter der Geschäftsstelle Bür-gerengagement im Stuttgarter Sozialministerium, Konrad Hummel.
Sich gewinnen lassen fürs Ganze
Politik und Gesellschaft entdecken das bürger-schaftliche Engagement Fragen an Konrad Hummel vom Stuttgarter Sozialministerium
konradsblatt: Herr Dr.
Hummel, die Politik singt seit langem das Hohe Lied auf das
Ehrenamt. Ist die Politik mit ihrem Latein am Ende und hält
deshalb so große Stücke auf bürgerschaftliches Engagement?
Hummel: Da kommt verschiedenes zusammen. Die
Politik ist an dem Thema nicht nur aus finanziellen Gründen
interessiert. Die Politik kann noch so klug sein, sie wird von
der Bevölkerung nur akzeptiert, wenn es eine Balance gibt
zwischen dem, was Bürger empfinden, und dem, was Politik will.
Die Politik spürt: Mit den üblichen Steuerungsinstrumenten, mit
Anweisungen, Erlassen, Geld allein ist vieles nicht in den Griff
zu bekommen. Hier hat ein dramatischer Wechsel stattgefunden.
Warum soll die Politik überhaupt steuernd eingreifen?
Ist das bürgerschaftliche Engagement nicht etwas sehr Persönliches,
eben Freiwilliges, und damit notwendigerweise ungeordneter?
Ich verstehe Ihre Sorge durchaus. Wenn heute in einer Stadt ein
Baum gepflanzt werden soll, braucht dieser einzelne Baum aber
Planung, sonst wächst er nicht. Dasselbe gilt auch für das bürgerschaftliche
Engagement: Wenn sich die Politik keine Gedanken macht über die
Rahmenbedingungen, wird Bürgerengagement nicht oder nicht mehr
wachsen. Würde die Politik das Ehrenamt ignorieren, würden wir
eine zentrale Triebkraft öffentlicher Demokratie übersehen.
Dennoch haben Sie Recht: Politik neigt dazu anzuweisen, zu
belohnen, zu verplanen. Und das kanns nicht sein.
Wie will die Politik hier steuernd eingreifen?
Die tiefste Motivation etwas zu tun oder nicht zu tun, darauf hat
der Staat fast keinen Einfluss. Aber das ist nicht der Punkt. Die
Frage ist vielmehr: zu wessen Nutzen. Und das ist eine
Wertefrage, die der Politik nicht gleichgültig sein darf. Die
Frage ist also: Wie bekommen wir es hin, das Engagement zu
Gunsten des Gemeinwohls zu fördern?
In der Diskussion um das Bürgerschaftsengagement wird
oft auf die USA als Beispiel oder Vorbild verwiesen. In den USA
hat man eine andere Auffassung von der Rolle des Staates als in
Mitteleuropa. Besteht hier nicht die Gefahr, dass man Dinge in
die Verantwortung der Bürger gibt, die nach unserer Auffassung
eigentlich Sache des Staates wären?
Die Rechnung ist mir zu einfach. In den USA verbindet das
Engagement die Menschen über Klassengrenzen hinweg. Der Mana-ger
und jemand aus einer ande-ren Schicht reden bei der Grillparty
nicht zuerst über den Beruf und die Gesundheit, Lieblingsthemen
in Deutschland, sondern sie reden über das Engagement. Chrysler
etwa hat ein umfassendes Gemeinwesen-Aktivierungsprogramm in
Detroit. Ich wäre froh, Daimler hätte so etwas. Daimler denkt
hier völlig anders. Hierzulande delegiert man dies an den
Sozialstaat. Wir werben mühsam seit langem dafür, dass in
Deutschland die Wirtschaft im deutschen Sozialstaat mehr
Verantwortung übernimmt.
Braucht ein Land mit wenig Sozialstaat das bürgerschaftliche
Engagement nicht eher als ein Land mit einer
Sozialstaatstradition wie Deutschland?
Wir sind nicht das positive Gegenmodell zu den USA. Wir müssen
ein neues Gleichgewicht zwischen Wirtschaft, Bürgern und Staat
schaffen. Mir macht Folgendes Sorgen: Wenn hierzulande ein
Problem auftaucht, sagen wir gleich: Hier brauchen wir eine
Planstelle mit einem Sozialarbeiter. Dieser Reflex ist
unglaublich groß. Ergebnis: Wir haben in den letzten Jahrzehnten
die Professionalisierung massiv ausgeweitet und glauben, die Lösung
bestimmter Probleme Fachkräften überlassen zu müssen. Wir
brauchen eine gelassenere Sozialstaatspolitik. Natürlich
brauchen wir auch Fachkräfte, aber wir müssen Bürger in die
Verantwortung nehmen. Bürger und Fachkräfte müssen gemeinsam
Probleme lösen.
In der deutschen Öffentlichkeit werden unentwegt Werte
wie Konkurrenz, Flexibilität, Mobilität als notwendig und
positiv gepredigt. Behindern diese Werte nicht bürgerschaftliches
Engagement?
Das wirtschaftliche Marktdenken dringt in der Tat in alle
Bereiche, auch in den zwischenmenschlichen ein. Die Mobilität
ist ein Fakt. Im mittleren Neckarraum zieht permanent ein Drittel
der Bevölkerung innerhalb von fünf Jahren um. Dies müsste
eigentlich zum Zusammenbruch des klassischen Vereinswesen führen.
Tatsache ist aber auch, dass die Mobilsten die Ersten sind, sich
bei Projekten zu engagieren. Rund um die Großstädte herum
besteht eine besonders vitale Bürgerschaftskultur. Mobile Bürger
wissen, dass sie sich nur integrieren können, wenn sie sich
engagieren. Aber richtig ist: Bürgerschaftsengagement sagt das
genaue Gegenteil von Konkurrenz: Ich lasse mich gewinnen fürs
Ganze.
Besteht anderseits nicht die Gefahr, dass man das
Engagement der Bürger sozialromantisch verklärt? Auch auf
diesem Gebiet haben wir es doch auch mit handfesten
Interessengegensätzen zu tun.
Gemeinwohl wird leicht verwechselt mit Friede, Freude,
Eierkuchen. Gemeinwohl ist auch die Kraft zur
Konfliktkultur. Für mich ist genau dies ein wichtiges Kriterium,
ob die Politik das neue Ehrenamt begriffen hat. Dazu gehört eben
auch das Austragen von Interessengegensätzen.
Was verstehen Sie unter neuem Ehrenamt?
Es geht hier nicht um ein Entweder-oder. Das alte wird durch das
neue ergänzt. Selbsthilfe ist Teil des heutigen Ehrenamtes,
Zivilcourage gehört dazu. Das neue Ehrenamt kommt stärker vom
Einzelnen, der sich einbringen will, der sich im Zusammenspiel
mit anderen erfahren will. Das alte Ehrenamt forderte den
Einzelnen auf mitzuwirken. Es beruhte auch auf der traditionellen
Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Die Ehefrau war nicht
selbst erwerbstätig und konnte sich daher engagieren. Das
treffen wir bei jüngeren und künftigen Frauengenerationen immer
weniger an. Das alte Ehrenamt ist homogen, das neue ruft eher
nach Vielfalt. Mit Formen des neuen Ehrenamts will der Einzelne
zu neuen Begegnungen kommen. Und dazu gehört auch Teilhabe: Man
möchte nicht nur ausführen, sondern mitbestimmen können.
Ist Baden-Württemberg ein für das Ehrenamt günstiges
Land?
Ich halte es nicht für einen Zufall, dass Baden-Württemberg mit
40 Prozent verbindlich sozial engagierten Menschen an der Spitze
der Bundesländer liegt. Drei Merkmale Baden-Württembergs begünstigen
dies: Erstens die Siedlungsstruktur. Unser Land hat extrem viele
Kommunen mittlerer Größe, zwischen 30 000 und 80 000
Einwohnern. Nach allem, was wir wissen, scheint dies für das
Engagement günstig zu sein. Diese Größe scheint ein Maß an Nähe
und Distanz zu sein, das sich positiv auswirkt. Zweitens wurde
dies Land in der Nachkriegszeit erheblich durchmischt:
evangelisch katholisch, industriell
landwirtschaftlich. Dies hat Baden-Württemberg zu einem
unfreiwillig sehr modernen Land gemacht. Wir haben viel
Zuwanderung. Auch das wirkt sich positiv auf das Engagement aus.
Drittens haben die Menschen in diesem Land eine
Aufstiegsorientierung. Man investiert viel in die Bildung. Das
ist für neues Engagement sehr hilfreich.
Zu einem grundsätzlichen Streit ist die Frage geworden,
ob und wenn ja, welche Art von Vergütung das Ehrenamt erhalten
soll. Wie denken Sie in dieser Frage?
Dies Thema ist tatsächlich zu einer Prinzipiendiskussion
geworden. Im Mittelpunkt steht die Frage: Ist das, was wir mit Bürgerschaftsengagement
bezeichnen, ein dritter, ein gemeinnutzorientierter Sektor in der
Gesellschaft? Ich bin ein Anhänger dieses dritten Sektors und
werbe dafür, dass in ihm andere Regelungen gelten als im
Erwerbsbereich. Anderseits:
Bestimmte bessere Einkommensschichten können sich leichter
engagieren als zum Beispiel wirtschaftlich schlecht abgesicherte
Gruppen. Das Freiwillige Soziale Jahr wird faktisch nur von
Mittelschichtskindern genutzt. Wenn wir den Hauptschüler
einbeziehen wollen, müssen wir uns hier Gedanken machen. Und da
gebe ich zu, dass wir nicht umhinkommen, auch gezielt Geld
einzusetzen. Generell aber müssen wir verhindern, dass dies zu
einer Erwerbslogik wird.
Die Übergänge zum Erwerbsleben sind dennoch fließend
geworden: Was heute ehrenamtlich getan wird, kann morgen schon
beruflich wahrgenommen werden
Die Frauenbewegung etwa hat davon profitiert. Jedes Engagement in
einem Mütterzentrum, in einem Frauenhaus, hat wenn dies
einigermaßen gut lief und zertifiziert wurde massiv
Einstellungsvorteile beim nächsten Arbeitsplatz: Umgang mit
Computer, Leitung einer Gruppe, freies Reden, Organisieren der
finanziellen Mittel. Dies bejahen wir ausdrücklich. Deshalb
haben wir ein Förderprogramm mit der Bezeichnung Schlüsselqualifikationen
des Bürgerengagements.
Das Ehrenamt in den Kirchen erlebt gegenwärtig auch
manche Durststrecke. Ist der Eindruck richtig, dass die Besinnung
auf die Stärken des bürgerschaftlichen Engagements auch das
kirchliche Ehrenamt aufgewertet hat?
Durchaus. Und ich finde das eine positive Entwicklung. Die
Vielfalt etwa auf karitativem Gebiet wird deutlicher, Profile schärfen
sich. Der falsche Weg wäre es nur, wenn jeder alles selbst
machen wollte. Wir brauchen kluge Vernetzung. Dass wir uns um
eine Balance zwischen Haupt- und Nebenamt bemühen müssen, das
haben die katholischen Initiativen seit langem gewusst. Auch
weltliches Engagement ist nie wertfrei. Wir stellen keinen Rückgang
konfessionellen Engagements fest, wir haben aber einen Rückgang
bei den zentralen konfessionellen Instanzen. Kluge Leute in den
Kirchen haben längst begriffen: Die Kirchen sind auch wie große
Tanker von einer Vielfalt kleiner Schiffe umgeben. Die
Frage ist, ob und wie man sich einbringt in die Gesellschaft
nicht in der Form von missverstandener Missionierung,
sondern indem man eine unverwechselbare wertorientierte Haltung
einbringt.
Interview: Klaus Nientiedt