Die Vorstellung der Menschheit darüber, wie und wo das Paradies gewesen sein könnte, gehen bekanntlich auseinander. So wie der Bodensee könnte es aber durchaus gewesen sein. In unserer Sommerserie sind wir dieses Mal mit einem Segelboot „Unterwegs im Erzbistum“. Ausgangs- und Zielhafen: Überlingen.

Der See verbindet

Mit dem Segelboot über den Überlinger See

In seiner Freizeit wendet der moderne Mensch Kulturtechniken an, die er im Alltag längst abgelegt hat: Er geht weite Strecken zu Fuß oder fährt mehr als er eigentlich müsste mit dem Fahrrad.
Sein Nachtlager schlägt er in Zelten auf – einmal im Jahr darf es ruhig etwas provisorischer sein. Freizeit, zumal der sommerliche Urlaub, ist auch ein Stück „anders leben“.
So ist es auch mit dem Segeln. Äußerlich spricht manches gegen diese Fortbewegungart. Die Geschwindigkeit bewegt sich in den meisten Fällen in einer Höhe, mit der sich auch ein nur durchschnittlich trainierter Fahrradfahrer nicht zufrieden gäbe. Und die Richtung, die man einschlägt, hängt nicht nur vom Ziel ab, das man ansteuert, sondern auch von der Richtung, aus der der Wind kommt. Wenn er denn kommt. Nein, diese Fortbewegungsart ist, vor allem an einem windstillen Tag wie heute, nichts für Leute, die schnell vorankommen wollen. Eher schon ist sie eine – selbst gewählte! – Übung in der Langsamkeit.
Wo ließe sich dieses besser er-fahren als auf dem Bodensee, genauer: auf dem Überlinger See. Dies ist der nordwestliche, fingerähnliche Teil des Schwäbischen Meeres, wie der Bodensee auch genannt wird. Von Meersburg bis Ludwigshafen reicht er und ist damit etwa 17 Kilometer lang. Eine gedachte Linie zwischen Meersburg und dem Rand des Konstanzer Trichters trennt ihn vom Obersee. Im Unterschied zum Obersee bewegt man sich auf dem Überlinger See zwischen zwei jederzeit klar erkennbaren Uferlinien: Mit einer Breite von zwei bis drei Kilometern ist er deutlich schmaler als der Obersee mit seinen – etwa zwischen Friedrichshafen und Arbon – immerhin 14 Kilometern Breite.
Unsere Jolle (ein offenes Segelboot mit Schwert) liegt in einem Hafen nahe dem Überlinger Westbahnhof. Es ist eine nicht mehr nagelneue „Varianta“, die auch als Übungsboot einer Segelschule dient. Segeln beginnt mit dem Herrichten des Bootes. Das Großsegel muss aufgezogen, das Vorsegel mit den Stagreitern an der Vorstag befestigt werden. Mit den Schoten (Leinen) werden später die Segel bewegt; vor Beginn des Törns werden sie am Baum des Großsegels beziehungsweise am Schothorn (Ecke) des Vorsegels angebracht.
Der Tag verspricht sonnig zu werden. Es herrscht ein schwacher Wind, der morgendliche, auflandige, so genannte Seewind. Abendliche Gewitter sind erst für den zweiten Teil der Woche angesagt. Südöstlich ahnt man mehr als man ihn sieht den größeren Teil des Bodensees, den Obersee. Der Dunst am südlichen Horizont lässt schemenhaft die Schweizer Berge erkennen: Was für eine Stimmung auf dem morgendlichen See!
Was immer die Menschen sich in einigen tausenden von Jahren unter einem Paradies vorgestellt haben: hier beziehungsweise so wie am Überlinger See könnte es gewesen sein. Am Bodensee herrscht – auch zu anderen Jahreszeiten – ein mildes Klima; hier wachsen Pflanzen, die sonst eher südlicher anzutreffen sind. Die Ufer des Sees gehören zu den ältesten Siedlungsgebieten in unseren Breiten: Die Pfahlbauten von Unteruhldingen auf dem nördlichen Ufer sind dafür ein anschaulicher Beleg.
Die Seeanrainerorte säumen das Ufer wie an einer Kette: Sipplingen, Ludwigshafen, Bodman, Wallhausen, Dingelsdorf, die Insel Mainau, Staad, schließlich auf der nördlichen Seite: Meersburg, Unteruhldingen, Nußdorf und wieder Überlingen. Der See scheint diese Orte nicht voneinander zu trennen, er verbindet sie. Hier fährt man Schiff, wie man andernorts Bus fährt. Wem könnte das Münster von Überlingen anders geweiht sein als dem heiligen Nikolaus, dem Patron der Seeleute?
Der Blick von See her ist anders, als man ihn von Land her gewohnt ist. Die Orte liegen in ihren seezugewandten Teilen tief, eben auf Seehöhe. Ausnahme: Die Wallfahrtskirche Birnau sieht man etwas oberhalb. Ihr Turm ist eingerüstet und grüßt in ungewohntem Blau. Manche Orte rund um den Überlinger See haben gleich mehrere Häfen – dennoch sind Bootsstellplätze am Bodensee ein knappes und dementsprechend teures Gut.
Schwacher Wind, nur leicht bewölkter Himmel, Sonne pur – der größte deutsche und drittgrößte europäische Binnensee ist nicht immer so lieblich. Er zeigt sich mitunter auch auf ganz andere Weise. Rund um den See sind 43 orangefarbene Blitzfeuer angebracht, die in zwei Stufen Vorsichtsmeldungen und Sturmwarnungen abgeben. Innert kurzer Zeit kann sich dieser paradiesisch anmutende Bodensee unter Föhn- oder Gewittereinfluss in eine schwer zu befahrende See verwandeln. Der ortsansässige Martin Walser ließ eine solche Wetterlage zu literarischen Ehren kommen – in seiner Novelle „Ein fliehendes Pferd“.
Uns geht es an diesem Tag nicht wie Helmut Halm und Klaus Buch aus Walsers Novelle, denen ein Gewitter zum Verhängnis wird. Im Gegenteil. Die für den Bodensee schon klassische Schönwetterflaute ist eine Geduldsprobe. Ein Batterie getriebener „Flautenschieber“ – kein vollwertiger Motor – hilft, dass wir nicht zum völligen Stillstand verdammt sind. In kleinen Böen aus unterschiedlichen Richtungen bringt sich der Wind kurzzeitig in Erinnerung. Der Verklicker auf dem Masttopp (Windmesser auf der Spitze des Mastes) dreht sich immer wieder um 360 Grad.
Wallhausen, Dingelsdorf, Nußdorf, Überlingen – mangels Wind bleibt die Tour rund um den Überlinger See auf diesen Ausschnitt begrenzt. Was man alles hätte sehen können – die Auskunft des Reiseführers muss diesmal genügen. Wer sich auf den Wind verlässt, muss damit rechnen, dass alles ganz anders kommt. Einen zweiten Versuch sah die redaktionelle Zeitplanung nicht vor – obwohl der sicherlich später einmal nachgeholt wird.

Klaus Nientiedt