Der Platz von Religion

Trauer in aller Welt, vor allem  aber in den Vereinigten Staa ten um die Opfer der Anschläge vom 11. September. Das Symbol westlicher Kultur weit über die USA hinaus, New York, entdeckt an sich selbst eine unerwartet lebendige Kultur des Mitleidens, der Solidarität, ja eine Kultur der Gemeinschaft.
Religion spielt bei all dem plötzlich eine selten so erlebte starke Rolle. Nicht nur bei der persönlichen und gemeinschaftlichen Bewältigung des Schmerzes im Gebet. Auch bei der Frage nach den Ursachen der Ereignisse, bei der Frage nach den großen weltanschaulichen Strömungen, die die Menschheit heute kennzeichnen.
Islam-Fachleute sind mit einem Mal auf allen Kanälen gefragte Leute. Aus welchen Richtungen besteht diese Weltreligion? Wie steht es in ihr um die Beziehungen zwischen Staat und Kirche? Welches Gottesbild kennt der Islam? Ist er vereinbar mit dem Leben in einer westlich-aufgeklärten Umgebung? In welchem Verhältnis stehen der Islam als solcher zum Fundamentalismus?
In einem christlichen Umfeld, zumal in Europa, haben wir uns angewöhnt, Religion zunehmend als eine Sache des einzelnen zu begreifen, als Privatsache, nicht aber als Anliegen großer Gemeinschaften, ganzer Völker und Kontinente. Und tatsächlich hat sich ja vieles in diese Richtung verändert.
Könnten wir hierbei nicht aber auch voreilig urteilen? Sind geschichtlich gewachsene Prägungen ganzer Völker und Kontinente durch bestimmte Religionen nicht viel stärker, als uns dies oftmals bewusst ist?
Bei der Religion werden Schichten menschlicher Existenz berührt, die nur über lange Zeiträume wirklich veränderbar sind. Und diese Prägungen treten mit einem Mal unerwartet deutlich hervor – etwa in Momenten der Trauer, wie wir sie seit mehr als zwei Wochen erleben.
Wenn aber Religion diese wichtige Rolle hat, wie wir sie in diesen Tagen erleben, dann gibt es einmal mehr gute Gründe, sich mit ihr auch öffentlich zu befassen, sie nicht ins private Kämmerlein zu verbannen.
Nicht als ob es dieses Beweises tatsächlich bedurft hätte – aber in diesen Tagen spüren wir mehr als sonst, wie wichtig es ist, Religion als ganze und die Religionen im Einzelnen den ihnen zukommenden Platz im öffentlichen Leben zu geben. Für das Zusammenleben aller ist es wichtig, die eigene Religion wie auch die Religion anderer zu kennen, unterscheiden zu können zwischen Menschen verachtender und menschliches Leben schützender Religion.

Und das hat sehr konkrete Folgen. Religion gehört in das Programm allgemein bildender Schulen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Religion allgemein und einzelnen Religionen an den Universitäten ist unverzichtbar. Kontakte über die Grenzen der Religionen hinweg sind eine wesentliche Voraussetzung für den Weltfrieden. Das interreligiöse Gespräch ist nicht Ausdruck von Beliebigkeit und ein Verzicht auf die Suche nach der Wahrheit, sondern zentraler Bestandteil des Lebens in einer sich globalisierenden Weltkultur.

Klaus Nientiedt