Der Name Auschwitz steht weltweit für ein beispielloses Verbrechen: die systematische, rassistisch motivierte, fabrikmäßig betriebene Vernichtung von Millionen von Juden durch Nazi-Deutschland. Vor 56 Jahren, am 27. Januar 1945, wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager von amerikanischem Militär befreit. Die Stadt Auschwitz tut sich im Umgang mit ihrer dunklen Geschichte schwer.
Leben am Ort der Shoa
Auschwitz: Zwischen Erinnerung und dem Wunsch nach Normalität
Es gibt noch ein anderes
Auschwitz. Oswiecim, so lautet der polnische Name von Auschwitz,
ist heute eine Provinzstadt mit rund 50 000 Einwohnern. In
Auschwitz ist das, wofür Auschwitz weltweit als
Symbol steht, gewissermaßen ein Teil, eine Sehenswürdigkeit in
der Stadt, eine Gedenkstätte, Straßenschilder
sprechen auf Polnisch von Museum. Die Spannung
zwischen dem zeitgenössischen Auschwitz und dem Symbol Auschwitz
ist seit Jahren der Ausgangspunkt zahlreicher
Auseinandersetzungen.
Weltweite Bekanntheit erlangte der mehrjährige Konflikt um die
Ansiedlung eines Karmelitinnenklosters am Rande des ehemaligen
Konzentrationslagers. Mitte der 80er-Jahre, bei einem Besuch von
Papst Johannes Paul II. in Belgien, tauchten Plakate auf, auf
denen die Westeuropäer aufgefordert wurden, dem Papst ein
Kloster zu schenken. Vor allem unter Juden löste dies
Fragen und Proteste aus. Zur selben Zeit hatten sich polnische
Karmelitinnen im so genannten Theater von Auschwitz
eingerichtet, einem Gebäude, das im kirchlichen Besitz war und
das mit seiner Rückseite an die Umgebungsmauer des Lagers
grenzt.
Von jüdischer Seite sah man in diesem Schritt eine untragbare
Vereinnahmung von Auschwitz durch die Christen. In Polen tat man
sich mit diesen Protesten schwer. Auschwitz im Unterschied
zum nahe gelegenen Vernichtungslager Birkenau gilt in
Polen nicht in erster Linie als Symbol der Shoa, sondern als ein
Lager, in dem in erster Linie Polen, unter ihnen auch sehr viele
Nichtjuden, die Opfer waren. Zeitweise drohten die Vorgänge das
Verhältnis der katholischen Kirche und des Apostolischen Stuhls
zum Judentum und zum Staat Israel erheblich zu belasten.
Kreuze als Provokation
In längeren Verhandlungen auf internationaler Ebene zwischen
hochrangigen Kirchenvertretern und Vertretern des Judentums wurde
schließlich eine Verlegung des Konventes beschlossen. Einige
hundert Meter von der äußeren Umfassung des Lagers wurde ein
neuer Gebäudekomplex mit Kloster und Kirche errichtet. Die
Kirche ist der heiligen Edith Stein geweiht. Am 23. November 1991
war die Grundsteinlegung. Bis heute ist in Polen die Ansicht
verbreitet, die Kirchenleitung habe einen Fehler begangen, indem
sie in die Umsiedlung des Konventes einwilligte.
Aber auch mit der Verlegung des Konventes war das Problem nicht
behoben. In einer Kiesgrube neben dem Theatergebäude wurde ein
großes Holzkreuz errichtet, das bei einem Besuch von Papst
Johannes Paul II. in Birkenau aufgestellt worden war. Kleine
Nationalistengruppen sorgten für Aufsehen, indem sie hunderte
kleiner Kreuze hinzufügten: eine Provokation. Nach einer
Entscheidung des polnischen Parlamentes wurden diese Kreuze im
Mai 1999 entfernt, nur das große Kreuz blieb und steht da bis
heute.
Diskothek neben Jugendhotel
Unweit vom neuen Karmelitinnenkloster entstand ein Zentrum
für Information, Begegnung, Dialog, Erziehung und Gebet.
Der Krakauer Kardinal Franciszek Macharski errichtete es 1992
mit Unterstützung anderer Bischöfe aus ganz Europa
und in Absprache mit Vertretern jüdischer Organisationen,
wie es auf der Internet-Homepage des Zent-rums heißt
(www.centrum-dialogu. oswiecim.pl). Im Zentrum stehen zwei
Priester als Gesprächspartner zur Verfügung: der Pole Piotr
Wrona und der Deutsche Manfred Deselaers (siehe Porträt von
Deselaers).
Doch auch bald zehn Jahre nach der Auseinandersetzung um das
Karmelitinnenkloster kommt Auschwitz nicht zur Ruhe. Im
vergangenen Sommer hob das polnische Innenministerium den
Baustopp für einen umstrittenen Supermarkt nahe des Lager-Geländes
auf. Der Bau des Geschäftszentrums war 1996 gestoppt worden,
nachdem jüdische Organisationen in dem Bau eine Profanierung der
Gedenkstätte sahen.
Jüngstes Beispiel in der Kette der Vorkommnisse: Im vergangenen
Jahr gab es Proteste gegen die Einrichtung einer Diskothek. Es
handelt sich dabei um ein Gelände der so genannten Lederfabrik
von Auschwitz, in der auch Häftlinge gearbeitet haben. Kritik
hatte sich daran auch deshalb entzündet, weil sich die Diskothek
in unmittelbarer Nachbarschaft zum Internationalen Haus der
Jugend befindet. Der Präsident des Internationalen
Auschwitz-Komitees, selbst ehemaliger Gefangener des Lagers, der
polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski, schloss sich der
Kritik an.
Weniger Beachtung weil weniger umstritten fand
dagegen die Wiedereröffnung einer Synagoge unweit des ehemaligen
Lagers. Im September vergangenen Jahres wurde die Chevra
Lomdei-Mishnayot-Synagoge wieder eröffnet. 1939 war sie von den
Nazis geschlossen worden, aber als Einzige von rund einem Dutzend
jüdischer Gotteshäuser in Auschwitz nicht völlig zerstört
worden. Geplant ist auch die Errichtung eines jüdischen
Zentrums.
Ob umstritten oder nicht umstritten: Das Leben in der Stadt
Auschwitz steht unerbittlich im Zeichen dessen, das dem Namen
dieser Stadt weltweit traurige Bekanntheit verliehen hat. Die
Frage lautet immer wieder: Wie lebt man in einer solchen Stadt?
Bei Industrieansiedlungen zieht die Stadt immer wieder den Kürzeren,
weil sich kein Unternehmen mit dem Namen dieser Stadt belasten
will: hohe Arbeitslosigkeit ist die Folge. Jüngere Generationen
am Ort fordern für sich das Recht ein, auch in dieser Stadt ein
normales Leben führen zu können. Zwischen den Interessen,
Betroffenheiten und Sensibilitäten in Auschwitz, in Polen und in
der ganzen Welt ist ein äußerst schmaler Grat zu beschreiten.
Klaus Nientiedt
Erinnerung macht nicht krank, sondern menschlicher
Begegnungen mit Manfred Deselaers am Rande von Auschwitz
Müde wirkt er. Die vorangegangene
Woche hat ihn angestrengt und beschenkt. Er spricht von
den Begegnungen mit Studierenden aus Israel und Polen, aus den
USA und sogar aus Deutschland. Mit ihren Professorinnen und
Professoren sind sie gekommen, ein Rabbiner darunter, Juden,
evangelische und katholische Christen.
Einmal im Jahr veranstaltet Manfred Deselaers im Zentrum
für Dialog und Gebet am Rande des Stammlagers von
Auschwitz eine solche Zusammenkunft. Die Teilnehmer setzen sich
für eine ganze Woche der Begegnung mit den Stätten der
Vernichtung aus, mit dem, was sie hervorruft, auch mit der
Fremdheit untereinander. Wenn es gelingt, entsteht dabei eine
Offenheit ganz eigener Art: füreinander; für die Fragen, die
Auschwitz stellt; für das, wofür es in den jeweiligen
Traditionen steht, der jüdischen, der christlichen, der
polnischen, der deutschen.
Bei allem Hörenkönnen und Verstehenwollen, die den
hochaufgeschossenen, hageren Mittvierziger mit den asketischen,
von tiefschwarzem Vollbart gerahmten Gesichtszügen auszeichnen
seine fordernde Bestimmtheit, eine konfrontierende
Schroffheit bricht durch, wenn es darum geht,
Auschwitz zu begegnen. Man kann Auschwitz nicht
mit Diskussionen anfangen. Anfangen muss man mit Offenheit des
Herzens, Betroffenheit, Schweigen ... Anfangen muss man mit dem
Kennenlernen der erschütternden Fakten und der Erfahrung, dass
alle Worte zurückbleiben hinter dem, was da geschehen ist.
Und dann beginnt Deselaers zu erzählen: von Rudolf Höß, dem
Kommandanten von Auschwitz, der das Lager zu dem gemacht hat,
wofür es steht. Er erzählt aus souveräner Kenntnis der
Biografie, nicht glatt oder routiniert, zuweilen stockend, nach
Worten suchend, dem treffenden Ausdruck, die ohne selbst
ungeheuerlich zu sein das Ungeheuerliche aufzuzeigen
vermögen. Manchmal bricht die Rede mitten im Satz ab. Und in
diesem Erzählen wird der Boden bereitet, Auschwitz
bei aller Kenntnis historischer Daten und Zusammenhänge neu,
anders zu begegnen.
Seit dem 3. Oktober 1990 lebt Manfred Deselaers in Oswiecim, wie
Auschwitz vor der deutschen Besetzung hieß und danach wieder im
Polnischen heißt. Er arbeitet dort als Priester in der Pfarrei
St. Mariä Himmelfahrt und im Zentrum für
Dialog und Gebet. Sein damaliger Aachener Bischof, Klaus
Hemmerle, förderte sein Anliegen, in Polen selbst etwas für die
deutsch-polnische Versöhnung zu tun und gleichzeitig sein
Engagement für das christlich-jüdische Verhältnis fortsetzen
zu können.
Nach einem Semester Jura in Bonn und anderthalb Jahren Arbeit in
Israel in einem Heim für körperbehinderte Kinder begann
Deselaers sein Theologiestudium in Tübingen, wechselte
zwischendurch nach Chicago und wurde 1983 zum Priester geweiht.
Nach Kaplansjahren in Mönchengladbach ging er 1989 an die
katholische Universität Lublin, um dort Polnisch zu lernen. 1996
wurde er an der Päpstlichen Theologischen Akademie in Krakau
summa cum laude mit einer Biographie von Rudolf Höß
promoviert.
1994 ließ sich Deselaers als einer der ganz wenigen
Deutschen zum Fremdenführer in der Staatlichen
Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau ausbilden. Im Januar 1998
absolvierte er eine Ausbildung zum Holocaust Educator an der
International School of Holocaust Studies, Yad Vashem, Jerusalem.
Am 15. Mai des vergangenen Jahres verlieh ihm der Polnische Rat
von Christen und Juden den Titel Mensch der
Versöhnung, mit dem der Rat jährlich Personen ehrt, die
nicht aus Polen stammen und einen wichtigen Beitrag für den
Dialog und die Annäherung von Juden und Christen in Polen
geleistet haben und leisten.
Dessen Co-Vorsitzender Stanislaw Krajewski in seiner Laudatio:
Manfred Deselaers [...] ist einer der wenigen Deutschen,
der wenigen Christen, der wenigen Menschen!, die wahrhaftig die
Herausforderung von Auschwitz annehmen. Die das nicht nur einmal
tun, nicht nur durch Schreiben, nicht nur durch Lehren, nicht nur
durch Gebet, sondern auf allen diesen Wegen gleichzeitig, und
noch vieles mehr mit ihrem ganzen Leben.
Peter-Otto Ullrich