Der naturwissenschaftliche Fortschritt hat den Menschen ungeahnte Möglichkeiten gegeben: doch es stellen sich auch neue ethische Fragen. Was und wieviel darf der Mensch? Die Kirche meldet sich in diesen Diskussionen zu Wort und befähigt den Einzelnen, kompetent an dem öffentlichen Gespräch teilzunehmen. Aktuell zum Beispiel mit einer diözesanen Arbeitshilfe zum zweiten Teil des Erwachsenenkatechismus.
Vom Gottesberg ins Gen-labor
Das Bildungswerk bringt ethische Gegenwartsfragen ins Gespräch
Kaum hatte Mose von Gott die Zehn
Gebote erhalten, warf er sie auch schon wieder weg. Er
schleuderte die Tafeln fort und zerschmetterte sie am Fuß des
Berges, erzählt das Buch Exodus. Grund für die heftige
Reaktion war seine Wut über das Volk Israel, welches sich ein
goldenes Kalb gebastelt hatte und so den Bund mit Gott
brach.
Die Nachfahren des Mose, die Menschen heute, gehen mit den Zehn
Geboten auch nicht zimperlich um. Sie hauen sie vielleicht nicht
in Stücke, aggressiv bekämpft werden die Normen und die
dahinter stehenden Werte von den wenigsten. Doch, bildlich
gesprochen: Die Menschen stellen die Zehn Gebote heute gern auf
den Dachboden und lassen sie einstauben. Für den Besuch holt man
die beiden Steintafeln noch als interessantes Museumsstück
hervor. Spätestens beim zweiten Glas Prosecco wird aber
augenzwinkernd erklärt, dass man heute schon viel weiter sei.
Die Zehn Gebote taugen für die aktuellen Probleme nicht mehr.
Diese Haltung lässt sich nachvollziehen. Denn natürlich gibt es
einen meilenweiten Unterschied zwischen der Welt des Alten
Testaments, dem antiken Alltag von Ackerbauern und Viehzüchtern
im Nahen Osten, und dem heutigen Hightech-Zeitalter. Und so hört
es sich zunächst schon plausibel an, wenn viele sagen: Eine
Moral aus der damaligen Zeit kann heute einfach nicht mehr
funktionieren. Alles, was inzwischen technisch möglich ist
zum Beispiel Organtransplantation oder Genforschung
war nicht im Blick der biblischen Autoren. Als Entscheidungshilfe
über das Für und Wider, das Gut und Schlecht, der schönen
neuen Möglichkeiten lässt sich die Heilige Schrift nicht
heranziehen.
Christen haben hier freilich eine andere Überzeugung, sie
erheben gerade auch zu aktuellen Fragen ihre Stimme. Und das
durchaus im Rückgriff auf die Heilige Schrift. Zwar sind
von einer biblischen Ethik keine konkreten Handlungsanweisungen
für gentechnische Probleme mit ihren verschiedenartigen und
komplizierten Detailfragen zu erwarten, wohl aber ethische
Grundlagen, sagt der Mainzer Moraltheologe Johannes Reiter.
Von diesem Bewusstsein ist der zweite Teil des Katholischen
Erwachsenenkatechismus getragen, den die deutschen Bischöfe 1995
herausgegeben haben: dieser Band hangelte sich sogar
ausdrücklich an den Zehn Geboten als Gliederungsprinzip entlang.
Gut fünf Jahre nach dessen Erscheinen legt die Erzdiözese nun
eine Arbeitshilfe zu dem Katechismus vor. Auch diese
Veröffentlichung will fachkundige Orientierung zu Fragen der
aktuellen öffentlichen Diskussion geben und stellt dabei
die Zehn Gebote als erstes Kapitel an den Anfang. Neben weiteren
grundlegenden Themen wie Gewissen, Sünde und Umkehr wenden sich
die Autoren dann beispielhaften Einzelfragen der modernen Ethik
zu: die Arbeitshilfe behandelt Komplexe wie Globalisierung der
Wirtschaft, Fortpflanzungsmedizin, Sterbehilfe und Umweltschutz.
Die Arbeitshilfe kommt aus dem Hause des Bildungswerks der
Erzdiözese. Sie ist kein Fachbuch mit erschöpfenden Aufsätzen
zu den einzelnen Themen: dann wäre es kein 130-seitiges Heft,
sondern eine ganze Bibliothek geworden. Das Heft will vielmehr
den Verantwortlichen in der Bildungsarbeit vor Ort das nötige
Grundwissen an die Hand geben und ihnen aufzeigen, wie diese
schwierigen Themen in Veranstaltungen zur Sprache gebracht werden
können. Dazu enthält der Band konkrete Hinweise und sogar
Muster für Arbeitsblätter, die sich direkt einsetzen lassen.
Für Hermann Josef Heinz, den Direktor des Bildungswerks, ist
dies der beste Weg, mit diesen oft sperrigen Themen in der
Erwachsenenbildung umzugehen: nämlich durch das kompetent
angestoßene und dann von allen geführte Gespräch. Und Heinz
erinnert sich beispielsweise an die Sitzung der
Diözesanarbeitsgemeinschaft, als sich die örtlichen
Bildungswerksleiter angeregt über das Thema Gewis-sen
ausgetauscht haben. Das kann man erwachsenenbildnerisch
nicht mit einem Vortrag abhandeln, erklärt Heinz. Ein
großes Referat mit einem Experten von auswärts sei vielleicht
effektvoller, so der Bildungswerkschef. Das Gespräch
in der Kleingruppe zeige aber längere Wirkung bei den
Teilnehmern. Nachhaltigkeit ist für Heinz das entscheidende
Stichwort. Auch Gottlieb Brunner, im Institut für Pastorale
Bildung zuständig für die theologische Weiterbildung, betont
diesen praktischen Charakter der Arbeitshilfe. Schließlich gehe
es darum, den Einzelnen zur Teilnahme am öffentlichen ethischen
Diskurs zu befähigen und daher auch das Stellung nehmen, das
Argumentieren einzuüben.
Die in der Arbeitshilfe angesprochenen Themen sind drängend. Die
Zulassung der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden ist
vielleicht das augenfälligste Beispiel. Aber auch die anderen
Problemkreise wie Globalisierung oder Soziale Gerechtigkeit
stehen aktuell an. Die Kirche muss sich an der Fin-dung,
Begründung und Vermittlung von Handlungsregeln
be-teiligen, erklärt Albert Käuflein. Der Leiter des
Karlsruher Roncalli-Forums zeichnet gemeinsam mit Hermann Josef
Heinz und Gottlieb Brunner verantwortlich für die Arbeitshilfe.
Und er ist überzeugt: Sie hat gute Argumente.
Stephan Langer