Der Euro kommt. Nur noch ein Monat, dann werden 300 Millionen Europäer in zwölf Ländern eine gemeinsame Währung haben. Dieser Wechsel zum neuen Geld ist weit mehr als eine rein technische Umstellung: schließlich ist unser Verhältnis zum Geld eine hoch-emotionale Angelegenheit. Und so machen derzeit Ängste oder zumindest Befürchtungen die Runde auch wenn die Kulturgeschichte des Geldes eher Gelassenheit nahe legt.
Vertrauenssache
Wie nehmen die Menschen den Euro auf?
Albtraum Euro. Auf diesen Begriff
hat ein amerikanischer Journalist gebracht, in welcher Stimmung
er die alte Welt kurz vor der Währungsunion angetroffen hat:
Den Europäern graut es davor, ihre Mark, Lire, Francs und
Schilling aufzugeben.
Albtraum? Grauen? Dieser dramatische Befund ist verwunderlich.
Denn was da ab dem 1. Januar passieren wird, ist formal
eigentlich eine ganz unspektakuläre Sache. Mehrere
Vertragspartner haben sich darauf geeinigt, zukünftig ein und
dieselbe Währung als Tauschmittel zu verwenden. Spektakulär ist
das Ganze erst mal nur wegen seiner Dimension: 300 Millionen
Menschen in zwölf Ländern werden bald mit dem neuen Geld
bezahlen können.
Die große Ausdehnung dieser gemeinsamen Währungszone ist tatsächlich
etwas Neues. Was einem der Bäcker in Palermo am Morgen als
Wechselgeld herausgibt, kann man nach ein paar Stunden Flug am
Abend in Dublin in einen Whiskey investieren. So etwas war noch
nie da. Trotzdem stellt die Einführung des Euro in der
Kulturgeschichte des Geldes letztlich nur die logische Weiterführung
einer grundlegenden Entwicklung dar. Denn immer schon gehört es
zum Wesen von Geld, dass es danach drängt, möglichst von allen
akzeptiert oder zumindest erkannt und getauscht zu werden.
Das war gleich bei der Erfindung des Geldes der Fall.
Anfangs er-tauschten sich die Menschen noch das Nötigste: wer
einen Sack Kartoffeln wollte, gab dafür vielleicht einen Sack Äpfel.
Auf der Suche nach einem Wertmesser
Doch die Kulturen entwickelten sich weiter, organisierten sich
immer stärker wie man sagt arbeitsteilig. Soll heißen:
Es hat nicht mehr jeder alles selbst gemacht, um zu überleben.
Wie sollte man es nun regeln, wenn der Handwerker, der einem das
Dach deckte, keine Äpfel mehr gebrauchen konnte?
Die Menschen in frühen Gesellschaften suchten ein Medium, das
gewissermaßen neutral den Wert anzeigen konnte weil sich
alle über dessen Bedeutung einig waren. Eine solche Währung
waren beispielsweise Nutztiere. Da sich aber Rindviecher als
vergleichsweise unpraktisch erwiesen auch Felle,
Metallbarren, Töpfe passen nicht unbedingt in jeden Geldbeutel
ging man schließlich zu Gold- und Silbermünzen über.
Mit dem Geld-System ließ sich der alltägliche Austausch von
Waren und Dienstleistungen prima organisieren. Zumindest im
jeweiligen Ort. Wer aus der eigenen Stadt herausging, machte eine
erschreckende Erfahrung: All die schönen Münzen, die in der
Heimat ihren festen Wert hatten, verloren plötzlich rapide ihre
Bedeutung. Der Bauer auf dem Markt einer fremden Stadt nahm das
Geld bestimmt nicht an. Wenn man Glück hatte, fand sich ein
Wechsler. Er hatte die aufgeprägten Bilder lokaler Herrscher
oder Schutzgottheiten vielleicht schon mal gesehen und tauschte
einem die Barschaft um. Zu einem abenteuerlichen Kurs, versteht
sich.
Taler Leitwährung im Mittelalter
Seit jeher war es die Wirtschaft, oder wie man früher sagte: die
Kaufleute, die auf eine Besserung drängten. Sie hatten ihre
liebe Müh und Not mit den unzähligen unterschiedlichen Währungsgebieten.
Ein erster Behelf war es, seine Geschäfte in fremden Leit-Währungen
abzuwickeln. So wie in vielen Teilen der Welt heute in US-Dollar
abgerechnet wird. Im Mittelalter war dies beispielsweise der
Rheinische Gulden, auch viele französische Taler waren im
Umlauf.
Die elegantere Variante sind aber Münzbünde. Wer genau
hinschaut, kann hier schon den Euro am Horizont erkennen. In der
weltoffenen Region am Oberrhein beschlossen Staaten freiwillig,
ihre Währung gemeinsam zu bewerten. Der Rappenmünzbund
beispielsweise machte es möglich, dass auf dem Gebiet von Basel,
Freiburg, Colmar und Breisach das Geld des jeweiligen Nachbarn
galt. Dieser Zusammenschluss hat fast 200 Jahre gehalten.
Es gab in der Geschichte immer wieder solche Versuche, in Sachen
Geld überregional zusammenzuarbeiten. Und je intensiver die
grenzüberschreitenden Kontakte wurden desto drängender
wurde der Wunsch, die Zersplitterung der Währungen zu
bereinigen. Auf dieser Linie liegt die Einführung des Euro.
So aufregend ist das nicht, erklärt Peter-Hugo
Martin. Er leitet das Münzkabinett im Badischen Landesmuseum
Karlsruhe: Schon unsere Vorfahren haben das geschafft.
Warum dann also Albtraum und Grauen? Die Antwort liegt in der
Vielschichtigkeit der Dimensionen von Geld. Seine Nützlichkeit
ist eben nur eine davon. Geld ist auch ein Symbol, eine
Projektionsfläche für menschliche Grundbedürfnisse nach
Sicherheit, Anerkennung und Wertschätzung, sagt die
Psychotherapeutin Ulla Sebastian. Mit anderen Worten: Viele
Menschen haben eine emotionale Beziehung zu den Münzen, Scheinen
(und neuerdings auch Plastikkarten). Gerade die Deutschen zu
ihrer D-Mark.
Eingeführt wurde sie 1948, und dieses Datum wurde zu einer
Wendemarke. Vorher herrschten Chaos, Lethargie und
Verzweiflung, schreibt ein Journalist: Hinterher
keimten Hoffnung und Entschlossenheit. Die Mark stand für
das Wirtschaftswunder, für Stabilität. Die Deutschen bezogen
aus der Stärke ihrer Währung Selbstvertrauen, im Urlaub belächelten
sie die Scheine mit den vielen Nullen bei ihren Gastgebern.
Der Ruhm und die Anziehungskraft der deutschen Währung sind bis
heute ungebrochen. Kommt die D-Mark, bleiben wir
kommt sie nicht, gehen wir zu ihr, lautet das viel zitierte
Spruchband auf einer Leipziger Montagsdemonstration. Die Mark
wurde jüngst offizielle Währung im Nachkriegs-Kosovo, Zweitwährung
in Montenegro.
Selbstbewusstsein aus der Währung
Eine französische Zeitung hat die Deutschen einst dafür
bedauert, dass die Reputation ihres Landes weniger auf
seinen Schriftstellern und Künstlern als auf der Stärke und
Solidität ihrer Währung beruht. Fairerweise muss ergänzt
werden, dass dies auch anderen Nationen so geht. Wer hat nicht
schon einen Schweizer fast liebevoll von seinem Fränkli
sprechen hören?
Die Sympathie für die eigene Währung ist das eine. Auf der
anderen Seite steht die Sorge, wenn man auf das neue Geld blickt.
Bekomme ich jetzt nur noch halb so viel Rente, ist
angesichts des Umrechnungskurses von etwa zwei zu eins keine
seltene Frage an den Euro-Infoständen. Das Geld sieht einfach
weniger aus. Gerade Menschen, die eine Währungsreform mitgemacht
haben, sind unsicher. Viele meinen, das Geld würde wie damals
wirklich an Wert verlieren.
Auch ganze Staaten sind vor Miss-trauen gegenüber dem Euro nicht
gefeit. So hat sich beispielsweise das traditionell
Europa-skeptische Großbritannien erstmal aus der Währungsunion
ausgeklinkt. Auch die Dänen lehnten in einer Volksbefragung
einen Beitritt ab.
Die europäischen Institutionen tun alles, um das Vertrauen in
den Euro zu stärken. Sie setzen dabei durchaus aufs Gefühl.
Fernsehspots verbreiten den Slogan Eine neue Währung für
neue Träume. Eine europaweite Plakataktion zeigt glückliche
Menschen, in der Hand das Schild Der Euro unser Geld.
Und auch Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert spricht
den Menschen Mut zu. Es gibt ein Plakat, auf dem er die Härte
der neuen Währung beweist indem er herzhaft
auf eine Euro-Münze beißt.
Bis in die Gestaltung des Geldes hinein gehen diese
vertrauensbildenden Maßnahmen. Auf der Motivseite der neuen
Scheine sind europäische Baustile zu sehen. Damit wollen
wir zeigen, dass Europa schon seit vielen hundert Jahren ein
gemeinsamer Lebens- und Gestaltungsraum ist, erklärt
Bundesfinanzminister Hans Eichel.
Trotz aller Bemühungen werden die Menschen das neue Geld eher zögerlich
entgegennehmen. Aber das muss ja nicht schlecht sein. Der
Euro ist ein guter Anlass, um uns darüber klar zu werden, welche
Rolle wir im Leben dem Geld zuweisen wollen, meint Ulla
Sebastian. Und sie erinnert daran, dass Geld eben kein Medium
ist, um glücklich zu sein obwohl die Konsumgesellschaft
dies nahe legt. Auch die Autoren der Bibel warnen davor, Geld
absolut zu setzen. Wer dem Geld einen falschen Platz in seinem
Leben einräumt (Mammon), es nicht auch zum Wohl
aller verwendet der hat am Schluss größere Probleme als
das Kamel mit dem Nadelöhr, führt Jesus aus.
Aufregung gehört wohl zum Wechsel
Ob sich mit einer neuen Sicht auf das Geld auch die
Aufgeregtheiten um den Wechsel legen? Wohl kaum. Das scheint
einfach dazu zu gehören. Als um 1900 neues Geld in Deutschland
eingeführt wurde die Mark löste den Taler ab habe
es ein ähnlich großes Gejammer gegeben, schmunzelt Peter-Hugo
Martin. Damals sprachen die Leute sicher auch vom Albtraum. Hatte
doch die Mark nur ein Drittel des Zahlenwerts eines Talers.
Stephan Langer