Der Beitrag der Christen
Die internationalen Medien
glaubten in den vergangenen Wochen zwischen verschiedenen
Kirchenvertretern sich widersprechende Töne zu hören. Und zwar
solche in Bezug auf die ethische Beurteilung jener militärischen
Maßnahmen gegen das afghanische Taliban-Regime beziehungsweise
die sich versteckt haltenden Terroristen, die inzwischen begonnen
haben.
Amerikanische und kuriale Kirchenvertreter hier, Papst Johannes
Paul II. dort sollte der Papst den Amerikanern die
Berechtigung zu Gegenschlägen abgesprochen haben? Sollte sich
der Papst der Golfkrieg ist noch in frischer Erinnerung
wieder einmal als pazifistischer erweisen, als es die
Kirche traditionell ist?
Soviel ist inzwischen klar: Johannes Paul II. hat den
US-Amerikanern nicht grundsätzlich das Recht auf
Selbstverteidigung abgesprochen. Wiederholt beschwor er jedoch
den Frieden als höchstes Gut und warnte vor einer
Eskalation der Gewalt. War dies bereits eine Haltung, die Militärschläge
gegen die Urheber der Attentate prinzipiell ablehnt?
Wohl kaum. Ob es andererseits nur die Verkettung von
Missverständnissen oder schlichte Regiefehler
waren, wie die Katholische Nachrichtenagentur verbreitete, die zu
diesen Medienvermutungen führten, steht dahin, ist aber auch
nicht das Entscheidende.
Die Probleme liegen im viel beschworenen Selbstverteidigungsrecht
selbst. Was heißt Selbstverteidigung in einem Fall wie diesem,
wenn man es eben nicht mit einer klar umrissenen Staatsmacht zu
tun hat, die es in die Schranken zu weisen gilt? Was heißt
Selbstverteidigung in dieser neuen Art von Konflikt, den nicht
Raketen, Bomben oder Kanonendonner auslösten, sondern Menschen,
die um eines vermeintlich höheren Zieles wegen ihr Leben zu
opfern bereit sind?
Christen gehen nüchtern davon aus, dass Menschen einen Hang zur
Gewalt besitzen, wie dies auch die deutschen Bischöfe in ihrem
Schreiben Gerechter Friede von September 2000
betonen. Aber der Beitrag der Christen besteht nicht darin, das
ohnehin Unvermeidliche abzusegnen. Ihr Beitrag besteht in einem
konsequenten Blick auf das Gemeinwohl aller Beteiligten. Besteht
darin, dem Dialog, der Versöhnung, dem Frieden auch dann noch
eine Chance zu geben, wenn dazu die menschlichen Gemeinschaften
nicht mehr in der Lage sind. Das muss nicht immer bequem sein.
Klaus Nientiedt