Der Jahrtausendwechsel und die Religion
Das Jahr 2000 ist Vergangenheit.
Was wurde da nicht alles geschrieben und geredet im Laufe der zurückliegenden
zwölf Monate. Wann immer man den eigentlichen Jahrtausendwechsel
annimmt, zum 1. Januar 2000 oder zum 1. Januar 2001, vieles von
der Aufgeregtheit um den Jahrtausendwechsel hat sich in Luft
aufgelöst. Und das ist nicht zu bedauern.
Mancher ist der Ansicht, die Menschen seien heute zu aufgeklärt,
zu vernunftorientiert, um wirklich religiös sein zu können. Für
den modernen Menschen seien Glaube und Religion eine Zumutung.
Beides habe er gewissermaßen in der Kinderstube der Menschheit
zurückgelassen.
In den letzten zwölf Monaten konnte man eher einen gegenteiligen
Eindruck gewinnen. Mit Vernunft hatte da manches wenig zu tun: In
Feuilletons und Buchhandlungen spross, was einen eher darüber
verwundern ließ, wie leichtgläubig, wie wenig vernunftgeleitet
Menschen doch tatsächlich sind. Ob das wirklich nur eine Sache
einschlägiger Medien und Verlage war?
Religiöses in den verschiedensten Schattierungen hat heute
durchaus Konjunktur. Aber das ist oftmals gerade nicht die
Religion, wie sie in den Kirchen gelebt wird. Längst überwunden
geglaubter Aberglaube feiert fröhliche Urständ. Bei der
Religion ist es inzwischen wie auf anderen Märkten: Die
Monopolisten von einst sehen sich einem schier unbegrenzten
Angebot gegenüber.
Angesichts dieses unübersichtlichen religiösen Angebotes lernt
man die Vorzüge des kirchlichen Raumes kennen für
manchen vielleicht unerwartet: Kirche und Christentum fürchten
die Vernunft nicht. Sie blenden Fragen irdischer Gerechtigkeit
nicht aus. Der christliche Glaube ist keine Religion der Schönen,
Reichen und Prominenten, keine Geheimlehre für wenige
Eingeweihte. Kirchlich gelebter und gestalteter Glaube ist keine
Ansammlung von allerlei Subjektivismen. Er arbeitet sich ab an
menschlicher Geschichte, an seiner objektivierten Gestalt.
Und auch weil das so ist oder doch zumindest sein sollte, ist
Gott sei es geklagt manches eben nicht so einfach
in Kirche und Christentum. Vieles geht hier nüchterner zu, alltäglicher,
gegensätzlicher, vielleicht auch illusionsloser. Für diese Art
der Religion muss es und wird es auch künftig Platz und Raum
geben.
Was leider nicht heißt, dass Kirche und Christentum den Bedürfnissen
und Fragen der Menschen immer hinreichend nahe sind. Kirche und
Christentum können von dieser frei wuchernden Religiosität auch
manches lernen: Immer und immer wieder geht es darum, mit
Unsicherheiten des Lebens fertig zu werden, mit Ängsten und
Fragen, mit Krankheit und Tod, mit mangelnder Geborgenheit und
Sinnerfahrung. Wie macht man das: sich selbst anzunehmen
trotz eigener Schwächen und Fehler, mit den Schatten und
Untiefen?
Klaus Nientiedt