Denkzettel für die Politik
Das jüngste Urteil des
Bundesverfassungsgerichts zur Pflegeversicherung fiel in die
gleiche Woche wie das vorläufige Ende der Mitarbeit der
Moderatorin Gaby Bauer bei den Tagesthemen. Was das eine mit dem
anderen zu tun hat? Viel. Vor wenigen Jahrzehnten hätte Frau
Bauer ohne sonderliches Echo in den Medien wegen der erwarteten
Zwillinge wie selbstverständlich ihren Platz geräumt. Heute
muss sie sich zu diesem Schritt entscheiden und mit ihr
Millionen von Frauen in ähnlichen Situationen.
Hinter der Entscheidung von Frau Bauer und vieler Frauen
einschließlich ihrer Partner steht ein tief greifender Wandel.
Familienpolitik ist zur Existenzfrage der Gesellschaft geworden.
Die Folgen individualisierter Lebensführung haben durcheinander
gebracht, was noch bis vor wenigen Jahrzehnten als im Grunde
unveränderbar galt. Dieser Wandel ist nicht folgenlos. Und diese
Folgen müssen familien- und steuerpolitisch gestaltet werden.
Die Zeit, in denen Familienpolitik in Sonntagsreden thematisiert
wurde, ist vorbei.
Das Urteil aus Karlsruhe schreibt vor diesem Hintergrund
Familienpolitik-Geschichte. Nach dem Urteil von Januar 1999, mit
dem die Karlsruher Verfassungsrichter auf eine weit reichende
steuerliche Entlastung der Familien drungen, ist dies ein
weiteres Urteil, mit dem das BVG einen Richtungswechsel
verordnet. Die Kindererziehungsleistung der Familie soll sich in
Heller und Pfennig auszahlen.
So weit so gut. Das Urteil enthält aber nicht nur eine positive
Botschaft. Es gehört zu den Besonderheiten des deutschen
Gemeinwesens, dass grundlegende Änderungen nicht von der
Politik, sondern vom obersten Gericht angestoßen werden (müssen).
Das Urteil aus Karlsruhe war insofern zugleich ein Denkzettel für
die Politik. Die Übergänge zwischen Rechtsprechung und
Gesetzgebung verschwimmen derweil weiter. Es bleibt der Verdacht,
die Rechtsprechung dringe in den Raum dessen ein, was politisch
verantwortet werden muss.
Aber ob die Politik das Urteil tatsächlich als einen Denkzettel
verstanden hat? Karlsruhe hatte gerade gesprochen, da geriet die
Frage nach dessen Folgen bereits wieder in jenes nur allzu
bekannte parteipolitisch motivierte Hickhack und wurde taktisch
zerredet. Das Urteil entlarvt Versäumnisse der Politik, aber die
Politik hat nichts Eiligeres zu tun, als das Urteil zu begrüßen,
anstatt eigene Versäumnisse einzugestehen.
Gerade weil das Urteil weit reichende Folgen auf verschiedenen
Politikfeldern hat, räumte das Gericht einen vergleichsweise
langen Zeitraum ein, bis 2004, um dies zu überprüfen, zumal
hier womöglich nicht nur Details zu ändern sind, sondern
Grundstrukturen von gesetzlichen Regelungen überdacht werden müssen.
Die Politik täte sich selbst und dem Souverän einen Gefallen,
wenn diese Fragen nicht nur parteipolitisch zerredet würden,
sondern man sich in Bund und Ländern hinsetzte, um die
Hausaufgaben aus Karlsruhe abzuarbeiten.
Klaus Nientiedt