Den Bogen überspannt

Der Schrecken hat drei Buchstaben, und er ist auch bei uns zu Hause. Im vergangenen November wurde das erste deutsche BSE-Rind entdeckt. Seither vergeht kaum ein Tag, an dem nicht weitere Fälle hinzukämen und neue Ungeheuerlichkeiten aufgedeckt würden.
Keiner kann derzeit wirklich sicher sagen, was das genau richtige und auch angemessene Handeln im Falle von BSE ist. Die Krise sollte aber auch dem Letzten klargemacht haben, dass mit unserer Ernährung einiges schief gelaufen ist – weit über den BSE-Skandal hinaus. Bereits die Wortwahl verrät dies. Da wird in der öffentlichen Diskussion von Agrar-„Betrieben“ gesprochen, von Fleisch-„Produktion“. Hirn und Rückenmark gelten als Risiko-„Material“. Und wenn im „Agro-Business“ etwas danebengeht, wird getötet, zu Tiermehl verarbeitet und verbrannt. So beseitigt man chemisch sauber einen Betriebsunfall.
Dies ist keine Predigt. Aber die Frage muss erlaubt sein: Was ist da noch übrig vom biblischen Bild des Menschen als Hüter und Pfleger seiner Mitgeschöpfe? Selbst ohne Anleihe aus der Heiligen Schrift ist offensichtlich, wie wenig artgerecht es ist, Tieren ihre kleingemahlenen Verwandten zum Fressen zu geben. Auch Antibiotika, Hormone und andere Masthilfen hat sich erst der Mensch als perverse Futterbeimischung ausgedacht. „Kühe fressen Gras, und Kälber trinken Milch“, so hat der Vorsitzende des Landwirtschaftsausschusses im Europäischen Parlament, Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, unlängst formuliert. Eigentlich naheliegend.
Es geht nicht darum, einen paradiesischen Urzustand herbeizusehnen. Es geht darum, die Dinge wieder zurechtzurücken. Die Gesellschaft muss etwas zurückgewinnen von der Ehrfurcht auch vor dem tierischen Leben und von der Wertschätzung einer gesunden Ernährung. Beides gehört nämlich zusammen. Die Menschen haben in der Vergangenheit immer weniger Geld für Lebensmittel ausgegeben – die Wirtschaft hat ihnen das leicht gemacht. Im Bereich Ernährung schien man grenzenlos einsparen zu können. So kommt es, dass zum Beispiel ein Ei heute noch genauso viel kostet wie vor 40 Jahren. Schließlich wird das Geld für anderes gebraucht. Man will zweimal im Jahr in Urlaub fahren, in der Garage muss ein schickes Auto stehen, und die Klamotten sollen Markenschildchen haben.
Jetzt wird klar: Diesen Bogen kann man auch überspannen. Wenn Lebensmittel vor allem billig sein sollen, dann sind sie das eben auch in wirklich jeder Beziehung. Der Umkehrschluss lautet: Auch an der Supermarktkasse zeigt sich, was einem Ernährung wert ist. Vielleicht hat der aktuelle Skandal ja den Leidensdruck so weit erhöht, dass sich diese Einsicht durchsetzt und sich das Einkaufsverhalten ändert. Das wäre gut – für Tier und Mensch.
Stephan Langer