Das Spätmittelalter am Oberrhein wird derzeit in Karlsruhe wieder lebendig. Badisches Landesmuseum und Staatliche Kunsthalle präsentieren gemeinsam die große Landesausstellung über Maler und Werkstätten beziehungsweise Alltag, Handwerk und Handel jener Zeit. Die Schau steht im Zusammenhang des Zyklus „Um 1500: Epochenwende am Oberrhein“ (konradsblatt 30/2001).

Mammut-Schau mit Madonnen und Einhörnern

Die zweiteilige Landesausstellung über das Spätmittelalter am Oberrhein in Karlsruhe

Vor gut einem Jahr wurde in Freiburg das grenzüberschreitende Ausstellungsprojekt über das Ende des Mittelalters am Oberrhein vorgestellt. Damals haben die beteiligten Museen aus Basel, Colmar, Straßburg, Freiburg und Karlsruhe hohe Erwartungen geweckt. Wenn man das bisherige Ergebnis betrachtet – es fehlt noch die von Saskia Durian Ress, der Initiatorin des gesamten Projekts in Freiburg, geplante Ausstellung über Hans Baldung Grien – so ist die grenzüberschreitende Zusammenarbeit doch ein wenig zu vermissen. Anders ist es nicht zu verstehen, dass am selben Tag im Basler Kunstmuseum und im Unterlindenmuseum in Colmar jeweils zwei Ausstellungen eröffnet wurden – im einen Fall zur Restauration eines der von Hans Holbein dem Jüngeren gemalten Basler Orgelflügel, zum anderen über den Maler Jost Haller, einen Zeitgenossen des Meisters der Karlsruher Passion.
Auch in Karlsruhe, wo nun in einer wirkungsvollen Doppelaktion die Landesausstellung „Spätmittelalter am Oberrhein“ eröffnet wurde, hält man sich nicht immer an die anfangs zwischen der Kunsthalle und dem Badischen Landesmuseum vereinbarte Trennung von sakraler und weltlicher Kunst. Doppelungen und thematische Überschneidungen bleiben nicht aus. Beiden Museen geht es um eine Schau der Superlative, die durch die Fülle der Exponate und die klingenden Namen der Leihgeber beeindrucken sollen. Dabei widerstand man nicht der Versuchung, möglichst viel von den kostbaren Schätzen der eigenen Sammlung zu zeigen. Auch die Freude an der Inszenierung einer Überfülle von Ideen mag manchen eher verwirren. So liefern vor allem das Rahmenprogramm, das museumspädagogische Begleitprogramm und die drei Katalogbände Erhellendes zum Thema Mittelalter.
Das Badische Landesmuseum im Schloss widmet sich dem Alltag im Spätmittelalter (1350–1525). Dazu hat man viele aussagekräftige Objekte zusammengetragen und als Publikumsmagnet ein originales Haus mit mittelalterlicher Stube und Küche eingerichtet. Sogar eine kleine Kapelle ist aufgebaut worden, in der man Kelch und Bursendeckel aus dem Freiburger Münsterschatz bewundern kann. Bemerkenswert auch ein hölzernes Ziborium aus dem Kloster Adelhausen. Daneben zeigt die Schau Exponate zum Thema kirchliche Feste sowie kleine Klappaltärchen als Zeichen der Volksfrömmigkeit.
In beiden Ausstellungen findet sich das Motiv der heiligen Ottilie, die ihren bösen Vater durch Gebet aus dem Fegefeuer erlöst. Und wer ein Bewunderer des geheimnisvollen Einhorns ist, das im Mittelalter in seiner Vieldeutigkeit eine große Rolle spielt, begegnet auch ihm des Öfteren. Zum Beispiel auf der silbernen Brosche und dem wunderbar gewirkten Beutel aus dem Augustinermuseum, aber auch auf dem großen Bildteppich mit dem Hortus Conclusus, der um 1480 in einer Basler Werkstatt entstanden ist. Die Kunsthalle zeigt dieses Meisterwerk zusammen mit anderen Bildteppichen in einem abgedunkelten Raum, in dem auch das – aus dem Metropolitan Museum in New York nach Karlsruhe gebrachte – Marienleben zu bewundern ist, das um 1470 in einer Straßburger Werkstatt angefertigt wurde. Aus dem Paul-Getty-Museum in Los Angeles kommt Martin Schongauers Bild von der Maria im Fenster, die mit dem Jesuskind in einem Buch blättert.
Dietmar Lüdke hat die Ausstellung in der Kunsthalle konzipiert. Konzentriert hat er sich auf die Darstellung vom Leben der Madonna, der Heiligen und von Christus. Vorgestellt werden diese Motive in der Wechselwirkung von Tafelmalerei, Druckgrafik, Buch- und Glasmalerei aus den Werkstätten der bedeutenden Maler des Spätmitteltalters am Oberrhein (1450–1525).
So ist etwa aus Boston ein um 1450 von einem elsässischen Maler geschaffener Christus als Schmerzensmann neben den sieben Tafeln des Meisters der Karlsruher Passion zu sehen. Der von Albrecht Dürer in seiner Straßburger Zeit geschaffene Christus mit der Dornenkrone gegenüber dem gekreuzigten Christus von Mathias Grünewald. Eine Attraktion der Ausstellung ist auch die vom Meister der Benda-Madonna gemalte Maria, die man erstmals mit dem zugehörigen Verkündigungsengel und zwei Altarflügeln mit den Heiligen Barbara, Dorothea, Katharina und Genoveva zeigen kann.
Ein Gang durch die Ausstellung der Karlsruher Kunsthalle braucht viel Zeit, da es sich empfiehlt, sich nach dem Vergleich der Gemälde und Altartafeln den Zeichnungen und Druckgrafiken zu widmen. Sie zeigen die Kunst der Meister vom Oberrhein noch auf feinere Weise. Was die Ausstellung im Badischen Landesmuseum angeht, so lässt sich Sehenswertes zum Thema Handwerk finden, insbesondere zur Goldschmiede- und Buchdruckerkunst. Anschaulich dargestellt wird ferner das Gesundheitswesen im Mittelalter. Bunt und abwechslungsreich erlebt der Besucher Schützenfeste und Turniere, Musik, Tanz und Unterhaltung. Interessant ist die kleine Abteilung zur Stellung der Frau im Mittelalter und der Ausstellungsteil Schule und Bildung, wo man auch das schon in der Landesausstellung in Rottenburg gezeigte Freiburger Universitätsszepter wiederfindet.

Renate Braunschweig-Ullmann

Hinweis:
Informationen zu der zweiteiligen Landesausstellung gibt es unter den Telefonnummern 0721/ 9263368 (Staatliche Kunsthalle Karlsruhe) beziehungsweise 0721/9266833 (Badisches Landesmuseum Karlsruhe) sowie im Internet unter
www.spaetmittelalter.de