Sie können auch mit der Bahn fahren, meint die Frau am Fahrkartenschalter: Dann wären Sie schneller da. Nichts da. Bahn gibts heute nicht. Der Reporter ist wild entschlossen, Odenwald und Taubertal mit dem Bus zu erobern. Teil zwei der konradsblatt-Sommerreihe: Unterwegs im Erzbistum.
Das soll Sibirien sein?
Mit dem Bus von Mosbach nach Tauberbischofsheim
Nach Sibirien soll es gehen. Nach
Badisch Sibirien, um genau zu sein. So jedenfalls reden die Leute
hier von ihrer eigenen Region. Mag sein, dass einstmals hochnäsige
Karlsruher aus der Markgrafen-Residenz den Namen erfunden haben.
Oder Freiburger, denen der Stolz auf ihren Bischofssitz zu Kopf
gestiegen ist. Heute jedoch führen vor allem die Einheimischen
selbst den Begriff im Mund. Und der Besucher wird den Eindruck
nicht los, als kokettiere man insgeheim damit ...
Bestes Beispiel: Mosbach. Je zwei Autospuren scheinen zu sagen:
Gib Gas. Was gibt es schon zu sehen? Ein paar
Tankstellen kommen in den Blick, die Filiale eines amerikanischen
Spezialitätenrestaurants.
Doch nur Mut, Wanderer. Setze einen Fuß hinein in diese Stadt.
Das Touristikbüro will sogar zu 1000 Schritten in die
historische Altstadt verführen. Wegweiser leiten einen
durch strahlende Fachwerkgässchen, zu beeindruckenden Zeugnissen
der Baukunst. Da ist das Palmsche Haus, die Stiftskirche,
Reste des Schlosses aus dem 14. Jahrhundert. Das Mosbach von
heute trifft sich in der Alten Mälzerei zu
Kulturveranstaltungen. Filmnächte, der Mosbacher Kultur-Sommer
und sogar Deep Purple kommen demnächst in den Odenwald.
Das soll Sibirien sein?
Vielleicht war das ja nur ein bevorzugter Außenposten. Mal
sehen, wie es weitergeht. Die Reise beginnt mit dem Einstieg in
die Buslinie 5610. Profis setzen sich am Morgen übrigens auf die
linke Seite des Fahrzeugs. Unbehelligt von der Sonne (die öffentlichen
Busse haben keine Klimaanlage) rauscht der Fahrgast dann
abwechselnd durch kühle Wälder und vorbei an großzügig
angelegten Feldern.
Jetzt lernen wir die Vorteile der Busreise schätzen. Denn das
schwere, lange Ungetüm (Entschuldigung, liebe Verkehrsbetriebe,
aber so kommt es dem unbedarften Passagier vor) biegt des Öfteren
von der Bundesstraße ab und schlängelt sich durch eigentlich
viel zu schmale Dorfstraßen. Wie wäre man sonst je hierher
gekommen? Nach Neckarburken mit seinem Limesmuseum oder nach
Limbach mit der Mühle?
In Buchen haben wir ein paar Minuten Aufenthalt. Zum Besuch der
Ausstellung Am Anfang war der Löscheimer über 135
Jahre Freiwillige Feuerwehr reicht die Zeit zwar nicht. Aber in
die St.-Oswald-Kirche kann man schauen, den Marktbrunnen und das
Mainzer Tor am Ende der kurzen Fußgängerzone besichtigen.
Weitere Eindrücke: In der Stadtpfarrkirche nennen sie Abtreibung
Baby-Holocaust. Ob diese Worte so glücklich gewählt
sind? Immerhin hängt ein paar Meter weiter eine Gedenktafel an
den jüdischen Heimatdichter und Förderer der Fastnacht
Jakob Mayer. Aus Verzweiflung angesichts der
Anfeindungen seiner Mitbürger in der Nazizeit habe er sich das
Leben genommen, bekennt das Schild.
Zurück am Busbahnhof warten wir auf den Anschluss. Die
sind pünktlich, beruhigt eine Rentnerin den nervösen
Reporter. Es kann tatsächlich nahtlos weitergehen. Die
Besiedelung wird spärlich, die Straßen werden schmal, hier gibt
es Landwirtschaft und Landschaft.
Langsam nähern wir uns Walldürn. Liebenswert, lebenswert,
verspricht die Tafel am Ortseingang. Doch diese Eigenschaften
erschließen sich erst auf den zweiten Blick. Oberflächlich
betrachtet ist Walldürn nämlich fast ausschließlich auf die
Basilika und die Wallfahrt zum Heiligen Blut hingeordnet. Es gibt
Pensionen, Gasthäuser, Imbissstuben, die ganze Pilgerbusse
bedienen können. Aber wenn der Gast näher hinschaut, findet er
eben auch das Wallfahrtsmuseum, eine Chagall-Ausstellung und in
der Nähe das Freilichtmuseum oder die Tropfsteinhöhle von
Eberstadt.
So langsam wird es Zeit abzubiegen, wenn man nicht in Limburg,
Speyer, Würzburg oder gar Rottenburg-Stuttgart landen möchte.
All diese Bischofssitze liegen jetzt näher als Freiburg. Da
wollen wir doch wenigstens im Badener Land bleiben. Und so folgen
wir der Deutschen Limesstraße nach Hardheim. Allein
zum Umsteigen ist der Ort viel zu schade. Die Kirche St. Alban
ist auf jeden Fall sehenswert, außerdem gibt es ein Schloss, die
Erftalhalle mit Heimatmuseum. Viel zu sehen also, doch Obacht:
der letzte Bus Richtung Tauberbischofsheim verlässt Hardheim
schon kurz nach 18 Uhr (nach Buchen kommt man immerhin noch bis
21 Uhr werktags wohlgemerkt).
Und so steigen wir schnell ein bei Wolfgang Kraus. Er fährt
heute den Bus mit der Linie 7838, der uns sicher nach
Tauberbischofsheim bringen wird. Am Himmel donnern Tiefflieger
vorbei, immer wieder begegnen uns Militärfahrzeuge. Hier ist
viel Bundeswehr stationiert. Doch wir interessieren uns mehr für
das alte Kulturland. Ein Gang durch das Taubertal ist ein
Gang durch die Deutsche Geschichte, hat es ein Volkskundler
schon vor rund 150 Jahren gesagt. Die Motivrouten Romantische
Straße, Siegfried- und Nibelungenstraße
führen durch dieses Gebiet. Nach moderner Sprachregelung
verlassen wir gerade den Neckar-Odenwald- und erreichen den
Main-Tauberkreis. Für die Kirche heißt das gesamte Gebiet
Region Odenwald-Tauber.
Tauberbischofsheim am Schlusspunkt unseres Ausflugs fühlt
es sich so ein bisschen nach Heimkommen an. So ähnlich haben
sich vielleicht die Florettfechter gefühlt, als sie mit ihrem
Europameistertitel ins Bundesleistungszentrum zurückkamen. Der
Re-dakteur indes erinnert sich an den Dekanatskatholikentag von
vor zwei Jahren. Damals war die Fußgängerzone Kirchenmeile, vor
dem Kurmainzischen Schloss traf man sich zu einer stimmungsvollen
Schlusskundgebung.
Das war es also: Badisch Sibirien. Ein Ausschnitt zumindest. Viel
bleibt noch zu entdecken. Der Bus taugt dafür aber nicht
unbedingt. Stattdessen empfiehlt es sich, den Drahtesel oder die
Wanderschuhe zum Einsatz zu bringen. Es lohnt sich, denn auch
wenn die Gegend liebevoll Sibirien genannt wird: So richtig kalt
ist einem während der Reise nicht geworden ...
Stephan Langer
Hinweis: Wer Ausflüge und Touren
im Norden des Erzbistums plant, erhält Informationen unter
anderem bei:
der Touristikgemeinschaft Odenwald: Telefon (0 62 61)
84319, www.tg-odenwald.de
der Touristikgemeinschaft Liebliches Taubertal:
Telefon (0 93 41) 8 23 82, www.liebliches-taubertal.de