Das Glas ist halb leer
Zunächst ist festzuhalten: Bei
der Stellungnahme des Bundesverfassungsgerichts zum
Religionsunterricht im Land Brandenburg handelt es sich nicht um
ein Urteil. Der Erste Senat formulierte lediglich einen
Vergleichsvorschlag, auf dessen Grundlage sich die
Konfliktparteien einigen sollen auf der einen Seite die
brandenburgische Landesregierung, auf der anderen Seite die
Beschwerdeführer: Eltern und Schüler, die Kirchen und die
Unionsparteien.
Trotzdem: Der Vergleichsvorschlag gibt eine Richtung vor. Und es
ist nicht verwunderlich, dass sich die Vertreter der
Landesregierung ebenso schnell wie positiv über den Spruch der
Karlsruher Richter äußerten, während die Kirchen länger
brauchten, um eine erste Stellungnahme abzugeben.
Für die Kirchen wie für die anderen Beschwerdeführer ist nach
diesem Vergleichsvorschlag das Glas nicht halb voll, sondern halb
leer. Denn er entspricht keineswegs dem, was sie ursprünglich
wollten: die Einführung von Religion als einem ordentlichen
Lehrfach in Brandenburg, gemäß dem Grundgesetz. Stattdessen
bleibt nach dem Vorschlag des Gerichts LER ordentliches Lehrfach,
während der Religionsunterricht lediglich erteilt werden kann
in der Regel in Lerngruppen ab zwölf Teilnehmern.
Immerhin: Schüler, die den Religionsunterricht besuchen, können
sich durch eine einfache Erklärung von LER abmelden. Aber das
zeigt deutlich, wie gemäß dem Vorschlag der Richter der
Religionsunterricht in Brandenburg betrachtet wird: als
Ersatzfach, das aber rechtlich weitaus schwächer gestellt ist
als beispielsweise das Schulfach Ethik in Baden-Württemberg.
T rotzdem ist anzunehmen, dass die Kirchen diesen Vorschlag
aufgreifen und mit der brandenburgischen Landesregierung darüber
verhandeln. Denn würden sie es auf ein richtiges Urteil ankommen
lassen, dann stünde der Religionsunterricht plötzlich auch in
den Bundesländern auf dem Prüfstand, in denen er nach der Wende
als ordentliches Lehrfach eingeführt wurde.
Es ist richtig: Der Kompromissvorschlag wertet den
Religionsunterricht in Brandenburg auf. Insgesamt aber ist seine
Stellung schwächer geworden.
Michael Winter