Das eigene Entsetzen thematisieren
Der Freiburger Religionssoziologe Ebertz zu den vollen Kirchen nach den Terroranschlägen
Nach den Terroranschlägen in den USA waren viele Kirchen in Deutschland überfüllt. Der katholische Religionssoziologe Michael Ebertz analysierte in Freiburg in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) die Hintergründe des Phänomens.
KNA: Herr Ebertz,
manche deutsche Kirchenvertreter haben die vollen Gotteshäuser
als Zeichen einer religiösen Neubesinnung gewertet. Wie sehen
Sie das?
Ebertz: In der Tat, die Kirchen haben sich nach
den Ereignissen des 11. September gefüllt. Sie haben auf die
Sorgen der Menschen, auch auf die von situativ kirchenfernen,
reagiert. Eine derart globale Schock- und Krisenerfahrung erzeugt
beim Menschen den Wunsch, diese Krise auch symbolisch zu
kommunizieren. Dafür sind die Kirchen immer noch erste Orte.
Dort kann man das eigene Entsetzen in geregelter Form und in
einem kollektiven Zusammenhang thematisieren. Anders ausgedrückt:
Die Kirchen haben in dem Moment wieder eine Art zivil-religiöser
Funktion erhalten. Damit ist sicher auch eine religiöse
Neubesinnung verbunden. Ich würde aber eher von einem Impuls zur
Besinnung sprechen. Ob daraus eine Dauerbesinnung wird, halte ich
für fraglich.
Sind die Menschen nicht vielleicht nur deshalb in die
Kirchen gekommen, weil sie Angst hatten?
Sicher haben viele einfach nur Angst gehabt. Aber was bedeutet
das? Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen der Angst durch
die Erfahrung des Übermächtigtwerdens und dem Bedarf, darauf
religiös zu reagieren. Wie soll man handeln, wenn etwas das Maß
des Üblichen übersteigert und man die Ursache zunächst nicht
kennt? Dafür stehen rituelle und symbolische
Kommunikationsformen zur Verfügung. Und die sind offensichtlich
in unserer Gesellschaft, übrigens auch in Ostdeutschland, noch
nicht verschüttet.
Müssen erst solche Katastrophen geschehen, damit die
Menschen wieder in die Kirche gehen?
Es wäre zynisch, das so zu formulieren. Ich würde es anders
sagen: Sollten weitere kollektive Katastrophen globalen Ausmaßes
wirklich geschehen, was Gott verhüten möge, dann werden wir in
Zukunft mehr Menschen in unseren Sakralräumen haben. Ob das
freilich mehr Christen sind beziehungsweise Gläubige im
christlichen Sinne, das halte ich für fraglich.
Während es viele Menschen in die Kirchen zog, drückten
andere ihre Betroffenheit etwa bei Friedensdemonstrationen aus.
Sind das zwei unterschiedliche Strategien, mit der Bedrohung
umzugehen, oder gibt es Gemeinsamkeiten?
Beim Gottesdienst oder Gebet in der Kirche können Menschen ihre
Sorgen hinausschreien und vor Gott bringen, durchaus auch in der
Form der Klage Mein Gott, warum hast Du das zugelassen?
Die Kirche wird dann auch ihrerseits versuchen, diese Sorgen in
einem christlichen Sinne aufzugreifen, etwa im Verweis auf den
menschgewordenen, aber ans Kreuz geschlagenen Gott. Eine
Friedensdemonstration kann dies im Grunde so gar nicht
thematisieren, auch wenn sie urwüchsige religiöse Elemente enthält.
Hier steckt eine große Herausforderung an die Kirche, in dem sie
sich bemüht, gemeinschaftliche und individuelle
Krisenerfahrungen im Zusammenhang mit der christlichen Tradition
zu deuten.
Interview: Elke Blüml