Das 9. Allmannsdorfer Gespräch befasst sich mit der Frage nach dem Gewissen. Thema der diesjährigen Veranstaltung: „Das ruinierte Gewissen.“ Wie ist es hierzulande um das Gewissen bestellt? In Ost- und Westdeutschland scheint dieses Wort bereits zum Fremdwort geworden zu sein. Nach persönlichen Erfahrungen im Umgang mit dem Gewissen befragte das konradsblatt eine Auswahl an Vertretern aus Kirche und Gesellschaft.

Ist das Gewissen auf dem Rückzug?

Wie es um die letzte Instanz persönlicher Verantwortung bestellt ist.

Das Gewissen hat keine Konjunktur

Junge Wehrpflichtige, die zur Beratung für Kriegsdienstverweigerer kommen, sind gezwungen, in der Begründung ihres KDV-Antrages ihre Gewissensgründe darzulegen. Nur so können sie die Vorgabe des Grundgesetzes (niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden GG Art. 4 Abs. 3) erfüllen.
Und genau da beginnen die Fragen und Probleme. Sie haben viele Gründe, warum sie lieber Zivildienst machen wollen, als zur Bundeswehr zu gehen – aber Gewissensgründe? Was ist denn das? Was soll ich denn dazu in meiner Begründung schreiben? Es liegt wohl daran, dass das Gewissen in unserer „postmodernen“ Gesellschaft keine Konjunktur mehr hat, dass das „schlechte Gewissen“ oder die „Gewissensbisse“ außer Mode gekommen sind.
Im Verlauf des Beratungsprozesses ist es immer wieder interessant festzustellen, dass die jungen Männer sehr wohl in der Lage sind zu sagen, was für sie selbst richtig oder falsch ist, was für sie einen Wert hat und nach einem Blick auf ihre Lebensgeschichte herauszufinden, wo bestimmte Haltungen und Wertentscheidungen herkommen. Viel schwerer fällt es ihnen aber, dies alles mit dem Begriff des Gewissens in Verbindung zu bringen. Ein Problem, vor dem die Väter und Mütter des Grundgesetzes offensichtlich (noch) nicht standen.

Michael Bross, ehrenamtlicher Berater für Kriegsdienstverweigerer im Beraterkreis des Katholischen Jugendbüros Freiburg

Wenn sich das Gewissen als Schmerz meldet …

Das Wort Gewissen begegnet den meisten Menschen üblicherweise in festem Zusammenhang mit zwei Tätigkeiten. Die eine kommt in der Gewissenserforschung zum Ausdruck. Für die andere steht der leicht oder schwer pathetische Ausdruck, man habe sich auf sein Gewissen berufen, sei mit seinem Gewissen im Reinen. Beide Fälle markieren die fern auseinander liegenden Pole, von denen aus vom Gewissen die Rede sein kann. Im einen Fall wird ein Moment der Demut angesprochen: Gewissenserforschung geht einem Schuldbekenntnis voraus. In dem anderen Fall wird ein Zeugnis von Hochmut geschönt.
Wer behauptet, ein gutes Gewissen zu haben, tut dies gemeinhin aus der Furcht, andere könnten ihm wegen irgendeines Geschehens gerade dies absprechen. Das Gewissen ist eine wichtige, aber keine unfehlbare Instanz. Vor allem aber ist das Gewissen auch eine Instanz, durch die ein Mensch sich selbst täuschen kann. Auch Gewissenserforschung führt hin und wieder zu Selbstgerechtigkeit. Vertrauen darf man seinem Gewissen nur, wenn es sich als Schmerz meldet, ein Schmerz, den man lieber vermieden hätte.

Jürgen Busche, Chefredakteur der Badischen Zeitung in Freiburg

Gewissen – eine Gratwanderung

Das Gewissen ist für mich der Sitz der persönlichsten Moral, welches mir Anhalt für ein soziales Vorgehen innerhalb meines Berufes und im direkten Umgang mit meinen Klienten und Mandaten gibt. So bietet mir die Verankerung fester Überzeugungen im Gewissen und die dauerhafte Orientierung an christlichen Werten die moralische und ethische Stabilität, innerhalb derer ich mich gerade im Umgang mit den mir anvertrauten Sachverhalten und Menschen immer wieder auseinander setzen muss.
Loyalitätskonflikte sind in meinem Beruf unerlässlich – häufig müssen unterschiedlichste Interessen gegeneinander abgewogen und entschieden werden: Die Interessen der Mandanten, der Banken, des Finanzamtes, des Staates, der Mitarbeiter und meine Interessen. In diesen Auseinandersetzungen meldet sich das Gewissen immer wieder neu zu Wort. Dabei bedeutet es für mich, stets aufs Neue innezuhalten und der Stimme des Gewissens Raum zu verschaffen, was nicht immer ganz leicht ist in der betriebsamen und nüchternen Geschäftswelt.
So hilft mir, wenn ich mein Tun und mein Handeln reflexiv hinterfragen und mich bewusst auf die Gratwanderung zwischen meiner persönlichen christlichen Überzeugung und den Anforderungen des Berufes einlasse. Wo das Gewissen sich meldet, heißt die Herausforderung wieder einmal, ein Stück Persönlichkeitsentwicklung anzugehen und zu meistern.

Elke Martin-Ehret, Vorsitzende der Diözesangruppe Freiburg des Bundes katholischer Unternehmer

Recht und Gewissen

Das Gewissen ist eine kostbare Gabe. Irgendwie ist es uns eingeschaffen, als eine Art moralischer Gerichtshof, wie Kant gesagt hat. Manche Theologen sprechen von der Stimme Gottes in uns. Aber das Gewissen bedarf auch der Bildung und Information, damit es wirklich sprechen und seine Urteile fällen kann; es ist nicht einfach ein Automat. Das Gewissen spricht auch nicht jeden Tag; verrichte ich meine tägliche Arbeit, treffe ich nicht laufend Gewissensentscheidungen. Das Gewissen meldet sich im besonderen Fall, zumeist, wenn es um einen Konflikt geht.
Als ich Verfassungsrichter war, meldete sich das Gewissen zuweilen, wenn ich schwierige Fälle zu entscheiden hatte. Es meldete sich im Hinblick darauf, dass diese Fälle allein nach „Gesetz und Recht“, das hieß hier nach der Verfassung, zu behandeln seien, nicht nach eigenen persönlichen Auffassungen und Überzeugungen. Besonders aktuell wurde das 1992 beim Verfahren über das vom Bundestag beschlossene Gesetz zum Schwangerschaftsabbruch, das beim Verfassungsgericht zur Prüfung gestellt war.
Als Katholik habe ich zur Abtreibung eine deutliche Position, die sich nahezu ganz mit der Lehre der Kirche deckt. Aber das Gewissen mahnte mich nun nicht, diese Auffassung in der Beratung im Senat mit allen Kräften durchzusetzen, sondern gerade unabhängig von dieser Auffassung danach zu fragen und für das einzutreten, was das Grundgesetz in seinen verschiedenen Gewährleistungen zu diesem Problem selbst sagt oder sich aus ihm entnehmen lässt, auch wenn dies hinter meiner katholischen Überzeugung zurückbleibt, ihr womöglich sogar widerspricht. Warum wohl hat das Gewissen sich so und nicht anders gemeldet? Ich hatte, als ich das Richteramt übernahm, geschworen, als gerechter Richter das Grundgesetz und die Gesetze zu wahren und Gerechtigkeit gegen jedermann zu üben. Dies und dies allein war in diesem Amt meine Aufgabe und Pflicht, nicht die Vertretung katholischer Belange. Und ich hatte diesen Eid mit der religiösen Beteuerung „so wahr mir Gott helfe“ geleistet.
So mahnte mich das Gewissen, diese Pflicht voll und ganz zu erfüllen und davon nicht etwa zugunsten meiner persönlichen, im Glauben gegründeten Überzeugung abzuweichen. Für diese Überzeugung kann und soll man im politischen Raum kämpfen, damit sie durch die Gesetzgebung in das Recht eingeht, aber als Richter darf man sie nicht einfach der Verfassung unterlegen, wenn sie darin nicht enthalten ist.

Ernst-Wolfgang Böckenförde, Richter am Bundesverfassungsgericht a. D.

Das Geld und die Werte

Zur Sachlichkeit biblischer Schilderungen gehört es, dass über Geldverhältnisse, auch Grundstückspreise und Steuern, unbefangen berichtet wird. Es gibt harte Worte von Jesus an die Adresse der Reichen, so etwa das Bekannteste: „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel kommt.“ Jene vor allem, die auch auf unrechtmäßige Weise durch erhöhte Zolleinnahmen Geld und Gold zusammenscharrten, ermahnte er, die Hälfte den Bedürftigen zu geben. Es klingt hier die Faszination des Geldes an und streift dabei die Seele der Moral. Es ist wohl unbestritten: Der Drang nach Geld ist die Triebfeder des wirtschaftlichen Fortschritts. Die Chance, Geld zu verdienen, setzt die Kreativität, den Fleiß und die Risikobereitschaft jedes Einzelnen frei. Für viele bedeutet Geld auch Macht und Statussymbol. Es bringt ihnen Freunde, Heuchler, Neider, auch Komplimente. Geld kann aber auch eine Entschädigung sein, tagesaktuell das Thema „Zwangsarbeiterentschädigung“. Die Leidenschaft zum Geld kann aber auch zu krankhaftem Geiz oder zu Verschwendungssucht führen. Wer viel Geld hat und dadurch meint, sich in einer glücklicheren Lage zu befinden, kann sich dem intellektuellen Abenteuer der Spekulation stellen und versuchen, sein Vermögen noch weiter zu vermehren.
Unsere Welt wird zunehmend ökonomisch gemessen. Die begrifflichen Wahrnehmungen reduzieren sich auf die alltäglichen Begriffe wie Kunden, Aktionäre, Unternehmer oder effizient, innovativ, kreativ, produktiv, wettbewerbsfähig, flexibel, zukunftsfähig. Es sind dies die neuen normativen Auszeichnungen für so ziemlich alle Lebensbereiche. Allzu sehr fordern sie unsere Zustimmung, was besonders daran zu erkennen ist, wenn man das jeweilige Gegenteil formuliert: ineffizient, rückschrittlich, unkreativ, unproduktiv, wettbewerbsschwach, unbeweglich, zukunftsuntauglich. Wir sind gefordert, diesen Begriffen normative Wertevorstellungen beizustellen und in einer gewissenbezogenen Verantwortung zu handeln.

Sigmar Ott, Bankdirektor Volksbank Meßkirch

„Übung der liebenden Aufmerksamkeit“

Brav“ zu sein ist zu wenig für Christen. Das Christentum ist keine Religion des Wohlverhaltens und sein Erfolg nicht an der Entwicklung bürgerlicher Sekundärtugenden messbar. Das Abhaken erfüllter Normen kann nicht ersetzen, Gott mit dem Herzen zu suchen, mich auf ihn hin zu bewegen.
Gar nicht in Bewegung scheine ich abends für eine Viertelstunde zu sein, auf den Spuren des spanischen Exerzitienmeisters Ignatius von Loyola bei einer Gewissenserforschung der anderen Art: der „Übung der liebenden Aufmerksamkeit“. Beliebt als „Weg zum Leben“ bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Exerzitien im Alltag, die ich immer wieder im Dekanat, jetzt in einer Pfarrgemeinde begleite. Mich durchspüren, Gott um offene innere Augen und Ohren bitten für das, was er mir jetzt zeigen möchte; den Tag vorbeiziehen lassen … Was war da in den Begegnungen dieses Tages, in den inneren Regungen?
Äußerlich unbewegt, spielt sich vor dem inneren Auge manches ab, bleibe ich an einem Gefühl, vielleicht an einer schwierigen oder auch auf den ersten Blick unscheinbaren Situation/Begegnung hängen. Jetzt: nicht vorschnell werten, vor allem nicht nach dem alten Muster „richtig“ und „falsch“ oder „wie war ich?“ Stattdessen die Richtschnur: Wo spüre ich Bewegungen hin zum „Leben in Fülle“ (Joh 10,10) – zu Heil, tieferer Beziehung und damit hin zu Gott – und: Wo ist das „Leben“ an diesem Tag zu kurz gekommen, wo zeigen sich „lebensfeindliche Tendenzen“?
Zum Schluss nicht einfach ein guter Vorsatz, denn der ist zum Scheitern verurteilt, wo die Bedingungen dieselben bleiben, auch wenn die innere Einstellung stimmt, sondern: Gott um Wandlung sowohl der eigenen inneren Haltungen als auch der äußeren Strukturen bitten, und um Entschiedenheit und Kraft, dabei mitzuwirken.

Monika Rohfleisch, Dekanatsreferentin für das Dekanat Kraichgau

Vom „schlechten Gewissen“ zum „guten Gewissen“

Das Gewissen soll als normale Schutzfunktion unser eigenes Leben und Zusammenleben erleichtern. Dennoch wird es für viele zum einengenden und zermürbenden „schlechten Gewissen“. Schuldgefühle führen häufig zum Verlust von Selbstachtung und Selbstwert bis hin zur Depression.
In der Beratung wird häufig zuerst das Leiden unter Partnern, Kindern und Eltern genannt, bald aber kommen Schuldgefühle und Selbstzweifel, das „schlechte Gewissen“ zum Vorschein. Eine „schlechte Mutter“ zu sein und als Partnerin zu versagen, das sitzt oftmals sehr tief.
Eine junge Frau, Mutter von drei Kindern, sagte zum Beispiel: „Ich habe ständig Angst vor dem Scheitern. Es wäre leichter für alle, wenn es mich nicht gäbe. Ich möchte immer noch dem Bild entsprechen, dass meine Eltern von mir hatten.“
Eine andere junge Frau fühlte sich vor Gott schuldig wegen ihrer Beziehung. „In mir ist so viel – du musst, du musst, du darfst nicht!“
Ein ältere warmherzige Frau, die zeitlebens im sozialen Bereich tätig vielen Menschen Trost und Stütze war, kam mit schlimmen Selbstzweifeln, Schlaflosigkeit, Albträumen und einem depressiven Zusammenbruch in die Beratung. Sie hatte ein liebevolles christliches Elternhaus gehabt, aber das „Mach es ja recht“ hat sie als ständigen Druck, mehr leisten zu müssen, tief verinnerlicht.
„In der Beratung habe ich gelernt, mich nicht mehr zu überfordern. Ich durfte wieder den ,liebenden Gott‘ spüren. Es war wie eine Erlösung. Ich habe zu mir selbst und damit zur inneren Ruhe gefunden. Ich fange nochmals wie neu an zu leben. Aus meinem ,schlechten Gewissen‘ wurde ein ,gutes Gewissen‘.“
Von Männern erfahre ich oft erst viel später im Beratungsverlauf von ihren Schuldgefühlen (meist nicht genug für die Familie da zu sein). Das häufig „chronisch schlechte Gewissen“ macht sie hilflos und wütend. Sie haben durch ihre Sozialisation gelernt, Schuldgefühle für sich zu behalten. Angst vor Macht- und Prestigeverlust führen oft dazu sich abzukapseln. Intime Gespräche in der Partnerschaft, in denen über Gefühle gesprochen wird, werden immer seltener, dafür nehmen Vorwürfe und Verteidigung zu.

Barbara Model, Diplom-Psychologin, Psychotherapeutin, Eheberaterin

Nur ein recht gebildetes Gewissen

Die Zurückdrängung des Gewissens aus dem Wortschatz der gegenwärtigen Humanwissenschaften erinnert an den bissigen Aphorismus, der das Gewissen als eine pathetische, doch im Leben unbrauchbare Beschwörungsformel entlarven möchte: „Sein Gewissen war rein. Er benutzte es nie.“
Auch für den Philosophen Wilhelm Weischedel bleibt das Gewissen ein rätselhaftes Wort, das einen verwirrenden Sachverhalt beschreibt: „Der eine wird vom Gewissen geplagt, der andere pfeift darauf. Einige sind für ihr Gewissen gestorben; andere haben seinen Spruch sorglos in den Wind geschlagen. Mancher schüttelt es ab, weil es ihm unbequem ist; andere möchten alles eher entbehren als ihr Gewissen, das ihnen als untrügliche Richtschnur in der Verwirrung des Lebens dient.“
Für die Theologie ergibt sich daraus eine weit reichende Konsequenz: Das Gewissen ist keineswegs einer urwüchsigen Naturpotenz vergleichbar, deren verlässliches Funktionieren in moralischen Debatten fraglos vorausgesetzt werden darf. Vielmehr zeigt sich das Gewissen als eine überaus störungsanfällige und verletzbare Wirklichkeit, die jener bewussten Aufmerksamkeit und lebenslangen Besorgheit bedarf, die man in der Moralpädagogik früher schlicht „Gewissensbildung“ nannte. Der Mensch ist als freier Urheber seiner Handlungen nicht nur vor seinem Gewissen, sondern auch für sein Gewissen verantwortlich. Nur ein recht gebildetes, das heißt an der unbestechlichen Wahrnehmung moralischer Konflikte und den Maßstäben von gut und böse geschärftes Gewissen kann als letzte Instanz der persönlichen Verantwortung gelten.

Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe an der Universität Freiburg