Das Zeugnis der Zerrissenheit

Nicht nur innerhalb der rot-grünen Regierungskoalition tut man sich mit der Haltung zu den Militärschlägen der westlichen Verbündeten gegen das Taliban-Regime in Afghanistan schwer. Auch die kirchliche Diskussion in Deutschland (und anderswo) zeigt eine erhebliche Vielstimmigkeit, um es positiv zu sagen. Was illustriert die innere Zerrissenheit in dieser Frage besser als die Stellungnahmen der bischöflichen Verant-wortlichen für Militärseelsorge und Friedensarbeit?
Der ernannte Präsident der deutschen Sektion der Internationalen katholischen Friedensbewegung „Pax Christi“, der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke, zeigt Verständnis für die Haltung der Amerikaner beim militärischen Einsatz in Afghanistan – und erntet damit Befremden in den Reihen von Pax Christi.
Der deutsche Militärbischof dagegen, ausgerechnet der Militärbischof, der Eichstätter Bischof Walter Mixa, verurteilt den militärischen Einsatz zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus aufs Schärfste – über Reaktionen innerhalb der Bundeswehr ist bisher nichts bekannt.
Auch Militärbischof Mixa bestreitet nicht die grundsätzliche Möglichkeit, dass die Anwendung militärischer Gewalt unter bestimmten Bedingungen ethisch gerechtfertigt sein kann. Wie wollte er auch sonst den Soldaten als oberster Militärseelsorger in Deutschland begegnen?
Der Bischofskonferenz-Vorsitzende, der Mainzer Bischof Karl Lehmann, zeigt in seiner Stellungnahme das schwierige Dilemma im Zusammenhang mit den anstehenden politischen und militärischen Entscheidungen auf. Auch der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland sprach sich nicht gegen den Einsatz deutscher Soldaten aus, wie von einigen Delegierten gewünscht.
Der Ratsvorsitzende der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Manfred Kock, nannte die Lage beim Namen: Die Zerrissenheit gehe durch jede einzelne Person, durch die ganze Synode. Wie sagte noch ein Synoden-Mitglied: „Ich bin in mir selbst zerrissen. Heute könnte ich so abstimmen – und morgen andersherum.“
Es wäre ein Leichtes, die Unterschiedlichkeit der kirchlich vertretenen Positionen, die Zerrissenheit unter Christen zu kritisieren. So eindeutig, wie mancher sich in dieser Situation das Zeugnis der Christen wünschte, sind die Äußerungen nicht. Spiegelt die innerkirchliche Diskussion nicht der Lage der Gesamtgesellschaft wider?

Die innere Zerrissenheit auch unter den Christen mindert nicht ihr Glaubenszeugnis. Das Zeugnis der Christen besteht nicht darin, dass sie immer schon wüssten, was zweifelsfrei gut und böse ist. Auch Christen kommen nicht umhin, angesichts der schwierigen Situation ihren Verstand anzustrengen, Abwägungen vorzunehmen – und das letzte Urteil gewissermaßen Gott zu überlassen. Vielleicht besteht das Zeugnis der Christen in der heutigen Lage gerade im Aushalten dieser Zerrissenheit.

Klaus Nientiedt