Darf und will der Mensch den „Menschen nach Maß“ schaffen? Was bedeutet perfekt? Was ist defekt? „Vom Recht auf Unvollkommenheit“ lautet der Untertitel einer Ausstellung zum Thema „Behinderung“ im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden, die solche Fragen stellt.

Der (im)perfekte Mensch

Ausstellung in Dresden fragt nach dem Menschenbild der heutigen Gesellschaft

Er sitzt im Rollstuhl. Zwei Menschen reden über seinen Kopf hinweg. Über ihn. Wie er wohl heißt, wie alt er sein könnte, was er denn habe. Natürlich könnte er die Fragen selbst beantworten. Aber daran denken die anderen beiden nicht. Eine Situation, die für die meisten von uns unvorstellbar ist. Fast jeder Rollstuhlfahrer kennt das aber. Wie einem derart Entmündigten zumute sein muss, können Besucher der Ausstellung „Der (im-)perfekte Mensch“ in Dresden selbst ausprobieren. Das Deutsche Hygiene-Museum und die Deutsche Behindertenhilfe „Aktion Mensch“ zeigen die Ausstellung mit dem Untertitel „Vom Recht auf Unvollkommenheit“.
„Sich in einer Ausstellung mit dem Thema Behinderung auseinander zu setzen, erfordert ein hohes Maß an Sensibilität“, erklärt ZDF-Intendant Dieter Stolte, gleichzeitig Vorsitzender der „Aktion Mensch“. „Jede öffentliche Beschäftigung mit Behinderung ist nach wie vor leicht dem Verdacht des Voyeurismus ausgesetzt.“ Stolte denkt an Zeiten, in denen Behinderte als Attraktion auf Jahrmärkten ausgestellt wurden. „Dies ist keine Ausstellung über behinderte Menschen, sondern eine Ausstellung mit behinderten Menschen über unsere Gesellschaft“, sagt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse.
Fast jeder zehnte Mensch ist behindert. Und trotzdem dürften sich die wenigsten gesunden Menschen jemals intensiv mit den Problemen Behinderter beschäftigt haben: Wo kann ein Mensch ohne Arme arbeiten? Was macht ein Blinder mit seiner Post? Wie kommt ein Rollstuhlfahrer ins Rathaus? Obwohl etwa Berlin das erste deutsche Bundesland ist, das 1999 ein Gleichberechtigungsgesetz verabschiedet hat, sind in der Hauptstadt gerade einmal ein Fünftel aller Gebäude mit Publikumsverkehr rollstuhlfahrergerecht ausgebaut.
Erst 1994 ist Artikel drei, Absatz drei des Grundgesetzes um den Satz ergänzt worden: „Kein Mensch darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Trotzdem bezahlt eine große Mehrheit der Betriebe lieber eine Ausgleichsabgabe, statt Menschen mit Behinderung einzustellen.
Und so geht es im Hygiene-Museum um die Fragen: Welches Menschenbild liegt unserem gesellschaftlichen Miteinander zugrunde? Was heißt perfekt? Was ist defekt? Wer bestimmt das ideale Maß des Menschen, die Norm? Und im Zusammenhang mit den Entwicklungen in der Gentechnologie: Darf und will der Mensch den „Menschen nach Maß“ schaffen? Wo ist die Grenze?
Im Eingangsbereich der Ausstellung stehen „Altäre“ der zentralen gesellschaftlichen Leitbilder: Schönheit, Leistungsfähigkeit, Gesundheit, Genussfähigkeit, Autonomie, Perfektion und Rationalität. Dahinter eine künstliche Landschaft mit Zypressen und weidenden Schafen – die verklärte Idylle. Unterschiedlichste Werkzeuge – vom Rad über das Feuerzeug bis zum Computer zeugen vom Bemühen des Menschen, seine eigene Unzulänglichkeit auszugleichen. Im nächsten Ausstellungsbereich geht es um die Grenze der Kommunikation zwischen Behinderten und Nichtbehinderten. Eine künstlerische Installation macht Vorschläge für andere Ausdrucks- und Mitteilungsformen.
Auf einmal nichts mehr sehen können – wie wichtig die Augen im Alltag sind, zeigt sich im Erlebnispark. Der Saal wird vollständig verdunkelt, eine Stimme beschreibt die Empfindungen einer blinden Schwimmerin. Außerdem geht es im Themenpark ums Hören, Verstehen, Berühren und Bewegen.
Eingeschränkt wurde die Bewegungsfreiheit von Behinderten in der Vergangenheit durch Mauern. Das Bild der Anstalt mit weißen Fliesen und symmetrisch angeordneten Betten – kalt und steril – prägt die Atmosphäre im folgenden Ausstellungssaal. Schwarze Säulen erinnern an die Zeit des Nationalsozialismus – als Behinderte keinen Platz in der propagierten „rassenhygienischen“ Gesellschaft hatten und systematisch vernichtet wurden. Schließlich drückt das Bild des Meeres den Wunsch nach einer offenen Zukunft für behinderte Menschen aus.
Helligkeit und Klarheit dominieren den letzten Teil der Ausstellung. Das Licht gilt als Symbol für die Vernunftkultur der Aufklärung. Gleichzeitig „wird uns hier vor Augen geführt, wie schmal der Grat zwischen Wunschtraum und Alptraum ist“ (Wolfgang Thierse). Die so genannte „Lichtung“ stellt unterschiedliche Positionen gegenüber: Wissenschaftler, Juristen, Mediziner, Theologen, Künstler, Politiker und Laien äußern sich zu Themen wie Bioethik, vorgeburtliche Diagnostik, Gentherapie und Sterbehilfe.
Nicht nur inhaltlich, auch in puncto Präsentation beschäftigt sich die Ausstellung mit dem Thema Behinderung: An der Eingangstreppe des Hygiene-Museums wurde eine Rampe gebaut, die allen Gästen den bequemen Zugang zum Gebäude ermöglicht. Im Innern gibt es keinerlei Barrieren: Besucher können Informationen ertasten, Leitsysteme am Boden zeigen Blinden den Weg. Für Gehörlose gibt es Textführungen, geistig Behinderten stehen Texte und Hördokumente in einfacher Sprache zur Verfügung.
Die Ausstellung gibt zumindest keine unmittelbaren Antworten, sie stellt Fragen. Eben das hält Bundestagspräsident Thierse für so wichtig „in einer Gesellschaft, die nur selten ihre Vorstellungen von menschlicher Perfektion und Imperfektion in Frage stellt“. Zwar haben die Fragen eher das Ziel, allzu euphorische Erwartungen an die Wissenschaft zu bremsen als zu beschleunigen. Allerdings betont der sächsische Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer, es gehe nicht darum, den Kampf gegen Krankheit und Tod oder den Einsatz für ausreichend Nahrung und bessere Lebensbedingungen weltweit abzubrechen. „Sehr wohl aber geht es um die Ideale und Maßstäbe des Fortschritts.“ Und deswegen keineswegs nur um die Menschen, die nach heutigem Verständnis „behindert“ sind. Das Ende der Ausstellung markiert ein Satz des blinden Schriftstellers Bernd Kebelmann: „Menschen sind unvollkommen, das könnte fast eine Definition sein – und ein Schlusswort.“

Burkhard Schäfers

Hinweis: Die Ausstellung dauert bis zum 12. August und ist dienstags, donnerstags und freitags von 9–17 Uhr, mittwochs von 9–20 Uhr, samstags, sonntags und feiertags von 10–18 Uhr geöffnet. Weitere Informationen: www.imperfekt.de, Telefon (03 51) 4 84 60.