Christentum in der Kuschelecke
Wir haben uns schon fast daran gewöhnt
zu sagen, das Christentum sei hierzulande inzwischen eine
Minderheit. Und tatsächlich ist da ja auch was dran. In manchen
Teilen Deutschlands ist die Gruppe der Konfessionslosen bereits
größer als die der Kirchenmitglieder. Wir spüren es
allenthalben: Der christliche Glaube ist weit weniger selbstverständlich
gelebter Teil von Kultur und Gesellschaft als er dies noch vor
wenigen Jahrzehnten war. Religionslehrer, Katecheten, Eltern
sie und andere können ein Lied davon singen.
Und doch sollte man es sich in dieser Frage auch nicht zu einfach
machen. Bei allen zahlenmäßigen Rückgängen was bleibt,
ist nicht wenig. Mit den Kirchen ist es so ähnlich wie mit den
öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten: Einst waren sie
Monopolisten, heute sind sie es nicht mehr. Das heißt aber
nicht, dass sie nicht weiterhin eine bedeutende Rolle spielen.
Der Eintrag im Standesamts-Register sagt nicht alles. Aber
dennoch ist es eine Tatsache, dass große Teile der Bevölkerung
weiterhin Mitglieder der großen Kirchen sind. So auffällig die
Kirchenaustritte sind mindestens ebenso auffällig ist die
Zahl derjenigen, die nicht austreten. Und zwar, obwohl dies heute
viel ungehinderter möglich ist als noch vor Jahren.
Die Zeit, in denen Religion als ein notwendigerweise absterbender
Teil menschlicher Kultur galt, ist vorüber. Die Kirchen haben
bewiesen, dass sie die Lektionen einer berechtigten
Religionskritik gelernt haben. Die Funktion von Glaube und
Religion wird auch weit über die Grenzen der Kirchen heute
positiver gesehen denn je. Selbst unter Kirchen-Distanzierten ist
eine gewisse Trauer darüber zu verspüren, was verloren ginge,
wenn die christliche Religion gänzlich im Museum der
Kulturgeschichte verschwinden würde.
Könnte es sein, dass in dieser Situation mancher in den Kirchen
nur allzu gerne den vermeintlichen Status als Minderheit sucht.
Die Lage ist so kompliziert, die Bedürfnisse der Menschen auch
in der Kirche so verschieden geworden. Lässt die Perspektive,
Minderheit zu sein, nicht manche Probleme in neuem Licht
erscheinen? Es entstehen vermeintlich klarere Verhältnisse und
Zuständigkeiten. Christentum in der Kuschelecke.
Genau das könnte eine Versuchung sein. Das Christentum sollte
sich hierzulande selbst nicht kleiner machen als es tatsächlich
ist. Viele sind vom Glauben durchaus zu erreichen, selbst wenn
ihnen der Zugang zu manchem Kirchlichen verwehrt ist. Dies zu
beherzigen, ist eine Herausforderung an das Glaubenszeugnis jedes
Christen.
Christen können sich nicht damit abfinden, nur diejenigen
anzusprechen, die schon dazugehören. Ein Christentum, das sich
kleiner macht als es ist, läuft Gefahr viele Menschen ganz aus
dem Blick zu verlieren. Ein Teufelskreis: Der Kreis wird immer
enger gezogen, und immer weniger klagen ihr Heimatrecht in diesem
Kreis ein. So ist man eines Tages die Minderheit, die man
eigentlich nicht sein bräuchte.
Klaus Nientiedt