Bewegung in der Ökumene und daheim
Frühjahrsvollversammlung des Diözesanrats der Katholiken im Erzbistum Freiburg
Der Blick über den konfessionellen Gartenzaun lohnt sich: Mit den Leitsätzen der Badischen Evangelischen Landeskirche ist ein Stück Ökumene in den Freiburger Diözesanrat eingezogen und wird so auch den Weg in die Gemeinden des Erzbistums finden. Dort dreht sich derzeit vieles um die Strukturen für die Errichtung weiterer Seelsorgeeinheiten, um die es schwerpunktmäßig auch auf der Frühjahrsvollversammlung des Katholikenrates ging.
Gott liebt die Menschen, ob
sie es glauben oder nicht. Prägnanter geht es kaum. Diesem
wie den übrigen 33 Leitsätzen der Evangelischen
Landeskirche in Baden sieht man nicht (mehr) an, wie viel Arbeit
drin steckt, wie viele Leute mitgeschrieben, Vorschläge
eingearbeitet und Formulierungen zurechtgefeilt haben. Wenn
Margit Fleckenstein jedoch den Entstehungsprozess der Leitsätze
schildert, lässt sich zumindest ansatzweise erahnen, was Basisdemokratie
bedeutet. Wir wollten keine neue Übersetzung des
Katechismus anfertigen, sondern das, was wir als Inhalt unseres
Glaubens verstehen, in verständlicher Sprache ausdrücken,
so die Präsidentin der Badischen Landeskirche. Und möglichst
viele, auch jüngere Kirchenmitglieder, sollten sich beteiligen können.
Weil es schließlich dreitausend waren, die mitmachen wollten,
hat die Aktion eben knapp zwei Jahre gedauert. Dank
professioneller Begleitung ist das Ergebnis aber nicht nur
sprachlich brillant, sondern auch optisch höchst ansehnlich
ein wichtiger Faktor, will man auch bei Kirchenfern(er)en
damit Aufmerksamkeit erregen.
Oder bei den Katholiken: So etwas wie die Leitsätze
könnten wir auch mal wieder brauchen, hieß es vielfach im Diözesanrat,
einen Impuls, der die breite Basis mobilisiert, vergleichbar etwa
jenem Brief des Erzbischofs von 1989 Miteinander Kirche
sein, in der Welt von heute.
Doch auch die katholische Basis ist in Bewegung, wie der zweite
Versammlungstag zeigte: Das Thema Seelsorgeeinheiten
geht (mittlerweile) alle an, unabhängig davon, ob die eigene
Pfarrei schon oder noch nicht in neuen
Strukturen umschrieben ist, über die so genannten Kooperationsverträge
verhandelt oder meint, um den eigenen Pfarrer am Ort bangen zu müssen.
Auf lange Sicht, daran ließ Domkapitular Robert Zollitsch keinen
Zweifel, wird die Erzdiözese Freiburg flächendeckend
in Seelsorgeeinheiten unterteilt werden, eine Planung, die sich
schon aus den Personalprognosen des Erzbischöflichen
Ordinariates ergibt: Sind von den 753 Priestern, die im Bistum tätig
sind, derzeit noch 525 als Pfarrer beziehungsweise Vikare
eingesetzt, aber bereits 504 (der 1084) Pfarreien ohne eigenen
Priester am Ort, lässt sich der viel zitierte Priestermangel
zwar heute schon problemlos diagnostizieren. In sieben Jahren
jedoch, so die Rechnung, werden es noch 155 weniger sein. Ein
Drittel der heute aktiven Priester ist älter als 60 Jahre, die
(geschätzte) Zahl jährlicher Neupriester liegt bei acht.
Daneben werde auch der zunehmende Einsatz von Gemeinde- und
Pastoralreferent(inn)en für Veränderungen in den Gemeinden
sorgen, ein Wandel, dem die Seelsorgeeinheiten Rechnung
tragen müssen, so Zollitsch.
21 Seelsorgeeinheiten sind bereits errichtet, weitere zwölf
stehen vor dem Abschluss. Im Personalschematismus von 2002 wird
der Pfarreienteil erstmals in Seelsorgeeinheiten (mit
durchschnittlich drei Pfarreien) gegliedert sein. In den
Gemeinden meint Domkapitular Zollitsch bereits eine Art
Stimmungswandel ausmachen zu können: Die anfängliche
Scheu sei einer zunehmend sachlichen Diskussion und
zunehmend konstruktivem Interesse gewichen. Aus einzelnen
Seelsorgeeinheiten verlauteten sogar einzelne positive Rückmeldungen.
Im Diözesanrat allerdings mangelte es nicht an kritischen
Stimmen. Neben Verständigungs- und Begriffsschwierigkeiten (Wie
lange gilt ein ad experimentum geschlossener
Kooperationsvertrag? Nach welchen Gesichtspunkten werden
Seelsorgeeinheiten umschrieben? Was geschieht mit der
Sonderseelsorge, wie zum Beispiel der Behindertenseelsorge?)
wurden auch die pastoralen Probleme in den neuen
Strukturen benannt: Pfarrer würden nurmehr als Manager denn als
Seelsorger wahrgenommen, der Kampf um lieb gewonnene
Gewohnheiten entwickele sich nicht selten zum Tauziehen
zwischen Pfarrgemeinderat und hauptamtlichen Mitarbeitern, eine
praktische Begleitung bei der Umstellung werde schmerzlich
vermisst. Vielerorts gestalte sich die Seelsorgeeinheit als
exklusives Gebilde einer mobilen und mobilisierten jüngeren
Generation die nicht-motorisierte ältere bleibe auf der
Strecke.
Wie geht Seelsorge in Seelsorgeeinheiten? Mit gutem
Willen und Teamfähigkeit scheint schon viel gewonnen
entscheidend ist jedoch die konkrete Situation vor Ort: Jede
Zusammenarbeit braucht ihre eigene Lösung, jede
Seelsorgeeinheit einen maßgeschneiderten Anzug. Einheitsgrößen
und Konfektionsware sind billig, rechnen sich aber nicht.
Sowohl zur bevorstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg als
auch zum Thema BSE verabschiedete der Diözesanrat eine Erklärung
(siehe Kasten). Eine längerfristige Terminplanung mahnte
Domkapitular Hermann Ritter an: Ab sofort sei der 1. Mai 2002
vorgemerkt, an dem der 175. Geburtstag der Erzdiözese mit einem
großen Fest in Freiburg begangen werden soll. Eine breite
Beteiligung sei erwünscht, mehr dazu in Kürze zu erfahren.
Brigitte Böttner