Über 80000 Afghanen haben in dem Flüchtlingslager Jalozai in Pakistan Zuflucht gesucht. Jalozai ist eines der neueren Flüchtlingslager in Pakistan, von denen es mittlerweile über 70 gibt. Seit den Terroranschlägen in den USA blickt die Weltöffentlichkeit vermehrt in diesen Teil der Erde – die Probleme sind aber älter. Bereits seit Jahren versuchen Caritas-Mitarbeiter, die Not der Bevölkerung in Afghanistan selber zu lindern.

Den Winter überleben

Flüchtlingslager Jalozai (Pakistan): Unsichere Zukunft und Nahrungs-mittelmangel – von der humanitären Katastrophe in und um Afghanistan

Als ich im Juni zum ersten Mal hierher kam, war ich schockiert über die Zustände“, erzählt ein Caritas-Mitarbeiter vor Ort. Es fehlt an allem: Unterkünfte, Kleidung, Nahrung und Medikamente. Nur vier Ärzte versuchen, die 80 000 völlig erschöpften, ausgemergelten Menschen in Jalozai medizinisch zu versorgen. Einige der Flüchtlinge leben in Zelten, andere haben nichts als Plastikplanen über ihrem Kopf oder hausen in Erdhöhlen. Das Gebiet von Jalozai ist felsig, ohne jede Vegetation, die vor der Witterung schützen könnte. Das war für die Flüchtlinge schon im Sommer unerträglich, aber jetzt steht der Winter vor der Tür.
Die meisten Flüchtlinge haben in den letzten Wochen und Monaten aufgrund von Wassermangel und Hunger ihre Dörfer verlassen. Im dritten Jahr hintereinander hat es in Afghanistan praktisch nicht geregnet. Die Brunnen sind versiegt, das Vieh verendet. Insgesamt zwei Millionen afghanische Hungerflüchtlinge sind in Pakistan gestrandet, rund 1,5 Millionen leben in Iran. In diesem Jahr nimmt die humanitäre Katastrophe jedoch dramatische Ausmaße an: Wegen der Dürre, aber auch wegen der durch die Terroranschläge in den USA und der militärischen Antwort entstandenen Lage, fliehen die Menschen in noch größerer Zahl aus Afghanistan. Die Welternährungsorganisation FAO rechnet mit bis zu sieben Millionen Menschen, die auf Hilfe von außen angewiesen sein könnten. „Unsere Mitarbeiter berichten aus Quetta und Peshawar, dass immer mehr Flüchtlinge illegal über die Berge ins Land kommen“, sagt Luc Picard, Projektleiter des internationalen Caritas-Netzwerks in Pakistan.

„In Afghanistan hatten wir gar nichts“

Die Flüchtlinge haben wenig Hoffnung, dass es ihnen in den Nachbarländern in absehbarer Zeit gut gehen wird, aber in ihren Dörfern hätte sie vermutlich nur der Hungertod erwartet. „Die Lebensbedingungen in Jalozai sind zwar schlecht“, antwortet die 40-jährige Fatima auf die Frage, warum sie Afghanistan verlassen hat, „aber hier haben wir wenigstens etwas zu essen. Zu Hause hatten wir gar nichts.“ Fatima hat ihre Kleidung seit Monaten nicht mehr gewechselt. Sie kam bereits im Januar bei klirrendem Frost in Jalozai an. Im vergangenen Sommer brannte die Sonne erbarmungslos auf das Flüchtlingslager Jalozai im staubtrockenen Wüstenland herab. Fatimas Kinder verbrannten sich die Füße im heißen Sand. Aber jetzt denken sie alle schon mit Schrecken an den nahen, langen Winter.
Caritas International, die Auslandsabteilung des Deutschen Caritasverbandes, hat dort allein in den letzten beiden Jahren Projekte für über 2,5 Millionen Mark finanziert: Sei es das „Essen-gegen-Arbeit“-Programm, die Finanzierung von Gesundheitsstationen oder Schulbildung auch für Mädchen. Auch in Pakistan sind die Caritas-Mitarbeiter schon lange in Flüchtlingslagern tätig. Sie wissen: Eines der Schlüsselprobleme in der trockenen Gebirgslandschaft ist das Trinkwasser. „Nicht nur, dass es zu wenig gibt: Wenn die Menschen die schmutzig-graue Brühe aus den Auffangbecken trinken, leiden sie an Durchfall. Die Kinder sind unterernährt und schwach und natürlich extrem anfällig für Krankheiten. Wir müssen das Trinkwasser aufbereiten“, berichtet Bärbel Krumme. Die deutsche Ärztin ist Mitglied des internationalen Expertenteams des Caritas-Netzwerks in Pakistan. Ihre Aufgabe ist es, sich mit der gesundheitlichen Situation der Flüchtlingsfrauen und ihrer Kinder zu befassen.

Streit und Kämpfe um das Essen

Viele Frauen sind auf der Flucht aus Afghanistan auf sich allein gestellt. So wie beispielsweise die 60-jährige Requia: Vor acht Jahren flüchtete sie erstmals mit ihrem Mann Mohammed vor den Kämpfen in Afghanistan in das Nachbarland, kehrte dann aber in der Hoffnung auf friedvollere Zeiten in ihr Dorf zurück. Als Mohammed jetzt aber von den Taliban gezwungen wurde, für sie zu kämpfen, verließ Requia zum zweiten Mal mit ihren sechs Kindern die Heimat. Von ihrem Mann hat sie seither nichts mehr gehört.
So wie Requia ergeht es vielen Frauen. Zu der Sorge um ihre Männer oder älteren Söhne kommt das Problem der täglichen Nahrungssuche für die kleineren Kinder: „Normalerweise gehen die Männer zur Nahrungsausgabe der Behörden, und immer gibt es Streit und Kämpfe um das Essen, weil es viel zu wenig für alle gibt. Frauen wie ich oder Witwen bekommen für sich und die Kinder nur das Wenige das übrig bleibt, wenn überhaupt etwas übrig bleibt!“ Ob und wann Requia und ihre Kinder wieder in ihr Dorf in Afghanistan zurückkehren können, ist ungewiss. Sicher ist aber, dass sie Hilfe brauchen, den kommenden Winter zu überleben.

Gabriela Sonnleitner