Babyklappe: Pro und Contra

Seit Mitte Juli gibt es in Karlsruhe die erste Babyklappe in Baden-Württemberg (konradsblatt Nr. 29 und 30/2001). Träger ist die Diakonische Hardtstiftung Neureut. Frauen in Notlagen können anonym ihr Baby in ein Bettchen hinter der Klappe legen, Mitarbeiter der Hardtstiftung kommen sofort und kümmern sich darum. Rund 40 bis 50 Babyklappen gibt es in Deutschland. Das Projekt ist allerdings umstritten. Die Hardtstiftung in Karlsruhe ist der Meinung, mit der Babyklappe lassen sich Kindstötungen aus Panik verhindern. Das Kinderhilfswerk Terre des Hommes spricht sich gegen die Einrichtung von Babyklappen aus. Das konradsblatt lässt Gegner und Befürworter zu Wort kommen: Michael Schröpfer argumentiert im ersten Artikel für die Babyklappe, Bernd Wacker trägt im folgeneden Artikel seine Bedenken vor.

„Wenn die Babyklappe nur ein Leben rettet, hat sie schon einen Sinn“

Kann man denn überhaupt für das Projekt Findelbaby und eine Babyklappe sein? Kindestötungen im Säuglingsalter sind Zeichen dafür, wie weit entfernt wir von gelingenden Lebensverhältnissen sind, die es in einem christlichen Sinne ermöglichen, jedem Menschen ein „du bist willkommen, wir freuen uns auf dich“ auszusprechen. Selbst in einer Wohlstandsgesellschaft ist es notwendig zu retten, da nicht alle Schwangeren und Mütter die existierenden Hilfen aufsuchen können.

Letzter Rettungsanker für Mutter und Kind

Die Hardtstiftung war und ist ein Rettungshaus mit einer 150-jährigen Tradition und hat sich schon immer den Menschen verpflichtet gefühlt, die aus vielerlei Gründen und Nöten heraus einen Ort der Hoffnung und des Neubeginns suchen. In den früheren Jahrhunderten war es durchaus üblich, dass man Kinder auf den Treppen einer Einrichtung wie der unseren gefunden hat und um ihrer selbst willen aufnahm. Heute ist dies nicht mehr möglich, da dies als Aussetzung gewertet und strafrechtlich geahndet wird.
Die Hilfen im Projekt Findelbaby sind somit der letzte Rettungsanker für Mutter und Kind. Die Mutter hat die Gewissheit, dass wir alles Menschenmögliche tun werden, um ihrem Kind eine positive Zukunft zu geben. Das Kind erfährt, dass es (dennoch) von Anfang an willkommen ist und wir ihm die Annahme, die wir selbst im Glauben erfahren, weitergeben dürfen. Aus der Arbeit mit Mutter und Kind in unserem Haus wissen wir, dass keine Frau, die ihr Kind zur Welt bringt, vom Schicksal ihres Kindes losgelassen ist. Nur Frauen in Verzweiflungssituationen, Not und Elend entschließen sich zu diesem letzten Schritt. Wir wollen damit erreichen, dass immer weniger Kinder im Affekt von ihren Elternteilen und Verwandten getötet werden. Wenn es gelingt, nur ein Leben zu retten, erklärt sich die Sinnhaftigkeit des Projektes. Gelingt es darüber hinaus, Schwangere zur Beratung und Annahme anderer Hilfen zu motivieren, ist der nächste wichtigste Schritt getan.
Wir gehen anhand von Erfahrungen in anderen Projekten davon aus, dass ein bis zwei Kinder pro Jahr übergeben werden. Die Angst davor, Mütter zur Abgabe ihrer Kinder zu animieren, scheint auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen unbegründet.
Das Projekt Findelbaby bietet mit der Babyklappe die Möglichkeit der Übergabe des Kindes. Die Babyklappe selbst ist aber nur ein Teil des Projekts Findelbaby, das letztendlich darauf abzielt, diese Situationen zu vermeiden. Ein Notruftelefon vermittelt Beratung und Informationen über weitergehende Hilfen zur Unterstützung in dieser kritischen Lebenslage. Das Projekt Findelbaby allein auf die Babyklappe zu reduzieren wird der Problemstellung nicht gerecht.

Das Projekt hält Türen offen

Jedes Jahr besuchen uns Menschen, die vor 20 und mehr Jahren aus unserem Haus in Adoptionsfamilien kamen und hier Hinweise über ihre Vergangenheit suchen. Wir wissen, wie wichtig es für jeden Menschen ist, seine Wurzeln zu kennen. Das Wissen um diese Problematik darf jedoch nicht verhindern, Menschenleben zu retten.
Die jungen Mütter im Haus haben sich für ihr Kind entschieden und stellen sich mit Unterstützung der Mitarbeiterinnen den sich daraus ergebenden Anforderungen. Gerade deshalb bewerten sie das Projekt Findelbaby in der Hardtstiftung positiv.
Wir wollen mit dem Projekt Findelbaby keine Türen verschließen, sondern offen halten. „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“ ist eine Einladung, die wir weitergeben dürfen. Kein Befehl. Manchmal, und das kann uns im Projekt Findelbaby passieren, kann „nur“ das Kind dieser Einladung folgen. Es würde mich freuen, wenn es uns gelingt, die Annahme dieser Einladung beiden (Mutter und Kind) zu vermitteln. Ist dies nicht möglich, werden wir auch jedes einzelne Kind von Herzen willkommen heißen.

Michael Schröpfer, Direktor der Diakonischen Hardtstiftung Karlsruhe-Neureut


„Babyklappen sind keine Lösung“

Jedes Kind hat das Recht auf Leben.“ Wer es mit diesem Grundsatz ernst meint, tut gut daran, immer wieder zu überprüfen, wie es um dieses Recht im Alltag bestellt ist und welche Wege zu beschreiten sind, um ihm auch in Konfliktsituationen zum Durchbruch zu verhelfen. Seit knapp zwei Jahren kennen wir in Deutschland die Babyklappe. Mit ihr ist der Anspruch verbunden, nur auf diesem Wege könne es gelingen, ungewollt schwangere Frauen, die ihre Schwangerschaft erst sehr spät bemerkt oder sie verheimlicht haben, davor bewahren zu können, ihr Neugeborenes durch Aussetzung oder andere Formen der Gewalt zu töten. Dieser Anspruch jedoch ist durch nichts gerechtfertigt. Im Gegenteil!

Auch die Mütter brauchen Hilfe

In einer Notsituation wie der beschriebenen sind beide Seiten, Babys und ihre Mütter, dringend auf Hilfe angewiesen. Es darf darum nicht sein, dass Frauen ohne jede fachkundige Hilfe ihre Babys auf Küchentischen oder in Toilettenräumen zur Welt bringen müssen; es darf nicht sein, dass Kinder auf diese Weise schon bei der Geburt Gefahr laufen, irreversibel geschädigt werden; und es darf nicht sein, dass die Mütter nach der Trennung von ihrem Kind mit all ihren Sorgen, Ängsten und Problemen wieder alleine dastehen. Auch wenn das Angebot der ano-nymen Geburt in einem Krankenhaus aufgrund eben der Anonymität seinerseits problematisch bleibt, so ist es aufgrund der hier gegebenen ärztlichen Betreuung und eventueller Beratungs- und Gesprächsmöglichkeiten der Babyklappe doch allemal vorzuziehen.
Viele adoptierte Jugendliche und Erwachsene, vor allem diejenigen, die einmal als Findelkinder in ihre neuen Familien kamen, haben unter der Bürde ihrer unbekannten Herkunft schwer zu leiden und sind dementsprechend oft über Jahre hinaus bemüht, ihre Ursprungsfamilie zu finden und den Umständen, die zur ihrer Abgabe geführt haben, auf die Spur zu kommen. Nicht zufällig hat das höchste deutsche Gericht dem Recht des Kindes auf Kenntnis der eigenen Abstammung Verfassungsrang verliehen, Babyklappen-Kindern wird dieses Recht auf Identität und Kenntnis ihrer Wurzeln verweigert.
Zu rechtfertigen wäre dieser Rechtsverstoß nur dann, wenn denn wirklich erwiesen wäre, dass die Babyklappe jene Frauen, die ihr Neugeborenes im subjektiven Empfinden der Ausweglosigkeit ihrer Lage zu töten bereit sind, tatsächlich erreichen würde. Dem aber ist nicht so. Es spricht vielmehr einiges dafür, dass solche Frauen angesichts der Geburt des nun nicht mehr geheim zu haltenden Kindes in Panik geraten und aufgrund der mit dieser Situation verbundenen alles überwältigenden Angstzustände unfähig sind, die bestehenden Alternativen, gleich welcher Art sie sind, zielgerichtet zu nutzen. Mit anderen Worten: Für die Behauptung, dass Babyklappen ansonsten todgeweihte Kinderleben retten, gibt es keine Belege.
Dieser gravierende Mangel des Angebots der Babyklappe fällt umso schwerer ins Gewicht, weil die völlige Anonymität dieser Einrichtung zum Missbrauch geradezu einlädt. Woher wissen wir denn, dass die dort gefundenen Säuglinge tatsächlich von ihrer Mutter abgelegt wurden? Und was macht uns so sicher, dass die betroffenen Frauen diesen Schritt wirklich aus freiem Willen und in Kenntnis seiner irreversiblen lebenslangen Konsequenzen getan haben? Wer sagt uns denn, dass sie nicht von interessierter Seite (Ehemann/-Partner, Familie, Zuhälter ...) massiv unter Druck gesetzt und zur Abgabe des Kindes gezwungen wurden?

Panik kennt keine Alternativen

Ein Missbrauch der Babyklappen jedoch ist auch von anderer Seite zu fürchten. Nicht von der Hand zu weisen nämlich ist die Sorge, dass die Namens- und Herkunftslosigkeit des Kindes unverantwortlichen Praktiken bis hin zum organisierten Babyhandel Vorschub leistet. In Zeiten wachsenden Bedarfs an gesunden Säuglingen – in Deutschland kommen auf jedes zur Adoption freigegebene Kind mehr als zehn Bewerberpaare – wächst auch hierzulande die Gefahr, Neugeborene ohne offiziellen Existenznachweis zum lukrativen Geschäft zu machen.
Kein Zweifel: Schwangeren Frauen in Not, die ihr Kind nicht behalten wollen, muss geholfen werden. Die Einrichtung von Babyklappen ist dazu jedoch weder geeignet noch erforderlich. Die im System der gegenwärtigen Kinder- und Jugendhilfe gegebenen Alternativen nämlich sind noch längst nicht wirklich ausgeschöpft. Die Existenz von beispielsweise mehr als 600 Adoptionsvermittlungsstellen und deren umfassendes kostenloses Beratungsangebot ist in der Öffentlichkeit noch viel zu wenig bekannt. Gerade die entsprechenden staatlichen Behörden sollten sich endlich konsequent als Dienstleister begreifen, um in Zukunft weitaus engagierter und flexibler auf die Bedürfnisse von schwangeren Frauen in Extremsituationen (zum Beispiel durch Notruftelefone und Bereitschaftsdienste) reagieren zu können.

Bernd Wacker, Theologe und Adoptionsexperte des Kinderhilfswerkes terre des hommes