„Avanti“

Der neu ernannte Kardinal Walter Kasper zur Ökumene

Anlässlich der Verleihung der Ehrenprofessur der Universität Tübingen besuchte Bischof Walter Kasper seine frühere Diözese Rottenburg-Stuttgart. Vor Journalisten in Rottenburg und bei einem Vortrag in der Universität sprach der neu ernannte Kardinal über die Situation der Ökumene.

Die Heimat hat ihn wieder. Und die Freude ist groß an diesem Tag. Kein Wunder: Als Bischof ging Walter Kasper vor fast zwei Jahren weg von Rottenburg. Und als frisch ernannter Kardinal kommt er jetzt zu Besuch. Da bleibt selbst den ungeduldigen Journalisten zunächst nichts anderes übrig als zu warten. Denn der angekündigten Pressekonferenz im Ordinariat wird ganz spontan noch ein kleiner Festakt vorgeschaltet.
„Lieber Walter!“ Gebhard Fürst, Nachfolger Kaspers als Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, strahlt: „Wir freuen uns riesig über deine Ernennung.“ Eine kleine Abordnung der Rottenburger Stadtkapelle spielt ein Ständchen. „Es ist schön, wieder zurückzukommen“, bedankt sich Kasper. „Ich muss gestehen: In den ersten Wochen und Monaten hatte ich schon etwas Heimweh.“
Er wird jetzt wieder öfter kommen und sogar Vorlesungen halten an seiner langjährigen Wirkungsstätte, der Universität Tübingen, die ihm die Ehrenprofessur verlieh.
Nach den Dankes- und Lobreden steht der frühere Rottenburger Bischof umso ausführlicher Rede und Antwort. Und sowohl bei diesem Pressegespräch als auch beim Festvortrag zur Verleihung der Ehrenprofessur am Abend in Tübingen wird deutlich, warum der Papst in Sachen Ökumene auf den Mann aus Schwaben setzt und ihn 1999 nach Rom holte. Kasper ist nicht nur einer der profundesten Kenner der komplizierten ökumenischen Materie. Er findet auch den richtigen Ton, so scheint es. Sein realistischer Blick auf die Hindernisse, die der Einheit der Kirchen noch im Wege stehen, verbindet sich mit einer spürbaren Leidenschaft für die Ökumene, ohne die es wohl keinen Fortschritt geben kann. Ausdrücklich stellt sich Walter Kasper an diesem Tag in die Tradition der „Tübinger theologischen Schule“ und unterstreicht deren Grundsätze: Kirchlichkeit, Wissenschaftlichkeit und Praxisorientierung.
Nach den durch das Dokument „Dominus lesus“ ausgelösten Irritationen ist es Kasper ganz offensichtlich ein Anliegen, den unbedingten Willen des Papstes zur Einheit der Christen herauszustellen: „Ich glaube, es gibt keinen anderen Kirchenführer, der so positiv und fast bei jeder Gelegenheit zur ökumenischen Frage Stellung nimmt“, meint er fast beschwörend. Im Blick auf den viel diskutierten Text der Glaubenskongregation versucht Kasper zu beschwichtigen. Man müsse das Papier „im Kontext mit anderen Dokumenten“ lesen, betont er und verweist insbesondere auf die Ökumene-Enzyklika des Papstes „Ut unum sint“ aus dem Jahre 1995. Seine Kritik am Stil des Ratzinger-Papiers hält Kasper freilich aufrecht: „Mein fundamentaler Wunsch war von Anfang an: Wählt eine andere Sprache. Eine einladende Sprache, die anerkennt, was da ist“, erklärt er. „Aber ich konnte mich nicht durchsetzen.“
Freilich schließt Walter Kasper nicht aus, dass „Dominus lesus“ auf mittlere Sicht zu einem „heilsamen Schock“ für den ökumenischen Dialog werden könnte. „Jetzt steht die Frage nach der Kirche an“, unterstreicht er. In diesem Zusammenhang verweist der designierte Kardinal auf die Vielstimmigkeit der evangelischen Kirchen. Auf die skandinavischen und US-amerikanischen Lutheraner, die sich inzwischen für die katholische Auffassung von der historischen Sukzession des Bischofsamtes geöffnet hätten. Und auf das eher vage Amtsverständnis bei den kontinental-europäischen lutherischen Kirchen in der „Leuenberger Gemeinschaft“.
Auf der anderen Seite versucht Kasper den ökumenischen Blick seiner deutschen Zuhörer zu weiten: „Hierzulande beschränkt sich Ökumene auf das katholisch-evangelische Verhältnis“, betont er. „Aber die Perspektiven in Rom sind viel, viel weiter.“ Kasper nennt die altorientalen und orthodoxen Kirchen. Und er verweist auf eine ganz neue und schwer zu greifende Größe im ökumenischen Dialog: auf die inzwischen „hunderte von Millionen“ zählende und weltweit „explosionsartig“ wachsende Zahl evangelikaler und pfingstlerischer Gemeinschaften.
Von der oft beschworenen „Einheit in der Vielfalt“ als Ziel der ökumenischen Bemühungen spricht auch Walter Kasper. „Diese ist nicht dadurch zu erreichen, dass alle zu uns zurückkehren“, betont er. Dann folgt freilich ein nicht unwesentlicher Zusatz: Die „Grundstruktur“ des Katholischen müsse sich schon wieder finden, so Kasper. „Aber angereichert.“ Der Papst verstehe sein Petrusamt „in gewisser Weise“ bereits jetzt ökumenisch: „Er weiß sich nicht nur verantwortlich für die Einheit der katholischen Kirche, sondern auch für die Einheit der Christenheit.“
Ziemlich unbefangen klingt das. Und mancher Protestant fühlt sich da wohl schon etwas zu heftig umarmt. Aber vielleicht braucht es diese unbefangene Rede, um „vorwärts“ zu kommen. Und genau das will schließlich der Papst – vorwärts kommen: „Fast jedes Mal, wenn ich bei ihm bin, sagt er: ,Aber gell, ihr geht Avanti‘“, erzählt Walter Kasper. Das würde man gerne hören, wenn der Papst „Aber gell“ sagt.

Michael Winter