„Auf nach Berlin!“

Stimmen zum Kirchentag aus Baden

Am 29. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Frankfurt (Foto links) haben nach Angaben der Veranstalter viele katholische Christen teilgenommen. Auch auf den Podien waren Katholiken zahlreich vertreten. Eine Art Startsignal für den Aufbruch zum ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin? Wie haben Besucher aus dem Südwesten Deutschlands das Frankfurter Treffen erlebt? Vier Teilnehmer schildern ihre Eindrücke: drei Katholiken und Landesbischof Ulrich Fischer.

Kirchentag mit ökumenischem Rückenwind

Im Vorfeld des Kirchentages Wechselbäder der Gefühle: Der verunglückte Liturgieentwurf für das Feierabendmahl hatte heftige ökumenische Kontroversen ausgelöst. Als dieser Liturgieentwurf von der Leitung des Kirchentages zurückgezogen wurde, konnte das Feierabendmahl in einer theologisch verantwortungsvollen Weise gefeiert werden. Kirchentag als Demonstration dessen, was uns Christinnen und Christen aus den verschiedenen Konfessionen verbindet: Die den Tag eröffnenden Bibelarbeiten wurden in ökumenischer Eintracht und Bereicherung abgehalten. Aber auch in den grundlegenden ethischen Debatten zeigten die Kirchen eine bemerkenswerte Geschlossenheit, die für die Zukunft manches erhoffen lässt. Und wie hoffnungsvoll stimmte es doch, wie beim Forum „Kurs Ökumene“ führende Vertreterinnen und Vertreter beider Kirchen mit leisen Tönen und höchst differenziert den weiteren Weg ökumenischer Verständigung aufzeigten!
Am Ende schließlich beim Schlussgottesdienst im Frankfurter Waldstadion die eindrucksvolle Einladung von Kardinal Sterzinsky und Bischof Huber zum Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin: So bekam der Kirchentag ökumenischen Rückenwind. Auf nach Berlin!
Landesbischof Ulrich Fischer, Karlsruhe

Mit Beliebigkeit hat dies nichts zu tun

Laut, fröhlich, bunt – so war eine der Seiten des Evangelischen Kirchentags. Quirlig und fast ein wenig orientalisch in seiner Unübersichtlichkeit der „Markt der Möglichkeiten“, wo Hunderte von christlich geprägten Gruppen für ihre Anliegen warben. Darunter etwa die Jesuiten. Man hätte ohne weiteres seine Zeit mit exzellenter frommer Kleinkunst verbringen können, die überall in den Kirchen, Sälen und Hallen Frankfurts angeboten wurde.
Doch mit Beliebigkeit hat dies nichts zu tun. Das zeigt ein Blick auf eine andere Seite des Kirchentags: seine inhaltliche Arbeit. Sie galt jenen Themen, die „dran“ sind: zum Beispiel den „drei G“ – Glauben, Geld, Gentechnik – zu denen es große Foren gab. Hier kamen gemeinsame Sorgen von Christinnen und Christen aller Konfessionen zum Ausdruck. Das Forum Gentechnik etwa versuchte, Erfahrungen mit Biotechnik neuen Hoffnungen und Heilsversprechungen gegenüberzustellen.
Erfreulich eine dritte Seite: Wir lernen langsam, trotz vieler Rückschläge und Bremsversuche, miteinander Gottesdienst zu feiern. Das Bild hat sich eingeprägt: Bei der Fronleichnamsprozession war Bischof Kamphaus, der Monstranzträger, flankiert vom evangelischen Ortsbischof Steinacker und dem Kirchentagspräsidenten Dolde. Das weckt Erwartungen und macht Lust auf Berlin.
Elisabeth Bücking, Biologin, katholisches Mitglied der Präsidialversammlung des Kirchentags, Sölden

Das Schiff „Oikoumene“ behält Kurs

Kardinal Lehmann wird zur Diskussion mit dem evangelischen Theologen Eberhard Jüngel mit so viel Beifall begrüßt, dass man meinen könnte, er hätte ein „Heimspiel“. Über 2000 Menschen überfüllen die Halle bei der Bibelarbeit von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, dem Mitglied des Präsidiums des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
Bemerkenswerte Schlaglichter dieses Kirchentages, in dessen Vorfeld über das „Feierabendmahl“ gestritten wurde, Kritik kam aus beiden Kirchen. Von den Mahlfeiern wurde dann nur Positives berichtet. In Frankfurt war spürbar, dass die ökumenische Schwerpunktsetzung vom Katholikentag in Mainz über Stuttgart (Kirchentag) und Hamburg (Katholikentag) Früchte trägt. Das Gemeinsame ist wichtiger als das Trennende. Darüber wird in aller Offenheit gesprochen, etwa über Abendmahl und Eucharistie. Und: Es wird gemeinsam Gottesdienst gefeiert und gebetet. So muss es sein und so war es auch in Frankfurt. Ökumene am Kirchentag ist Normalität. Das Schiff „Oikoumene“ behält Kurs, trotz Dominus Iesus und trotz mancher konfessionalistischer Tendenzen in katholischen wie evangelischen Gemeinden. Die Fahrt geht zum ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin. Da kommt Vorfreude auf.
Nikolaus Trenz, Redakteur der Badischen Zeitung, Pfarrgemeinderat, Lörrach

„2001 Quadratmeter Vaterunser“

Sind meine Erwartungen an den Kirchentag in Frankfurt erfüllt worden? Die Frage stellen, heißt sie mit einem klaren Ja zu beantworten. Veranstaltungen, die den Glauben und die Theologie zum Thema hatten, die nach Kriterien des Christseins, nach der Verantwortung der Christen in einer immer säkularer werdenden Welt fragten, waren am besten besucht. Beeindruckt war ich von dem großen Interesse und dem Ernst, mit dem Menschen („zwei Stunden müssen Sie schon einkalkulieren“) im Gebetsgarten „2001 Quadratmeter Vaterunser“ unser wichtigstes Gebet erspürt, ertastet, also mit den Sinnen erlebt haben. Welche Organisation bringt Zehntausende zu solch geistlichem Tun wie der Bibelarbeit an einem Ort zusammen?
Die Ökumene hat sich für mich wie ein roter Faden durch die fünf Tage gezogen; ganz sicher war dieser Kirchentag eine wichtige Wegmarke auf dem Gang nach Berlin zum ersten Ökumenischen Kirchentag im Jahre 2003. Ich frage mich mit vielen, ob in Berlin nicht doch ein Zeichen ökumenischer, eucharistischer Gastfreundschaft möglich werden könnte. Der Geist Gottes weht bekanntlich wo und wann er will! Gern träume ich nach solchen erfüllten Tagen mit dem Hamburger Theologen Fulbert Steffensky, wenn er in Frankfurt sagte, dass unsere Kirchen in der Zukunft ökumenischer, weltoffener, weniger klerikal und weiblicher werden.
Gerhard Löhr, in der Gemeindearbeit im bereich Ökumene aktiv, Karlsruhe