Armut gibt es nicht irgendwo. Armut gibt es direkt nebenan, zum Beispiel in Heidelberg im Mörgelgewann. In dem so genannten Notwohngebiet leben die Menschen auf beengtem Raum, die Wohnungen sind kalt, Kinder ständig krank. Hier versuchen Mitarbeiter der Caritas, mit Angeboten wie Hausaufgabenbetreuung, Freizeitgestaltung oder Treffs für Erwachsene zu helfen.
Arm in Heidelberg
Wer einmal im sozialen Brennpunkt lebt, hat es schwer, wieder herauszukommen
Ob ich jetzt im Mörgelgewann wohne oder in einer anderen
Siedlung, wir sind doch alle Menschen. Bloß haben wir etwas
weniger Geld. Maria Schneider* ist aufgebracht: Die
anderen haben auch keine acht Kinder großgezogen. Nur deshalb
sind wir hierher gezogen.
Im Mörgelgewann 17, 69124 Heidelberg. Eine Adresse des
Caritasverbandes Heidelberg, mitten im so genannten
Notwohngebiet. Mittwochmorgen, Anwohnerfrühstück. Um den Tisch
sitzen fünf ältere Damen und ein Mann. Seit 40 Jahren leben die
Frauen schon hier. Obwohl die Wohnungen in den Häusern offiziell
nur zum vorübergehenden Verbleib gedacht sind,
eigentlich für ein halbes Jahr. Sie werden zugewiesen,
vom städtischen Amt für Wohnungsnotfälle. Die Frauen, die
heute morgen da sind, werden trotzdem alle hier wohnen bleiben.
Alle? Nicht ganz. Emilie Freund* lebt seit einigen Monaten im
benachbarten Stadtteil Kirchheim. Sie musste raus aus ihrer
Wohnung im Mörgelgewann, weil das Haus saniert wird. Jetzt ist
sie völlig isoliert, weit ab von ihren Bekannten. Die Lust am
Leben hat sie verloren. Sie hadert mit ihrem Schicksal, stammelt
mit tränennassen Augen halblaut vor sich hin: Ich hab
sechs Kinder gehabt und war immer gut zu ihnen. Und keins kümmert
sich um mich. Ihre Kinder können Emilie Freund nicht
besuchen, die meisten sitzen wegen Drogenkriminalität im Gefängnis.
Gestern hat sie mitbekommen, wie ihre Kirchheimer Nachbarn über
sie reden: Die kommt doch aus dem Zigeunerviertel.
Ganz leise, und mehr zu sich selbst, sagt sie: Da sind die
Menschen besser als hier.
Die anderen Frauen haben selbst ihre Probleme. Ich könnte
streiten von morgens bis abends, erzählt Maria Schneider.
Mein Mann ist Alkoholiker, mein Sohn auch. Wenn er wieder
mal rumschreit, mach ich die Tür hinter mir zu.
Konfliktbewältigung im Mörgelgewann. Über 200 Menschen leben
hier, am Rande der Weststadt. Deutsche, Sinti und Roma, rund ein
Drittel Ausländer. Das Wohngebiet ist in den vierziger Jahren
entstanden und liegt isoliert: Auf der einen Seite Felder, auf
der anderen Seite eine amerikanische Kaserne, abgetrennt durch
einen meterhohen Stacheldrahtzaun. Wenn man irgendwo sagt,
ich wohne im Mörgelgewann, ist man von vornherein abgestempelt,
so die Erfahrung von Maria Schneider.
90 Prozent aller Menschen, die hier leben, konnten in ihrer alten
Wohnung die Miete nicht mehr bezahlen, irgendwann kam die Räumungsklage.
Arbeitslose, Frühinvaliden, die mit ihrer mageren Rente nicht
auskommen, Alkoholkranke, Flüchtlinge, Behinderte, Opfer von
Krankheit, Trennung, Scheidung Gründe für Armut in
Deutschland gibt es viele.
Viele Menschen isolieren sich, werden depressiv oder flüchten
sich in Alkohol. Der Caritas-Sozialarbeiter Hubert Herrmann
sitzt in seinem kleinen Büro, von wo aus er die so genannte
Gemeinwesenarbeit im Mörgelgewann koordiniert. Die acht
Mitarbeiter der Caritas werden an allen Ecken und Enden
gebraucht: Im Schülerhort kriegen die Kinder Hausaufgabenhilfe,
anschließend gibt es ein Freizeitangebot. Hier lernen sie den
sozialen Umgang miteinander. Ein Offener Treff bietet
Jugendlichen die Möglichkeit, sich in zwanglosem Rahmen zu
treffen. Für Erwachsene organisiert die Caritas das Mittwochs-Frühstück
und eine Frauengruppe. Und sie können jederzeit im Haus Nummer
17 vorbeischauen, wenn sie Hilfe brauchen im Umgang mit Behörden,
bei der Suche nach Arbeit oder Familienstreitigkeiten.
Reibereien gibt es oft in dem Gebiet, etwa durch ethnische
Unterschiede. Wenn Müll aus den Fenstern fliegt oder eine türkische
Familie auf der Wiese vor dem Haus eine Feuerstelle baut und
grillt, ruft das den Unmut der Nachbarn hervor. Meist
werden Konflikte durch großes Geschrei bereinigt,
berichtet Hubert Herrmann. Sie brechen schnell auf und sind
ebenso schnell wieder bereinigt. Die Kriminalitätsrate sei
hier nicht höher als in den anderen Heidelberger Stadtteilen.
Dabei dürfte die Arbeit der Caritas eine nicht unwesentliche
Rolle spielen.
Es klopft an der Tür. Agim Zogaj* braucht dringend eine größere
Wohnung. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen sechs Kindern im
Alter von sechs bis 14 Jahren lebt der Albaner in einer
Drei-Zimmer-Wohnung in einem der beiden Hochhäuser. Die
Eingangstür steht offen, die Scheiben sind kaputt. Den kahlen
Beton im Treppenhaus zieren Graffiti-Schmierereien und die
Flecken von getöteten Insekten. Hier werden Wohnungen
vergeben, die haben Rohbauwert, erklärt Herrmann. Manchmal
haben Vormieter sogar die Türrahmen verfeuert.
Rauf in den dritten Stock. In den düsteren Gängen zieht es. Im
Hausflur hängt Wäsche wie soll die trocknen? Die Wohnung
der Zogajs ist aufgeräumt und sauber. 70 Quadratmeter für acht
Menschen, eingerichtet mit einem grünen Teppich, großem Sofa
und Fernseher im Wohnzimmer. Das Elternschlafzimmer ist so klein,
dass zwischen Bett und Schrank gerade noch ein Wäscheständer
Platz hat. Im Kinderzimmer stehen eine Klappcouch und ein
Stockbett, darunter liegen drei Matratzen. Auf der Couch sauber
zusammengefaltet Bettwäsche und sechs Kissen. Alle schlafen in
einem Raum: Da ist keine Ruhe vor elf Uhr abends. Es
ist kalt, kein Wunder, schließlich steht nur ein kleiner
Heizofen im Wohnzimmer. Jetzt im Winter läuft manchmal Wasser
die Wände hinunter, berichtet Agim Zogaj, meine Kinder
haben ständig Fieber. In der Küche kommt kein Wasser aus
dem Hahn, im Bad ist es dunkel. Zogaj holt eine Klemmlampe aus
dem Schlafzimmer. Eine Duschkabine gibt es, baden können die
Kinder nicht. Durch die Wohnungstür und die Fensterrahmen zieht
es. Kein Platz zum Hausaufgaben machen, außerdem ist es viel zu
kalt. Eine andere Wohnung zu finden, wird schwer. Sehr
schwer, sagt Hubert Herrmann. Bei sechs Kindern wird es
eben ab und zu mal etwas lauter. Welcher Vermieter will schon so
eine Familie in seiner Wohnung haben? Dazu noch die jetzige
Adresse. Herrmann: Wer länger im Mörgelgewann wohnt, hat
es schwer wieder rauszukommen.
Drei Kinder der Zogajs sind in der Hausaufgaben-Betreuung der
Caritas. Die sind hier richtig aufgeblüht, so
Herrmann. Für die Geschwister ist bisher kein Platz. Wegen der
Sanierung des Wohngebiets steht der Caritas statt zwei Häusern
nur noch eins zur Verfügung. Zweimal musste die
Betreuungs-Gruppe verkleinert werden, jetzt sind noch 33 Kinder
hier. Die so genannte Übergangslösung besteht seit zwei Jahren.
Wir merken deutlich, welche Lobby wir haben, sagt
Erzieherin Monika Bühler. Es ist ein sozialer Brennpunkt,
hier begehrt eben keiner auf. Die Enge von zu Hause geht in
der Betreuung weiter. Da sind Aggressionen und Streit
vorprogrammiert.
In der Schule müssen sie mit Mittelstandskindern
konkurrieren, sagt Hubert Herrmann. Aber wie soll das gut
gehen? Viele Kinder aus dem Mörgelgewann haben Sprachprobleme,
Verhaltensschwierigkeiten, weil sie zu Hause so beengt wohnen,
kein Geld für Markenklamotten.
12.30 Uhr, im Haus Nummer 17 riecht es nach Spaghetti Bolognese.
Wenn die Kinder aus der Schule kommen, erhalten sie hier ein
warmes Mittagessen. Seit vier Jahren bietet die Caritas das Essen
an, weil früher viele Kinder hungrig zur Hausaufgabenbetreuung
kamen. Obst, Gemüse und Salat kommen von der Heidelberger Tafel
Lebensmittel, die die Geschäfte nicht mehr verkaufen. Es
schmeckt trotzdem.
Caritas-Sozialarbeiterin Christiane Griesing sitzt mit den
Kindern am Tisch: Und, habt ihr einen Englischtest
geschrieben? Die Frage geht an Klarita, eine Tochter von
Agim Zogaj. Ja, und genau die Vokabeln, die du mit mir
gelernt hast, sind drangekommen. Ein Erfolgserlebnis für
Klarita ein seltenes.
Burkhard Schäfers
* Namen geändert