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90. Geburtstag des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes: Pastoralkongress zum Ehrenamt
Vor 90 Jahren gründete der damalige Freiburger Erzbischof Thomas Nörber das Erzbischöfliche Missionsinstitut, das heutige Seelsorgeamt. Aus diesem Anlass lud das Seelsorgeamt zu einem Pastoralkongress ein, der sich mit dem Ehrenamt befasste. Thema: Zwischen Amt und Ehre.
Was gehört zu einem richtigen
Geburtstag? Das Geburtstagskind war das Erzbischöfliche
Seelsorgeamt, vormals das Erzbischöfliche Missionsinstitut. Vor
90 Jahren wurde es gegründet. Die Geburtstagsfeier, wenigstens
ein erster Teil von ihr, war ein eintägiger Pastoralkongress im
Internationalen Jahr der Freiwilligen zum Thema Zwischen
Amt und Ehre. Das Geburtstagsgeschenk? Die Teilnahme von
250 Personen aus der Erzdiözese. Als Geburtstagsansprache gab es
keinen Blick zurück in 90 vergangene Jahre, sondern
Diskussionsbeiträge zur Frage, wie es heutzutage um das
Ehrenamt, die Freiwilligen in der Kirche, bestellt ist.
Der Schweizer Moraltheologe und Sozialethiker Plasch Spescha gehört
zu jenen, die das Thema Ehrenamt beziehungsweise freiwillige
Dienste bereits entdeckten, als es noch nicht zum guten Ton gehörte,
das Hohe Lied des Ehrenamtes zu singen. Mit dem Begriff Sozialzeit
macht er auf den eigenen Charakter einer Zeit aufmerksam, in der
der Bürger als Ehrenamtlicher oder wie in der Schweiz
eher gesagt wird als Freiwilliger soziale Verantwortung
wahrnimmt. In der Arbeitszeit sorgt sich der Bürger dagegen um
seine materiellen Bedürfnisse, in der Freizeit hat er die
Freiheit, persönlichen Interessen nachzugehen.
Spescha bezeichnete den Begriff Sozialzeit auch als
ein Beispiel dafür, wie Sprache Bewusstsein schaffen könne. Die
ausschließliche Orientierung an Arbeitszeit und Freizeit werde,
so Spescha, der Lebenswirklichkeit der Menschen nicht gerecht.
Drei Arbeitsbereiche zählt er zur Sozialzeit: politische Arbeit
(Partei, Gewerkschaften, Kirche), soziale Arbeit und das, was er
Katastrophenhilfe (Feuerwehr, Entwicklungshelfer) nennt. Spescha
setzte sich auch dafür ein, Nachweise über geleistete Arbeit in
der Sozialzeit einzuführen. Diese Nachweise würden zunehmend
als Kriterium bei Bewerbungen herangezogen. Gleiches könnte
eines Tages auch bei der Rente möglich sein.
Ehrenamt ist kein theologischer Begriff das heißt aber
nicht, als habe die Karriere dieses Begriffes nicht auch
erhebliche Konsequenzen im kirchlichen Raum. Zum Ausgangspunkt
seiner Überlegungen zum Verhältnis von Amt und Charisma nahm
Weihbischof Paul Wehrle den Begriff der Berufung,
verstanden als das allen Getauften und Gefirmten zukommende
Gerufensein zum Menschsein. Dieses Gerufensein
geschehe heute notwendigerweise in vielfältiger Form. Beiden,
Amt und Charisma, sprach Wehrle eine subsidiäre (dienende) Rolle
zu: das Amt als Dienst an der Einheit, die Charismen als
Gnadengaben für andere.
Unter der Bezeichnung als Glaubenssinn der Gläubigen
komme den Getauften und Gefirmten eine eigenständige Autorität
zu, eine Kompetenz zu sagen, was der Glaube für den Einzelnen
ist und wozu er ihn herausfordert. Eine zentrale Rolle spiele
dabei der Dialog als dem Weg des Miteinanders der Gläubigen mit
ihren eigenen und unterschiedlichen Lebenserfahrungen. Leider
habe man es als Kirche aber noch nicht ausreichend gelernt, mit
der Pluralität aufbauend und kreativ umzugehen.
Als das besondere kirchliche Problem im Zusammenhang mit dem
Ehrenamt bezeichnete der Freiburger Religionspädagoge Werner
Tzscheetzsch das Fehlen geeigneter Arbeitsformen unter den veränderten
Bedingungen von Freiwilligkeit. Die Milieuorientierung verunmögliche
neue Formen des Ehrenamtes. Kurzfristiges, Befristetes werde
schnell diffamiert. Man halte oftmals Dinge künstlich am Leben,
die überdacht zu werden verdienten. Das vorhandene Engagement
werde vielfach verkirchlicht, bleibe zu oft binnenkirchlich.
Theologisch sieht Tzscheetzsch dahinter die nicht neue Frage nach
der notwendigen Balance von Sammlung und Sendung. Eucharistie sei
das eine, das Hinausgehen, der unverzichtbare Dienst in der Welt
und für die Welt das andere. Um die Lebensthemen der Menschen müsse
es gehen, die bestehende Konzentration auf Milieu- und
Standesthemen erweise sich vielfach als hinderlich. Die
Ausrichtung an bestimmten Zielgruppen habe in der Vergangenheit
zu einer erheblichen Aufblähung des kirchlichen Apparates geführt.
Die Verhältnisse hätten sich jedoch verändert, so dass diese
Zielgruppen nicht mehr in jedem Fall die Wirklichkeit träfen.
Im Mittelpunkt des Pastoralkongresses standen im Weiteren drei
Fragen: Wie kann die Wertschätzung für das Ehrenamt
sinnvollerweise zum Ausdruck gebracht werden? Der Vorsitzende der
Kolpingbewegung im Erzbistum Freiburg, Heribert Hertramph, sprach
sich gegen ein bezahltes Ehrenamt aus. Tzscheetzsch betonte die
Notwendigkeit, zu Formen der Zertifizierung zu kommen. Das
Ehrenamt könne nicht nur behauptet werden, es müsse sich auch
nachweisen lassen.
Manches hat aber in diesem Zusammenhang weniger mit dem Ehrenamt
allein zu tun, sondern mit der Situation des kirchlichen
Engagements insgesamt. Die zweite Frage lautete daher: Wie kann
Kirche ihrem Weltauftrag verstärkt nachkommen? Spescha gab zu
bedenken, Kirche drehe sich zu sehr um sich selbst. Wichtiger sei
eine angemessene Präsenz in der Welt, auch wenn manches
Innerkirchliche offen oder nur unbefriedigend geregelt sei. Von
verschiedener Seite wurde mehr Zusammenarbeit der kirchlichen
Verbände angemahnt.
Dies mündete schlussendlich in eine dritte, grundsätzlichere
Frage: Wie kann sich Kirche heute ins gesellschaftliche Gespräch
einbringen, wo ihr das traditionelle christentümliche Umfeld
zunehmend fehlt. Tzscheetzsch erinnerte an den Ansatz der französischen
Bischöfe, den Glauben einer zunehmend säkularisierten
Gesellschaft vorzuschlagen, zum Angebot zu machen (proposer
la foi). Weihbischof Wehrle verwies auf den jüngsten Brief
der deutschen Bischöfe Zeit zur Aussaat
interessant, wie nahe man damit, ohne dies ausdrücklich
thematisiert zu haben, an der Aufgabe eines vor 90 Jahren gegründeten
Erzbischöflichen Missionsinstitutes war.
Klaus Nientiedt