Anselm Kiefer ist einer der bedeutendsten deutschen Gegenwartskünstler. Eine Auswahl seiner Werke ist bis zum 17. Februar in der Ausstellung Die sieben Himmelspaläste 1973 2001 in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen.
Das Unsagbare umwandern
Werke Anselm Kiefers in der Fondation Beyeler bei Basel
Anselm Kiefer ist nicht gerade
bescheiden: weder bei der Themenwahl für seine Kunstwerke,
beim Material, mit dem er sie schafft noch im Ausmaß, das
seine Kunst annimmt. Nicht selten haben seine Bilder eine Fläche
von über 20 Quadratmetern. Sie haben Namen wie Andromeda
und Resurrexit. Und Kiefer gestaltet sie mit Farben,
Emulsion, Asche, Terracottastücken, Glas, Haaren und Stroh, er
behaut sie mit der Axt und bearbeitet sie mit Feuer. Kiefer will
grundsätzliche Erfahrungen menschlicher Existenz, Mythos,
Natur und Geschichte darstellen.
Dazu braucht er viel Platz. Anselm Kiefer, 1945 in Donaueschingen
geboren, lebt seit knapp zehn Jahren in der Provence in
Frankreich. Dort hat er sein Ateliergelände angelegt: ein
weitverzweigtes System von Gewächshäusern, Archiven, Material-
und Bildspeichern, unterirdischen Kammern und Gängen. Sein
Handwerkszeug hat Kiefer nach einem Jura- und Romanistikstudium
in Freiburg an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Joseph Beuys
gelernt.
Wenn man drei der Bilder von Anselm Kiefer gesehen hat, ahnt man:
das ist ein Künstler, der die Welt in ihrer Gesamtheit begreifen
möchte. Biblische Themen und jüdische Mystik scheinen ihm dabei
eine Hilfe zu sein. Das Bild mit dem Titel Resurrexit
zeigt eine Allee dünner, in den Himmel ragender Bäume. Auf dem
Weg windet sich eine Schlange, die zu einer Treppe aufblickt, die
vom oberen Rand des Bildes, über den Baumwipfeln, aufsteigt.
Resurrexit (Er ist auferstanden) steht
auf einer Stufe der Treppe so ist die Spannweite zwischen
der Entstehung der Welt und ihrer Erlösung auf einem Bild
vereint.
Im selben Raum hängen die Gouachen, mit deckenden
Wasserfarben gemalte Bilder. Eines zeigt das Meer. Ein Strudel
aus Haaren, steigt daraus auf, der das Meer mit einer weißen Fläche
im All verbindet. Die Verbindung von Mikro- und Makrokosmos beschäftigte
Kiefer, der wie zu lesen ist von einem Mystiker des
17. Jahrhunderts namens Rober Fludd gelernt hat, dass jeder
Pflanze, ja vielleicht jeder organischen Struktur eine Figur am
Kosmos zugeordnet ist, eine makrokosmische Entsprechung für alle
Gestalten der terrestrischen Flora jeder Blüte, jedem
Rhizom, jedem Samenkorn ein Stern.
Auf Kiefers Ateliergelände in Frankreich wachsen Sonnenblumen,
manche von ihnen sind höher als sieben Meter. Wenn er in ihre Blüten
emporblickt, glaubt er, darin einen simulierten Sternenhimmel zu
erkennen. Die beiden größten Bilder der Ausstellung entstanden
aus dieser Beobachtung heraus: The secret life of plants
und Lichtzwang hängen einander gegenüber. Auf
ersterem sind von unten gesehene Sonnenblumen, die wie schwarze
Gestirne vom Himmel schweben, abgebildet. Das Bild ist übersät
von Sonnenblumenkernen. Von weitem erinnert das an eine
Insektenplage, identifiziert man die Kerne, sieht man ein Bild
der Fruchtbarkeit: Sonnenblumen deren gewaltige Menge Samen zur
Erde fällt.
Lichtzwang zeigt einen beinahe acht Meter breiten
Sternenhimmel. Die Sternbilder sind durch Linien miteinander
verbunden. Über das ganze Bild sind Nummern verteilt, die die
NASA benutzt, um die Sterne zu identifizieren und zu benennen.
Der Mensch gebiert in seiner Vorstellung den Kosmos,
sagt Anselm Kiefer dazu. Faszinierend findet er das Bedürfnis
der Menschen, die Sterne zu völlig willkürlichen
Konstellationen zu ordnen, und paradox erscheint ihm, dass der
Mensch im ständigen Werden des Kosmos Pflöcke eingraben
und Grenzen stecken will.
Mit der Unendlichkeit scheinen die Menschen schlecht umgehen zu können,
deshalb schaffen sie sich Räume um zu strukturieren, zu ordnen.
Kiefer versucht mit seinen Bildern die Unendlichkeit
darzustellen, malt aber auch Räume, die diese begrenzen. Dachböden
aus verschiedenen Perspektiven zum Beispiel, und Hallen und Gebäude,
mit denen Kiefer den gewaltigen Baustil der faschistischen
Architektur zeigt. Riesig sind diese Räume und dennoch
beklemmend. Kiefer hat sie so stark perspektivisch dargestellt,
dass der Betrachter hineinzufallen scheint. Monumental sind die Wände,
Säulen und Rundbögen, oft streng symmetrisch und statisch.
Hitlers Architekten hatten diese Bauten für die Ewigkeit
geschaffen, um ihre Helden zu ehren.
Das Bild eines langen, von Rundbögen überspannten Saales, an
dessen Ende ein kleines Feuer flackert, hat Kiefer Sulamith
genannt, nach einer Figur aus Paul Celans berühmtem Gedicht
Todesfuge, einem Schlüsseltext der deutschsprachigen
Dichtung nach Auschwitz. In eine symbolische, trauernde
Hommage an eines der Millionen jüdischer Opfer, wie das
Bild im Begleittext beschrieben wird, verwandelt Kiefer einen Ort
der faschistischen Heldenverehrung. In einem anderen Bild
versucht Kiefer ein Bauwerk von seiner Vergangenheit zu reinigen,
indem er es mit deutlichen Brandspuren versieht. Diese Werke
tragen wohl einen großen Teil dazu bei, dass Kiefer als einer
der umstrittensten Künstler der Gegenwart bezeichnet wird.
Welchen Sinn macht es, Gebäude und Räume, die an furchtbare
Verbrechen erinnern, umzuinterpretieren, zu reinigen?
Doch nicht nur die Vergangenheit ist ein Thema in Kiefers Kunst;
fast prophetisch wirkt das 1997 entstandene Bild Lilith,
auf dem sich ein bleiernes Flugzeug bedrohlich einer Stadt mit
hohen Wolkenkratzern nähert. Nur wenige Stunden vor den
Terroranschlägen in New York und Washington hatte ein Händler
das Werk Ernst Beyeler für seine Sammlung angeboten. Lilith ist
in der jüdischen Mystik die erste Frau Adams, die sich ihm nicht
unterordnen wollte und deshalb floh und zu einem Unglück
bringenden Dämon wurde.
Die ganze Malerei, aber auch die Literatur und alles, was
damit zusammenhängt, ist ja immer nur ein Herumgehen um etwas
Unsagbares, um ein schwarzes Loch oder um einen Krater, dessen
Zentrum man nicht betreten kann, sagt Anselm Kiefer. Das
Unsagbare drückt er aus in überwiegend düsteren
Bildern, die dem Betrachter manchmal das Gefühl geben, vor einem
komplizierten Rätsel zu stehen.
Einige seiner Bilder hat Kiefer mit Zitaten von Ingeborg Bachmann
und Paul Celan versehen. Dass er sich mit diesen beiden Dichtern
beschäftigt hat, die im Begleittext zur Ausstellung als Seelenverwandte
Kiefers bezeichnet werden, liegt auf der Hand. Auch Bachmann und
Celan versuchten, mit ihren Texten Ungeheuerliches, Unsagbares
auszudrücken. Auch viele ihrer Kunstwerke, vor allem Gedichte,
sind oft düster und assoziativ. Zwei seiner ausgestellten Bilder
hat Kiefer Ingeborg Bachmann gewidmet, den Titel Lichtzwang
hat er Celan entliehen.
Kiefers Riesenbilder berühren und stoßen gleichzeitig ab, sie
regen an, über Mystik und den Kosmos nachzudenken, lassen aber
den Betrachter unbefriedigt zurück. Womöglich ist das Kiefers
Absicht gewesen.
Susanne Gäng