Angesichts der grundlegenden
Veränderungen der Seelsorgestrukturen stehen sowohl die
hauptamtlichen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als
auch die Pfarrgemeinderäte und andere Gremien vor neuen
Herausforderungen. Zur Unterstützung und als Hilfe zur
Zielfindung können sie seit einiger Zeit eine Gemeindeberatung
in Anspruch nehmen.
Auf das Team kommt es
an
Gemeindeberatung im Erzbistum
Freiburg
Ist die Kirche vergleichbar mit einem großen Unternehmen? Ist
sie eine Art weltweit operierender Konzern mit vielen kleineren
und größeren Ablegern überall auf der Welt? Eine Firma mit
bestimmten Produkten, die sie an den Mann oder an die
Frau bringen muss Produkte wie Trost,
Begleitung in Lebenskrisen, religiöse Gefühle und Ähnliches?
Das alles ist die Kirche nicht, sagen die Theologen. Kirche ist
doch laut Konzil Volk Gottes. Und das
Neue Testament redet vom Licht der Welt, vom Sauerteig,
um nur einige Bilder zu nennen. Mit einem Wirtschaftsunternehmen
ist das nicht vergleichbar. Der Einspruch der Theologen kommt
nicht von ungefähr, denn in beiden großen Kirchen wird immer
wieder der Ruf laut, sich moderner Marketing-Strategien zu
bedienen, um die Kirche zu erneuern und deren Wertschätzung zu
steigern.
Ziele und Visionen
Dass er hinkt, dieser Vergleich zwischen Pfarrgemeinden und
Unternehmen, liegt auf der Hand. Aber so einfach vom Tisch
wischen lässt sich die Frage nicht, ob manches von dem, was für
die Wirtschaft gilt, nicht auch von der Kirche beherzigt werden
sollte. Wie ein Unternehmen, so braucht auch eine Pfarrgemeinde
Ziele und Visionen nicht nur um die eigenen Mitarbeiter zu
motivieren, sondern auch um für Außenstehende attraktiv zu
werden. Wie ein Unternehmen muss auch eine Pfarrgemeinde darauf
achten, dass ihre Mitarbeiter sich wohl fühlen. Dass sie auf der
einen Seite eigenverantwortlich handeln, sich aber auf der
anderen Seite gegenseitig vertrauen und ein gutes Team bilden.
Und letztendlich ist auch die Frage nach der Effizienz, nach dem
gesunden Verhältnis zwischen Aufwand und Ergebnis, ein Thema für
die kirchliche Arbeit, gerade in Zeiten, in denen sowohl das Geld
als auch die Zahl der Mitarbeiter knapper wird.
Hierzulande steht die Kirche zurzeit außerdem vor einer
Herausforderung, vor der auch Unternehmen immer wieder stehen,
wenn sie sich auf dem Markt behaupten wollen: Sie ist gezwungen,
ihre Organisationsformen und ihre Strukturen zu verändern. Das
ist ein schwieriger und auch schmerzhafter Prozess, der von den
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einiges abverlangt. Damit das
funktioniert, holen sich manche Firmen Hilfe von außen:
Unternehmensberater.
Beratung von außen ist so etwas auch für eine ganz
normale Pfarrgemeinde denkbar? Oder für das Team der
Hauptamtlichen einer Seelsorgeeinheit? Oder für den
Pfarrgemeinderat? Fest steht: Immer mehr Gemeinden und deren
Mitarbeiter sind offen für eine solche Idee. Auch im Erzbistum
Freiburg. Früher tauchte das Thema Beratung im Bereich der
Pfarrgemeinden nicht auf, denn der Pfarrer war der Chef und die
anderen liefen nebenher, erklärt Werner Rück, der
stellvertretende Direktor des Instituts für Pastorale Bildung in
Freiburg. Aber das hat sich geändert. Schon allein durch
die immer größere Zahl der hauptamtlichen Laien.
Inzwischen ist es in der Tat unumstritten: Eine gelingende
Gemeindepastoral steht und fällt mit einer kooperativen
Seelsorge: damit, dass diejenigen, die Verantwortung
tragen, an einem Strang ziehen. Damit, dass die Kommunikation
funktioniert. Es kommt nicht mehr in erster Linie auf den
Einzelnen an, sondern auf das Team: Auf das Seelsorgeteam der
Hauptamtlichen, auf den Pfarrgemeinderat als Ganzes und auf
dessen Vorstand oder auf den gemeinsamen Ausschuss verschiedener
Pfarrgemeinderäte einer Seelsorgeeinheit. Werner Rück leitet am
Institut für Pastorale Bildung das Referat Pastoralpsychologie
und Praxisberatung. Bei uns hat sich das Gewicht verschoben,
meint er. Von einer individuellen Beratung hin zum
systemischen Bereich.
Die Situation klarer sehen
Systemischer Bereich, das heißt: nicht mehr in
erster Linie der Einzelne sucht Hilfe von außen, sondern ein
ganzes System, in diesem Fall ein Seelsorgeteam, ein
Pfarrgemeinderat oder ein anderes Gremium. Die Erzdiözese
Freiburg trägt dieser Situation mit einem neuen Angebot der
Gemeindeberatung Rechnung. 18 Frauen und Männer
haben sich für diese Aufgabe in den letzten Jahren mit einer
berufsbegleitenden Ausbildung qualifiziert. Bis zu vier Stunden
in der Woche sind sie neben ihrem pastoralen Dienst für die
Gemeindeberatung freigestellt.
Dann, wenn jemand danach verlangt. Interessenten, die sich an das
Institut für Pastorale Bildung wenden, bekommen von dort eine
Liste der zur Verfügung stehenden Beraterinnen und Berater und können
dann direkt anfragen. Inhalte und Dauer der Beratung werden
zwischen dem Auftraggeber und der beratenden Person vertraglich
fixiert. Beispielsweise zwischen einem Gemeindeberater und einem
neu konstituierten Seelsorgeteam hauptamtlicher Mitarbeiter, die
Hilfe suchen bei der Festlegung von pastoralen Zielen und bei der
anstehenden Aufgabenverteilung. Oder zwischen einem
Gemeindeberater und einem Pfarrgemeinderat, der seinen Standpunkt
und seine Kompetenzen innerhalb einer Seelsorgeeinheit klären
und Schwerpunkte setzen will für die Arbeit in der eigenen
Gemeinde.
Die Verantwortlichen warnen freilich vor zu hohen Erwartungen:
Die Gemeindeberatung ist kein Zaubermittel,
unterstreicht Beate Sucher, Gemeindereferentin in Bühl-Vimbuch,
die zum Team der Beraterinnen und Berater gehört. Und Wolfgang
Oswald, Regionalreferent in Offenburg, ergänzt: Wir wollen
einfach helfen, die Situation klarer zu sehen und so zu handeln,
dass es passt.
Die Situation klarer sehen das kann auch bedeuten,
mitzuhelfen, dass ein verborgener Konflikt zwischen den
beteiligten pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern offen
zutage tritt und auf den Tisch kommt. Dann muss der Berater
fragen: Gibt es eine Lösung?, meint Werner Rück. Und das
Ergebnis könne womöglich auch ein Schlussstrich
sein, also eine Trennung der Beteiligten.
Die Gemeindeberatung kann nach den bisherigen Erfahrungen auch
eine Hilfe für die einzelnen pastoralen Mitarbeiter sein, den
eigenen Arbeitsstil zu überdenken. Denn ein Problem, das gerade
im Blick auf die neuen Seelsorgestrukturen und der damit
verbundenen neuen Aufgabenstellung immer häufiger eine Rolle
spielt, ist die drohende Überforderung. Es ist dramatisch,
wenn jemand ständig das Gefühl hat, er muss mehr machen, als er
machen kann, unterstreicht Werner Rück. Manche
arbeiten sich tot, weil sie kein Konzept haben, wie sie die
vorhandenen Ressourcen nutzen können.
Gemeindeberatung ist nicht gleich Gemeindeerneuerung, betonen die
Verantwortlichen und grenzen sich ab vom Arbeitsfeld der
Pastoraltheologie: Die Gemeindeberatung setzt bei den Strukturen
an, bei der Organisation einer Pfarrei und nimmt nicht das
Gemeindeleben als Ganzes in den Blick. Auf der anderen Seite
scheinen die Grenzen zur Theologie durchlässig. Und das liegt
wohl in der Natur der Sache. Schließlich kann eine christliche
Gemeinde weder sich selbst, noch ihre jeweiligen Ziele und Visionen
definieren, ohne Maß zu nehmen an den biblischen Grundlagen. Die
Frage, ob eine Organisation auch mit dem Evangelium und der
Ekklesiologie vereinbar ist, spiele durchaus eine Rolle,
betont Beate Sucher. Aber man kann das Evangelium in der
gegenwärtigen Zeit auf ganz unterschiedliche Weise zum Leuchten
bringen.
Kein Zweifel, dass diese Art und Weise des Leuchtens
immer an den konkreten Personen und an den Konstellationen vor
Ort hängt. Und das wiederum unterscheidet die Gemeindeberatung
entscheidend von der Organisationsberatung im Bereich der
Wirtschaft. Deren Credo lautet in der Regel: Die Organisation
muss mit höchster Effizienz gestaltet werden, die Personen sind
austauschbar. Aber das klappt schon in den Firmen nicht und
in der Kirche zweimal nicht, so Werner Rück.
Helfen, den eigenen Weg zu finden
Deshalb liegt es den Gemeindeberatern fern, ihren Klienten
bestimmte Lösungen einfach von außen aufzudrücken:
Der Berater wird nicht sagen: Ihr macht es falsch, so
Beate Sucher. Die Gemeindeberatung geht davon aus, dass die Kräfte
zur Veränderung in den Menschen selbst liegen. Letztendlich will
sie die Betroffenen vor Ort unterstützen, ihren eigenen Weg zu
finden und zu gehen. Was die Beraterinnen und Berater im
Erzbistum Freiburg außerdem von den Unternehmensberatern in der
Wirtschaft unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie zwar nicht
der Gemeinde oder dem Gremium angehören, das eine Beratung wünscht,
aber grundsätzlich doch innerhalb des Systems Kirche beheimatet
sind als Pfarrer, Pastoral- oder Gemeindereferenten. Sie
kommen also von außen und sind doch Insider mit Verständnis und
Einfühlungsvermögen für die Schwierigkeiten einer Pastoral in
Zeiten des Umbruchs.
Werner Rück ist als Organisationsberater nicht nur im
kirchlichen Bereich, sondern immer wieder auch in der Wirtschaft
tätig. Entscheidend, weiß er, ist hier wie dort die
Grundeinstellung, die Motivation, die Lust an der Sache und der nötige
Optimismus. Zuweilen, so Rück, seien die Verantwortlichen in der
Pastoral mit einer Bundesliga-Mannschaft in der Krise zu
vergleichen. Es gibt Mannschaften, die wollen keine Tore
mehr schießen. Oder der Verteidiger ist vorne und fragt per
Aktennotiz den Mittelstürmer, ob er das Tor schießen darf,
meint er. So funktioniert Kirche manchmal. Wollen wir noch
gewinnen?
Michael Winter