Am Puls der Zeit
Freiburger Herder-Verlag feierte sein 200-jähriges Bestehen
Mit einem Gottesdienst im Freiburger Münster und einem Festakt im Verlagsgebäude an der Freiburger Hermann-Herder-Straße beging der Herder-Verlag sein 200-jähriges Jubiläum.
Bundespräsident Johannes Rau und
Kardinal Karl Lehmann, Ministerpräsident Erwin Teufel und
Erzbischof Oskar Saier, der Freiburger Oberbürgermeister Rolf Böhme
und der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels,
Roland Ulmer, Verleger und Medienleute, Theologen und Vertreter
anderer wissenschaftlicher Disziplinen die Liste der rund
900 Gäste beim Fest aus Anlass des Freiburger Herder-Verlag war
ein weit ausladendes Spiegelbild dessen, was diesen Verlag 200
Jahre beschäftigt und was ihn bekannt gemacht hat.
Die historische Würdigung nahm der Vorsitzende der Deutschen
Bischofskonferenz, selbst Herder-Autor, bei einem Gottesdienst im
Freiburger Münster vor, eine einfühlsame Ansprache steuerte
dagegen der bekennende Protestant Rau im Roten Haus
an der Hermann-Herder-Straße bei.
Lehmann erinnerte an die Herkunft des Verlags aus der Aufklärung.
Die sechs Verlegergenerationen hätten immer wieder den Mut
gehabt, auf dieses geistige Erbe zurückzugreifen und es durch
alle Veränderungen der Zeiten hindurch zu verwirklichen. Dabei
lasse sich auch nicht übersehen, dass die Verbindung des
Verlagsprogramms mit Grundideen der Katholischen Aufklärung
immer wieder auch auf Bedenken und Einwände gestoßen sei.
Aber nicht um Bedenken zu äußern war Lehmann gekommen, er nahm
die Verleger eher in Schutz: Wenn die Vermittlung der
christlichen Botschaft in weitere Kreise hinein gelingen solle
und man wirklich in das Leben eingreife, dann müsse man den Mut
haben, das Ohr nahe am Puls der Zeit zu haben. Dem vielfältigen
geistlichen und wirtschaftlichen Risiko des Verlegers, gerade
wenn er der Sache des Evangeliums und der Kirche einen Dienst tun
wolle, werde man nicht immer gerecht.
Bundespräsident Rau, früher selbst Verlagsbuchhändler, hob in
seiner Rede auf den Stufen der Treppe des Freiburger
Herder-Hauses hervor, dass in dem von Anfang an christlich geprägten
Programm des Verlagshauses die Vielfalt der Meinungen und
Weltanschauungen der Moderne zum Ausdruck komme. Der Verlag sei
gut beraten, wenn er sich weiter im Chor der
Wahrheitssuchenden bewege und die Unterscheidung der
Geister nicht aus dem Blick verliere. Rau wünschte dem
Verlag, dass er der Tradition der christlichen Kirchen verbunden
bleibe, so eigenständig und unabhängig, wie sie das schon
seit zweihundert Jahren sind.
Aber nicht lange Referate obwohl es da noch manches
darzustellen gegeben hätte und endlose Sitzreihen prägten
dieses Jubiläum, sondern flanierende und sich unterhaltende Gäste
auf Treppen, Gängen und Verlagsräumen. Der Festakt hatte etwas
von einer kommunikativen Leichtigkeit, die Aufgabe und
Selbstverständnis eines Verlages anschaulicher machte, als es
auch viele Worte nicht besser vermocht hätten. Und das, obwohl
ein Wermutstropfen auch diesem Fest nicht erspart blieb: Die Gäste
aus der New Yorker Herder-Niederlassung ließen sich
entschuldigen.
Klaus Nientiedt