Am kommenden Dienstag eröffnet die Gesamtkirchengemeinde in Freiburg den C-Punkt Alte Münsterbauhütte. Mit dieser Einrichtung hat die Kirche ein neues und ergänzendes Angebot geschaffen, um bei den Menschen in der Stadt präsent zu sein.
Ein anziehender Ort
Mit dem neuen C-Punkt Alte Münsterbauhütte ist die Kirche für die Menschen in der Stadt Freiburg da
Manchmal wiehert auch bei Kirchens
der Amtsschimmel. Da wollen sich beispielsweise Otto Normalchrist
(oder Lieschen Nicht-mehr- oder Noch-nicht-Christin) zaghaft der
Kirche zuwenden. Die aber macht ihnen das zuweilen schwer. Die
Interessenten müssen sich möglicherweise mit abweisenden
Anrufbeantwortern und strengen, eng begrenzten Öffnungszeiten
auseinandersetzen. Nicht umsonst spricht man vom Pfarr-Büro,
evangelischerseits sogar vom Pfarr-Amt...
Oder er und sie wollen mal vorsichtig schnuppern, wie das denn so
mit Kirche ist. Doch ehe sie sich versehen, will man sie fest für
den Pfarrgemeinderat oder fürs Bierzapfen beim Pfarrfest
rekrutieren...
Klar, das hat man immer schon so gemacht, und das hat
jahrhundertelang funktioniert. Doch inzwischen wird überdeutlich:
Es passt oft nicht mehr zu der veränderten Gesellschaft. Gerade
in den Städten klaffen die überkommenen kirchlichen Strukturen
und das Leben der Menschen immer weiter auseinander. Die Folge:
Sie kommen einfach nicht mehr. Darüber lässt sich trefflich
jammern. Einige in der Kirche haben Übung darin, auf alles Neue
und vor allem auf die böse Welt da draußen zu
schimpfen. Manche begreifen die Veränderungen aber auch als
Herausforderung...
In Freiburg haben sich Menschen zusammengefunden, auf die genau
die zweite Haltung zutrifft. Sie versuchen etwas Neues. C-Punkt
Alte Münsterbauhütte heißt die Einrichtung. Das
Konzept: Kirche soll keine muffige Dienststelle sein, sondern
schon durch ihr Auftreten eine Einladung an die Menschen in der
Stadt aussprechen. Denn die, so ist die C-Punkt-Leiterin,
Dorothea Mangold, überzeugt, haben nach wie vor religiöse Bedürfnisse:
Sie leben nur anders als früher. Wie sagt es
Weihbischof Paul Wehrle? Pastorale Präsenz in den
Ballungszentren unserer Städte muss den Passantenfluss ernst
nehmen, die Zufälligkeit von Menschen in der Innenstadt, die
etwas besorgen oder einfach auch nur schlendern und erleben
wollen.
Ist das gelungen? Wir machen die Probe aufs Exempel! Schlendern
wir also durch Freiburg. Wahrscheinlich kommen wir dabei
irgendwann ans Münster. Kein religiös noch so abgebrühter
Zeitgenosse kann sich wohl der Anziehungskraft dieses Ortes
entziehen. Und dann entdeckt er sicher auch den C-Punkt
im Gebäude der alten Münsterbauhütte.
Es ist schon von außen ein anziehender Ort: Während der
vergangenen warmen Herbsttage stand die Tür offen, in der
Testphase im Sommer gab es sogar Tische und Stühle im Freien.
Neugierig machen die großen Apostelfiguren, welche der Münsterbauverein
im gleichen Raum zeigt. Vielleicht will einer erst mal auch nur
eine Postkarte kaufen.
Wer dann drin ist im Informations- und Gesprächsladen, wird
durch nichts und niemanden wieder zum Gehen gedrängt. Im
Gegenteil: der Ort ist hell und warm gestaltet, er lädt zum
Verweilen ein. Einen Internet-Anschluss gibt es, von dem aus sich
die kirchlichen Angebote im weltweiten Datennetz er-surfen
lassen. An einer langen Theke liegen Schriften und Prospekte aus.
Die kann man sich schnappen und im hinteren Teil des Raumes bei
einer Tasse Kaffee studieren. Um die Ecke führt der Weg zu einem
abgetrennten Gesprächsbereich. Ein paar Stunden am Tag steht
hier ein Mitarbeiter des Dekanats zum Gespräch über Gott und
die Welt bereit.
Mittelpunkt des C-Punktes ist die Informationstheke gegenüber
dem Eingang. Den ganzen Tag über viel länger als die
acht Stunden des C-Punktes haben die Kaufhäuser in
Freiburg auch nicht geöffnet begrüßen hier freundliche
Frauen und Männer die Gäste. Sie beantworten Fragen rund um
Kirche, vermitteln Ansprechpartner und verweisen auf die vielen
Hilfs-, Beratungs- und Veranstaltungsangebote in der
Verantwortung der Kirche. Vor allem spirituelle Angebote würden
stark nachgefragt, berichten die Mitarbeiter. Über Kirche
gemeckert werde wenig, die rund 30 Gäste am Tag wären ehrlich
an Informationen und an kirchlichen Standpunkten interessiert.
Will man ein Gesamturteil wagen, dann erscheint der ganze C-Punkt
als eine einzige große Einladung. Kirche ist als
Ansprechpartnerin behutsam präsent. Sie zeigt in den
Worten von Paul Wehrle jene sensible Zurückhaltung,
die Suchenden und Fragenden Kontakt erst ermöglicht.
Niederschwellig nennen Fachleute ein solches Angebot.
Soll heißen: Es ist leicht zugänglich, hier baut niemand Hürden
auf. Das bedeutet freilich nicht, dass die angebotenen Inhalte
genauso niederschwellig, also qualitativ minderwertig wären;
dass Kirche sich hier zu billig präsentiere,
gewissermaßen als Christsein light. Wir geben
kompetente Auskunft, erklärt Freiburgs Dekan Erich
Wittner. Ohnehin hat der C-Punkt zum Ziel, dass es
nach dem Erst- oder Wiederkontakt weitergehe. Die neue
Einrichtung sei die offene und einladende Tür, hinter der
gezielte Wegweiser für persönliches Fragen und Suchen zu finden
sind, so Weihbischof Wehrle.
Und da kommen dann auch wieder die Pfarrgemeinden ins Spiel. Der
C-Punkt versteht sich beileibe nicht als Konkurrenz.
Die Mitarbeiter an der Info-Theke regen an, dass sich die
Besucher bei weitergehendem Interesse an Kirche direkt an ihre
Heimatpfarrei wenden. Der C-Punkt selbst wolle in dem
Sinne kein Eigenleben entwickeln, dass er selbst eine geistliche
Heimat für Einzelne werde.
Vielmehr sieht Dorothea Mangold den C-Punkt als
Schnittstelle, an der die vielen kirchlichen Anbieter
und gerade die Pfarreien der Stadt vernetzt sein sollten. Das
sieht zum Beispiel so aus, dass sich die Gemeinden mit ihren
Kreisen und Gruppen beim C-Punkt melden. All das
findet dann Eingang in eine Computer-Datenbank. Wenn möglichst
alle mitmachen, finden die Mitarbeiter garantiert etwas nach dem
Wunsch der Interessenten. Und die Pfarrei wiederum wird so
vielleicht um ein neues engagiertes Mitglied reicher. Es
kann zu einer Bereicherung für beide Seiten kommen, ist
Dorothea Mangold überzeugt.
Niemand betrachtet die neue Einrichtung als Allheilmittel für
die Lage der Kirche. In Freiburg ist sie auch nur Teil eines groß
angelegten Konzeptes der City-Pastoral. Und diese
Stadtkirchenarbeit wird auch niemals die Seelsorge in den
Gemeinden ersetzen. Die ersten Erfahrungen mit dem C-Punkt
waren aber eindeutig positiv, auch ähnliche Konzepte in anderen
Städten haben sich bewährt. Und deshalb braucht es solche Aufbrüche.
Für Weihbischof Wehrle sind sie ein Ausdruck für ein waches,
verantwortliches Handeln der Kirche angesichts der
gesellschaftlichen Veränderungsprozesse.
Stephan Langer