Am 24. Juni feiert die christliche Kirche den Geburtstag von Johannes dem Täufer. Der Tag ist gleichzeitig der historische Sommersonnenwendtag, nach der Julianischen Kalenderreform einer der Quartalstage. Mit dem Johannestag sind verschiedene, oft heidnische Bräuche verbunden: Blumen sammeln für die Hausapotheke, Holunderkuchen backen, das Johannisfeuer anzünden.

Im Zeichen der Sonnenwende

Johannisfeuer erinnern nicht an Johannes den Täufer

Johannes der Täufer und das Feuer: Passen sie nicht zusammen, eins der Grundelemente der Welt, gefährlich in seiner zerstörenden Kraft und lebenserhaltend durch seine Wärme und Licht, und ein geistbegabter, außergewöhnlicher Mensch? Er lebte in der Wüste, keine Rede von Gesottenem und Gebratenem – er ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. Seine Worte waren alles andere als freundlich – „Schlangenbrut“ nannte er die religiös führenden Gruppen; redete von der Geist- und der Feuertaufe und davon, dass das Feuer die Bäume ohne gute Frucht und die Spreu verbrennen wird.
Weil sich das Feuer als Symbol für Johannes den Täufer eignet, ist der Gedanke nahe liegend, Johannisfeuer seien entstanden, um an ihn zu erinnern und seinen Gedenktag zu begehen. So war es nicht. Am Anfang der Johannisfeuer stand die Feier der Sonnenwende, die Zeit des höchsten Standes der Sonne auf der nördlichen Erdhalbkugel. Wie in vielen Kulturen hat man auch in Europa Sonne und Feuer zusammen gesehen und bei besonderen Konstellationen der Sonne Feuer entzündet. Die Sonnwendfeuer, im Alpengebiet besonders verbreitet, sollten Unglück fern halten und Glück bringen. Um durch sie nicht abergläubische Vorstellungen zu verbreiten, versuchte man in der Zeit der Aufklärung, sie zu verbieten. In der Biedermeierzeit im 19. Jahrhundert wurden sie als gesellschaftliche Ereignisse organisiert, in der Jugendbewegung geschätzt und durch die Nationalsozialisten als Zeugnis germanischer Tradition vereinnahmt. Auch wenn der Ursprung der Johannisfeuer im Datum der Sommersonnenwende und nicht in der Verehrung des Johannes liegt: die Zeit der Sommersonnenwende ist nicht per Zufall der Geburtstag des Johannes.

Symbolische Geburtsdaten

Überlegungen, wie die Geburtstage von Jesus von Nazareth und Johannes dem Täufer zusammenhängen, finden sich schon beim Kirchenvater Augustinus. Jesus kam nach altem weströmischem Kalender am 25. Dezember zur Welt, zur Zeit der Wintersonnenwende, also am dunkelsten Tag der nördlichen Erdhalbkugel, von dem an die Sonne zunahm. Also musste Johannes an dem Tag geboren werden, von dem an die Sonne abnahm, das heißt an der Sommersonnenwende. Die beiden Geburtsdaten sind symbolische Daten: „Er muss wachsen, ich aber abnehmen“ (Joh 3, 30). Mit der Feier seiner Geburt am 24. Juni macht die christliche Liturgie dieses Bibelwort wahr.
Vor ähnlichen Problemen wie bei der Bestimmung des Geburtstags stehen wir, wenn wir zusammentragen, was wir über Johannes den Täufer wissen. Schriftliche Hinweise finden sich nur im Neuen Testament und bei dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus (circa 100 nach Christus). Johannes wurde vor dem Jahr 4 vor Christus als Sohn von Zacharias und Elisabeth geboren. Elisabeth war mit Maria, der Mutter Jesu, verwandt. Wobei nicht klar ist, ob dies biologisch zu verstehen oder eine theologische Aussage ist. Letzteres würde bedeuten: Johannes und Jesus kommen – bei allen Unterschieden – theologisch aus der gleichen Familie.
Zacharias gehörte wahrscheinlich zur jüdischen Priesterschaft. Sein Loblied, der Benedictus, lässt darauf schließen, dass er seinen Sohn zu einem rechtschaffenen, frommen Menschen erziehen wollte. Als erwachsener Mann begann Johannes zu predigen und an einer Stelle östlich des Jordan zu taufen, die zu Peräa gehörte, dem Herrschaftsgebiet des Herodes Antipas. Weil er öffentlich Kritik daran übte, dass der Landesfürst seine Ehefrau verstieß und sich auf eine Beziehung mit seiner Schwägerin Herodias einließ, wurde er zwischen 30 und 36 nach Christus in der Festung Machärus enthauptet.
Sein Schülerkreis hatte auch über seinen Tod hinaus Bestand. Langfristig löste er sich auf, weil die einen zum Kreis um Jesus von Nazareth wechselten, die anderen vielleicht zu den heute im Iran lebenden Mandäern. Daher konnte sich keine Traditionslinie ausbilden, die Johannes würdigt, ohne ihn in Bezug zu Jesus Christus zu setzen, was ihn immer auf eine Art „degradiert“ hat. Schließlich war aus christlicher Sicht selbstverständlich, dass mit den Predigtworten des Johannes, „Es kommt einer nach mir, der ist stärker als ich“, Jesus Christus gemeint war. Heute wird versucht, Johannes als Persönlichkeit „für sich“ zu sehen und nicht „Vorläufer“ als „überholt“ zu verstehen. Der Koran, der auf keine Vorrangstellung von Jesus Rücksicht nehmen muss, betrachtet Zacharias, Johannes, Jesus und Elias gleichrangig als „Rechtschaffene“ (Sure 6, 85). Aufgrund der eindeutigeren Assoziationen entstand der Schlüsselbegriff „Prophet“, der die Lebensweise und das Wirken von Johannes dem Täufer erklärt.

„Heuschrecken und wilder Honig“

Sein Verzicht auf Fleisch und Alkohol (das ist mit „Heuschrecken und wildem Honig“ gemeint), die Wüste als Wohnort (der Messias wurde in der Wüste erwartet) und die Bekleidung Kamelhaare (Erinnerung an das Israel der Nomadenstämme in der Wüste) sollte jedem Zeitgenossen des Johannes deutlich machen, dass er sich in prophetischer Tradition sah. Mehr noch, sein Taufen und seine öffentlichen Worte weisen darauf hin, dass er sich als Prophet der Endzeit verstand: „Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt“, „die Schaufel, um Weizen und Spreu zu trennen, liegt bereit“, „kehrt um, das Himmelreich ist nahe“. Er hatte die Taufstelle entsprechend gewählt. Sie lag östlich des Jordan, gegenüber von Jericho, dort, wo Josua einst das Volk Israel durch den Jordan in das Heilige Land geführt hatte.
Später hatte Elija den Jordan in umgekehrter Richtung durchschritten und war „zum Himmel aufgefahren“. Am Ort der Himmelfahrt erwartete Israel auch seine Wiederkunft. Wenn Johannes genau dort taufte, wollte er damit ausdrücken: Elija kommt wieder und so, wie Israel damals nach dem Auszug aus Ägypten vor dem Einzug in das Gelobte Land stand, stehen auch wir vor dem Beginn der künftigen Heilszeit. Bereitet euch darauf vor, denn Sünderinnen und Sünder haben keinen Einlass. Auch Johannes hat also den unangenehmen prophetischen Auftrag bekommen, sein Volk zur Bekehrung aufzurufen. Weil er das Ende nahe sah, verstand er seine Predigt als letzte Chance. Aber anders als die Propheten vor ihm und die Frommen seiner Zeit, wie etwa die Essener in Qumran, taufte er. Rituelle Reinigungsbäder nahmen die frommen Juden selbst vor, fremde Hilfe war nicht nötig. Die Johannestaufe dagegen war ein Getauftwerden, dem sie sich nur einmal unterzogen. In seiner angstbeladenen unruhigen Zeit zeigte Johannes einen für alle Menschen gangbaren Weg. Deshalb kamen viele zu ihm, auch Jesus von Nazareth.
Der vierte Evangelist ließ Johannes den Täufer auf Jesus zeigen und sagen: Dies ist das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt (Joh 1, 29). Der Deutefinger und das Lamm wurden so zu ikonographischen Kennzeichen des Propheten und Täufers Johannes.

Barbara Henze