Als ein „Wunder des Wachstums“ hat der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, die immer größer werdenden jüdischen Gemeinden in Deutschland bezeichnet. Anlässlich des jüdischen Neujahrsfestes am 18./19. September wies er in der „Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung“ darauf hin, dass zur „großen Herausforderung, jüdisches Leben in Deutschland weiter zu etablieren und auszubauen“, auch die Integration der jüdischen Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion gehöre. Welche Chancen, aber auch welche Probleme sich dabei ergeben, zeigt das Beispiel der jüdischen Gemeinden in Baden.

Zuwachs mit Hindernissen

Zur Situation der jüdischen Gemeinden in Baden

Seit der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ vor fast zwölf Jahren, hat sich die Zahl der badischen Juden mehr als verdreifacht. Durch den Zuzug der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion wurden manche der jüdischen Gemeinden wiederbelebt, manche konnten gar neu gegründet werden. Doch der ungeahnte Zuwachs aus dem Osten stellte die Gemeindemitglieder auch vor große Herausforderungen, wie sich beispielsweise in der „Israelitischen Gemeinde“ in Freiburg zeigt.
Als man dort im Jahr 1987 eine Synagoge baute, ahnte niemand, dass sie schon in wenigen Jahren aus allen Nähten platzen könnte. „Damals fragten sich die Bürger eher, für was man hier überhaupt eine Synagoge brauche, wenn es doch kaum Juden in der Stadt gibt“, erinnert sich Rivka Hollaender vom Vorstand der „Israelitischen Gemeinde“.
Anderswo sah es ähnlich aus: Seit Kriegsende nahm die Mitgliederzahl der jüdischen Gemeinden in ganz Baden nur langsam zu, in den 80er Jahren stagnierte sie sogar auf niedrigem Niveau. Zu dieser Zeit zählte die Freiburger „Israelitische Gemeinde“, die damals die einzige jüdische Kultusgemeinde zwischen Baden-Baden und Konstanz war, gerade einmal 100 Mitglieder. Von diesen waren viele schon im Seniorenalter: „Eine ganze Generation hat damals gefehlt“, weiß Hollaender rückblickend zu berichten.
Doch dann geschah das, womit ernsthaft niemand rechnete: Mit dem Ende der Sowjetunion setzte von dort aus ein starker Zustrom jüdischer Einwanderer in das wiedervereinigte Deutschland ein. Zählte man zu diesem Zeitpunkt deutschlandweit lediglich 29000 Juden, stieg ihre Zahl in den folgenden Jahren sprunghaft an. Von nun an wuchs die jüdische Gemeinde in Deutschland weltweit am schnellsten, inzwischen ist sie mit annähernd 100000 Mitgliedern nach Frankreich und England zur drittgrößten in Europa geworden.
Für den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, bedeutet dies auch, dass Deutschland für die jüdischen Zuwanderer „nicht mehr das Land der Shoa ist, sondern das Land, das ihnen Hoffnung auf eine bessere Zukunft und eine Existenzperspektive verspricht“.
Im Kleinen gilt dies auch für Baden. Gab es dort im Jahr 1990 lediglich 1250 jüdische Gemeindemitglieder, waren es zehn Jahre später schon rund 4000. „Unverhofft mussten wir an hohen Feiertagen 100 bis 150 Stühle zusätzlich aufstellen“, erinnert sich Rivka Hollaender an die beengte Situation in der Freiburger Synagoge. Doch die eigentlichen Probleme, die der Zuzug von Einwanderern mit sich brachte, lagen und liegen, vor allem in Freiburg und Heidelberg, woanders. Denn während Gemeinden wie zum Beispiel Mannheim einen relativ „gesunden“ Zuwachs von rund 20 Prozent an Zuwanderern verzeichnen konnten, stellen in Heidelberg und Freiburg die Immigranten einen extrem hohen Anteil der Gemeindemitglieder dar. In Heidelberg macht dieser rund 75 Prozent aus, in Freiburg sind fast 90 Prozent der Mitglieder aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion.
Einerseits belebte dieser Zustrom an Neumitgliedern die bestehenden Gemeinden in Baden. Mitte der 90er Jahre führte er sogar zu zwei Neugründungen in Lörrach und Emmendingen, in die jeweils rund 150 Personen der zwischenzeitlich auf 1000 Mitglieder angewachsenen Freiburger Gemeinde abwanderten. Andererseits stellte und stellt der unverminderte Zuzug der Einwanderer auch enorme Anforderungen an alle alteingesessenen Gemeindemitglieder – nicht nur in der „Israelitischen Gemeinde“ in Freiburg.
„Gewohnte Strukturen ändern sich, Prioritäten werden neu gesetzt, alte Mehrheiten können auf den Mitgliederversammlungen plötzlich auf den Kopf gestellt werden“. So kennzeichnet Manfred M. Erlich eine typische Situation, mit der manche Gemeinden seit der Öffnung des „Eisernen Vorhangs“ konfrontiert werden. Erlich kennt als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Mannheim nicht nur die konkrete Lage vor Ort, sondern hat als Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRG) Baden und als Mitglied des Direktoriums des Zentralrates der Juden in Deutschland auch die großen Zusammenhänge im Blickfeld.
„Viele der langjährigen Gemeindemitglieder fühlen sich durch die neuen an den Rand gedrängt, so dass den Verantwortlichen viel Fingerspitzengefühl abverlangt wird, um hier einen Ausgleich herzustellen“, beschreibt der Mannheimer die Lage in manchen Gemeinden des Landes.
Doch Fingerspitzengefühl allein reicht nicht aus, um eine solche Aufgabe zu stemmen. Die Integration der Neumitglieder bedeutet auch einen erheblich höheren Arbeits- und Finanzaufwand für die Gemeinden. So kümmern sich diese beispielsweise nicht nur um Deutschkurse für die Neuankömmlinge, sondern besorgen ihnen oftmals auch Wohnungen und Arbeitsplätze. Viele der Gemeinden geraten durch diese Aufgaben an die Grenzen ihrer – nicht nur finanziellen – Kapazitäten. Schließlich arbeiten selbst die Vorstände ehrenamtlich und müssen neben ihrer Arbeit in den Gemeinden auch noch ihren Berufen nachgehen.
Doch damit ist die eigentliche Aufgabe der Religionsgemeinschaft noch nicht erfüllt, die ja darin besteht, die jüdischen Traditionen zu vermitteln. Gerade die Tradititionen aber sind den meisten Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion eher fremd. „Wer jahrzehntelang seine Religion nicht praktizieren konnte, ohne Repressalien fürchten zu müssen, der muss erst wieder mit ihr vertraut gemacht werden“, erläutert Erlich die Situation. So bedarf es beispielsweise nicht nur eines Religionsunterrichtes für Kinder, von den Gemeinden muss auch eine Unterweisung für Erwachsene und alte Menschen organisiert werden, die ja den Großteil der Zuwanderer stellen.
Aber auch die jüdischen Religionsgesetze müssen den Neuankömmlingen erläutert werden. Zum Einen, weil manche der Zuwanderer nach den Religionsvorschriften gar keine Juden sind (Nach diesen gilt nämlich ausschließlich derjenige als Jude, dessen Mutter jüdischen Glaubens ist beziehungsweise war, oder der zum Judentum konvertiert ist.). Zum Anderen nehmen diese Vorschriften eine zentrale Rolle im Leben der heute in Baden bestehenden Gemeinden ein: Sie alle verstehen sich nämlich als „Einheitsgemeinden“, die sich streng nach den Religionsgesetzen (Der „Halacha“) richten und ihre Gottesdienste nach orthodoxem Ritus feiern. Dadurch soll gewährleistet werden, dass auch ein orthodox lebender Jude in die Synagoge gehen, dort beten und eine Mahlzeit einnehmen kann. „In einer liberaleren Gemeinde würde ein orthodoxer Jude keine Heimat finden“, gibt Manfred M. Erlich zu bedenken.
Die Gründung von „Einheitsgemeinden“ war vor allem aufgrund der nationalsozialistischen Vernichtung des gerade in Baden weit verbreiteten Landjudentums mit seinen vielfältigen liberalen und orthodoxen Strömungen notwendig geworden. Lediglich in einigen größeren badischen Städten war die Anzahl der Juden in der Nachkriegszeit wieder so angewachsen, dass es sinnvoll war, eine Gemeinde neu beziehungsweise wieder zu gründen, gar eine neue Synagoge zu errichten. Eine solche Gemeinde musste und muss dann auch gewährleisten, dass alle Menschen jüdischen Glaubens diesen dort auch ausüben können.

Markus Weber