Alltag und Bibel
Interview mit dem Passauer Domkapitular Josef Fischer zum Grundkurs gemeindlichen Glaubens
Zu den verschiedenen Wegen der geistlichen Gemeindeerneuerung zählt auch der Grundkurs gemeindlichen Glaubens, der seit etwa 15 Jahren vor allem in der Diözese Passau durchgeführt wird. Für dieses Angebot steht das Haus der Begegnung Heilig Geist in Burghausen und nicht zuletzt dessen Leiter, Domkapitular Josef Fischer. Im Folgenden Interview äußert sich Josef Fischer über Stärken und Schwächen der Pfarrgemeinden und über den Ansatz des Grundkurses gemeindlichen Glaubens.
konradsblatt: Herr
Pfarrer Fischer, in den letzten Jahren ist das
Territorialprinzip, also die Pfarrei am Ort als
Organisationsstruktur der Kirche hierzulande immer wieder in
Frage gestellt worden. Damit verbunden ist auch die Forderung,
finanzielle Mittel zu verlagern weg von den Pfarreien hin
zu anderen Orten geistlichen Lebens. Haben die Pfarreien Zukunft?
Josef Fischer: Sicher ist eines: Derzeit
bestehen die Pfarreien. Und sie sind immer noch so etwas wie ein
Netz, das viele Menschen auffängt, die dann vielleicht einen
Kontakt zur Kirche bekommen. Vielleicht ist es ein guter Kontakt.
Zudem ist zu fragen: Wenn man das Territorialprinzip aufgäbe, wo
kämen dann schließlich und endlich die Leute her? Wer würde
denn die Kirche tragen? Letzten Endes nur noch der Geldbeutel,
der sich anonym mit Kirchensteuern füllt. Es gäbe keine
anschauliche, keine erlebbare Kirche mehr. So schwach die
Gemeinden auch sein mögen: Sie sind immerhin noch für die
meisten Menschen die wahrnehmbaren Orte des Heils.
Worin liegt die derzeitige Schwäche der Gemeinden?
Unsere Territorialgemeinden umschreiben einen gewissen Raum, in
dem Menschen auf Dauer miteinander leben wobei es heute
zuweilen so ist, dass sie nur noch an diesem Ort schlafen, aber
woanders in die Schule gehen, wieder anderswo zur Arbeit und
wieder anderswo ihre Freizeit verbringen. Die Schwäche der
landläufigen Gemeinde besteht darin, dass sie den Raum, den sie
umfasst, selber nicht genau kennt und sich ihm zu wenig widmet.
Sie nimmt die konkreten Lebensbedinungen der Menschen nicht
genügend wahr. Sie tut so, als sei sie eine Gemeinde wie vor 50
Jahren. Aber das ist sie nicht mehr. Darin liegt ihre Schwäche,
die zur Todesschwäche werden kann.
Was könnten die Pfarrgemeinden konkret tun, um näher
dran zu sein an den heutigen Menschen mit ihren Fragen?
Ich meine schon, dass sich der Pfarrgemeinderat oder eine andere
Gruppe die Frage stellen müsste: Was bewegt die Menschen in
unserer Gemeinde? Dazu müssten die Verantwortlichen wenigstens
im Ansatz etwas zu sagen wissen. Sie müssten sich kundig machen.
Sie müssten sich auch an einigen Brennpunkten aufhalten. Dort,
wo sich das Leben abspielt. Sicher kann man nicht überall
mittanzen. Aber es geht auch nicht, dass man einen
Kirchen-Innenbetrieb aufrecht erhält, der immer weltloser wird,
immer unkonkreter, immer abstrakter. Dass man seine Lieder
pflegt, aber nicht weiß, was man eigentlich tut, so dass das
Heil schließlich ganz weltlos wird. Wir fragen zu wenig, wie die
Menschen unter den Bedingungen ihres heutigen Lebens mit der
Botschaft Gottes in Verbindung gebracht werden können.
Sie bieten einen Grundkurs gemeindlichen
Glaubens. Zu ihnen kommen Pfarrgemeinderäte und andere,
die sich ihrer Gemeinde zugehörig fühlen. Welche Schritte
gehören wesentlich zu diesem Grundkurs?
Wesentlich ist zunächst, dass die Leute wegfahren, dass sie sich
für ein paar Tage entfernen von ihrem Wohnort. Aber nicht um zu
fliehen, sondern um diesen aus der Entfernung noch einmal
schärfer wahrnehmen zu können unbelastet von den
konkreten Berührungen des Alltags. Der zweite wesentliche Punkt
ist dann das gegenseitige Erzählen. Dieses Erzählen hat den
großen Vorteil, dass es die Menschen annähernd auf eine Stufe
stellt. Das Erzählen kreist um die Bedingungen des alltäglichen
Lebens, von denen alle betroffen sind. Das Erzählen kreist auch
um Fragen des persönlichen Glaubens. Es geht also nicht darum,
Theorien auszutaschen. Wir versuchen im Grundkurs, einen kleinen
Ausschnitt gelebten Lebens zur Sprache zu bringen. Alltäglichen
Lebens. Und dann das ist der nächste wesentliche Schritt
versuchen wir, dieses gelebte Leben im Licht der Bibel zu
betrachten. Die Erfahrungen des Alltags und die Bibel. Ohne diese
beiden Orte tun wirs nicht.
Alltag und Bibel. Das klingt nicht gerade nach
prickelnden spirituellen Angeboten, die heute gefragt sind.
Irgendwie muss man das Tischtuch zu fassen bekommen. Und das sind
für uns die zwei Ecken, an denen man die Sache anpackt. Es kann
nicht darum gehen, an einen schönen Ort zu fahren, wo man
niemanden kennt und da große Erfahrungen der Tiefe zu machen,
die dann unverbindlich bleiben. Nein, die Leute, die bei uns im
Haus beisammen sind, kennen einander. Sie kehren miteinander
wieder heim und haben am nächsten Tag auch wieder miteinander zu
tun. Die Ernsthaftigkeit des gemeinsamen Nachdenkens und des
gegenseitigen Erzählens liegt darin, dass das Ganze in eine
konkrete örtliche Praxis mündet. Wir werden nicht müde, den
Blick auf das alltägliche Leben zu richten. Zu entdecken, dass
es da Leute gibt, die vereinsamen. Leute, die innerlich
emigrieren, die hart werden. Leute, denen alles über den Kopf
wächst. Und es ist natürlich auch nicht zu übersehen, dass es
Leute gibt, die fröhlich leben. Dazu stellen wir dann das Wort
der Bibel. Das ist nichts Neues, sondern ein uraltes Prinzip.
Und wie geht es dann weiter? Welche Folgen hat der
Grundkurs in den Pfarreien? Was ändert sich?
Es ändert sich nicht immer und nicht überall etwas. Aber in
manchen Pfarreien wird über kurz oder lang der Stil ein anderer.
Man gewöhnt sich an, von dem zu reden was man erlebt hat und
sich das gegenseitig mitzuteilen. Man hört auf, gegenseitig
aufzurechnen oder sich die Wahrheit um die Köpfe zu schlagen und
fängt an, miteinander die Wahrheit zu suchen. In diesem
Miteinander lernen die Leute, nicht über irgendetwas zu reden,
sondern den alltäglichen Stoff zur Sprache zu bringen.
Den Grundkurs gemeindlichen Glaubens gibt
es seit etwa 15 Jahren. Was war in den Pfarreien Mitte der 80er
Jahre damals anders als heute?
Die Lebensräume waren noch stärker miteinander verbunden. Heute
haben Leute aus ein und derselben Gemeinde oft ganz
unterschiedliche Zugänge zur Wirklichkeit. Umso mehr ist es
notwendig geworden, miteinander zu reden. Offen zu reden. Es geht
vor allem um die Schaffung eines gemeinsamen Erfahrungsraumes. Um
die Erkenntnis: Wir können miteinander reden und wir müssen uns
dabei nicht Honig ums Maul schmieren, sondern können auch die
Defizite benennen und dem anderen etwas Kritisches mitteilen. Im
Frieden. Unsere Gemeinden dürfen nicht zu Gemeinschaften werden,
in denen verhindert wird, dass man das Eigentliche sagt. In
diesem Punkt wiederum hat sich vieles zum Positiven entwickelt.
Vor 15 Jahren konnten die Leute noch nicht so frei miteinander
umgehen. Da war noch viel stärker die Erwartung, es müsste von
oben etwas vorgegeben werden. Die Leute sind selbständiger und
auch sprachmächtiger geworden. Sie wissen viel mehr um ihre
eigene Geschichte.
Welche Bedeutung hat der Grundkurs
gemeindlichen Glaubens für die Diözese Passau?
Er hat eine wichtige Bedeutung. Unser Bischof hat 1997 einen
Prozess der pastoralen Enwicklung initiiert. Es war ein
geistlicher Dialog, ein freier Austausch, ein gegenseitiges zur
Kenntnis nehmen und Ernstnehmen. Insgesamt haben sich etwa 7000
Menschen beteiligt im Vertrauen darauf, dass etwas dabei
heraus kommt, wenn wir uns ungeschönt öffnen, wenn wir uns
einander zuwenden. Dieser Dialogprozess war stark vom Grundkurs
gemeindlichen Glaubens beeinflusst. Als vorläufiges Ergebnis
wurde im vergangenen Jahr ein diözesanes Leitbild Gott und
den Menschen nahe formuliert. Der Bischof hat dieses
Leitbild als Pastoralplan für die Diözese Passau in Kraft
gesetzt.
Für den Grundkurs gemeindlichen Glaubens
steht wiederum das Haus der Begegnung Heilig Geist in
Burghausen.
Den Kurs gibt es länger als das Haus. Aber die Erfahrungen in
der Arbeit mit den Gemeinden haben deutlich gemacht, dass es sich
lohnen würde, diesem Thema ein Haus zu widmen. Und als
diejenigen, die hier im Haus leben, versuchen wir auch,
wesentliche Prinzipien des Grundkurses selbst zu realisieren:
indem wir uns gegenseitig ernst- und wahrnehmen, unsere
Erfahrungen austauschen und darauf achten, dass möglichst allen
die selben Informationen zugänglich sind und dass man nicht
aneinander vorbei oder über den anderen hinweg redet. Wir
versuchen also, im Maße des Möglichen das Leben zu teilen,
freilich ohne dass wir deswegen so etwas wie eine klösterliche
Gemeinschaft sind. Das Haus Heilig Geist steht im
unmittelbaren Dienst der Gemeinden und der Diözese. Ein
Sonderprogramm haben wir nicht.
Interview: Michael Winter