„Alle Menschen sind, unabhängig von ihren Gaben oder Grenzen, miteinander verbunden in ein- und derselben Menschheitsfamilie.“ So lautet der erste Satz in den Grundlagen der Charta der Arche. In dieser ökumenischen Gemeinschaft leben Menschen mit und ohne Behinderung unter einem Dach. Wir haben die Arche in Ravensburg besucht.

„Wie eine Familie“

In der Arche-Gemeinschaft leben behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen

Ein lauter Gongschlag dröhnt durchs Haus, dann noch einer und noch einer. Nicht zu überhören. 12.30 Uhr, Mittagessen. Ein gutes Dutzend Frauen und Männer nehmen am Tisch Platz, fassen sich an den Händen und singen: „Segne Vater diese Gaben ...“. „Das ist die Gemeinschaft“, stellt Christof Lotthammer vor. Er ist Leiter der Arche in Ravensburg, neben Hamburg und Tecklenburg einer der drei deutschen Ableger der weltweiten Wohn- und Lebensgemeinschaft behinderter und nichtbehinderter Menschen.
Im Flur hängt eine Weltkarte. Fähnchen zeigen, wo überall Arche-Gemeinschaften existieren: Indien, Südamerika, Afrika, Kanada – Frankreich ist besonders dicht besiedelt. In Paris hat Jean Vanier, geistiger Vater der Gemeinschaft, 1964 die erste Arche gegründet. Mittlerweile sind es über 120 in 30 Ländern mit 3000 Bewohnern. „Jährlich kommen etwa fünf Projekte hinzu“, so Lotthammer.
In Ravensburg leben acht geistig behinderte mit zehn nichtbehinderten Menschen zusammen – den so genannten Assistenten. Fünf von ihnen sind seit der Gründung im Januar 1998 dabei, die anderen sind Praktikanten, Zivildienstleistende oder Jugendliche, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen.
Beim Mittagessen wird viel gelacht. Remi füllt dem blinden Christian Salat auf den Teller. Der bedankt sich mit einer Umarmung. „Wir entdecken, dass Behinderte etwas wert sind, dass sie etwas beitragen können zum gesellschaftlichen Leben“, sagt Christof Lotthammer.
Natürlich helfen die Nichtbehinderten den Gehandicapten. Aber für das Zusammenleben in der Arche die Formel „die Gesunden pflegen die Kranken“ zu bemühen, wäre verkehrt. „Mehr noch, als etwas für die geistig Behinderten zu tun, möchten wir mit ihnen sein“, schreibt Arche-Gründer Jean Vanier.
Christof Lotthammer: „Wir alle setzen uns mit unseren persönlichen Schwächen auseinander, lernen, sie nicht wegzudrängen, sondern zu integrieren.“ Geduld ist ein wichtiges Stichwort: „Bei uns geht es nicht nur um Leistung und Schnelligkeit, wie sonst in der Gesellschaft üblich“, erzählt der Gemeinschaftsleiter. Aber natürlich gibt es auch Streit und verschiedene Meinungen: „In Austauschrunden besprechen wir Konflikte und suchen nach Lösungen.“
An einem guten Klima ist allen gelegen. Schließlich ist die Arche nicht wie ein Heim, in dem die einen leben und die anderen ihrem Beruf nachgehen. Die Nichtbehinderten arbeiten nicht nur im Haus, sie leben auch hier. Zwar gibt es Dienstpläne, aber keine Stechuhr. „Wir leben wie eine Familie zusammen.“ In den „tiefen menschlichen Beziehungen“ sieht Lotthammer einen großen Vorteil für die pädagogische Arbeit.
Das alles mag für Außenstehende fast ein wenig „idealisiert“ klingen. Aber wer die Arche besucht, stellt schnell fest: Hier wohnen keine weltfremden Tagträumer mit Helfersyndrom. „Unser Zusammenleben kostet nicht nur Kraft, es gibt einem auch viel“, stellt Christof Lotthammer fest. Und er sagt auch, dass es ein ständiges Abwägen zwischen den Interessen der Behinderten und der Nichtbehinderten sei. Er selbst wohnt mit seiner Familie außerhalb des Arche-Hauses, die anderen Assistenten haben eine Wohngemeinschaft unterm Dach. Wie in einer Familie üblich, hat jeder seine Rückzugsmöglichkeiten, freie Tage und Stunden.
Ein fester Tagesablauf strukturiert das Leben. Drei Bewohner gehen morgens in die Behindertenwerkstatt. Für die fünf Schwerbehinderten gibt es die Förder- und Betreuungsgruppe. Nach dem Morgenimpuls in der hauseigenen Kapelle sind die anderen Bewohner am Vormittag mit Hausarbeiten und Kochen beschäftigt. Nach dem Mittagessen haben die Assistenten frei. Zum gemeinsamen Kaffeetrinken um 16 Uhr sind auch die drei aus der Werkstatt wieder da. Anschließend geht’s in den Garten, in die Stadt, ins Schwimmbad. Und nach dem Abendessen sitzen die Bewohner der Arche meist im Wohnzimmer, spielen, singen oder sehen fern.
„Dadurch, dass wir hier ganz normal zusammenleben, versuchen wir, bei anderen Ängste und Vorurteile gegenüber Behinderten abzubauen“, sagt Christof Lotthammer. Zu den beiden Kirchengemeinden hat die ökumenische Gemeinschaft – deren Wurzeln laut Arche-Charta „im Gebet und im Vertrauen auf Gott“ liegen – engen Kontakt. „Die Arche-Bewohner gehören zu unserer Pfarrei dazu“, sagt Pfarrer Wendelin Elbs von der katholischen Gemeinde St. Jodok. Sonntags gehen alle gemeinsam in den Gottesdienst. Manche sind auch ehrenamtlich in der evangelischen oder der katholischen Gemeinde engagiert. Alle zwei Wochen feiert ein Priester einen Gottesdienst in der Arche-Hauskapelle. Pfarrer Elbs: „Ich bin froh und dankbar, dass ich dabei mitmachen darf.“ Regelmäßig finden Freundeskreistreffen statt. Im Freundeskreis engagieren sich 40, 50 Ehrenamtliche, manche haben Patenschaften für die behinderten Menschen übernommen, laden sie regelmäßig zum Kaffeetrinken ein oder unternehmen Ausflüge.
Die Arche ist eine offene Gemeinschaft. Es gibt keine Gelübde. Im ersten Jahr haben die Assistenten befristete Arbeitsverträge mit den gesetzlichen Kündigungsfristen. Und die Arche ist international: 50 bis 60 deutsche Jugendliche gehen jedes Jahr zu einer der Gemeinschaften im Ausland. Im Haus in Ravensburg leben immer wieder ausländische Assistenten, etwa aus Kanada, Ungarn, oder Österreich.
Der Franzose Remi ist seit zwei Monaten da und bleibt ein Jahr. Vorher hat er in seinem Heimatland als Buchhalter gearbeitet: „Da war ich immer allein im Büro, hier bin ich mit Menschen zusammen.“ Das sei eine ganz neue Erfahrung, eine, die ihm sehr gefällt, sagt Remi: „Es ist keine Arbeit für mich.“
Die familiäre Atmosphäre schätzt Natascha, die ihr FSJ in der Arche macht: „Hier ist alles weniger streng als in einem gewöhnlichen Wohnheim, außerdem gibt es fast nie Streit.“
Durch und durch rosig ist die Situation für die Arche dennoch nicht. Obwohl die Gemeinschaft als Einrichtung für Behinderte staatlich anerkannt ist, liegt der tägliche Pflegesatz um 50 bis 60 Mark niedriger als in einem gewöhnlichen Wohnheim. Zusätzlich finanziert sich die Arche über Spenden. In der Umgebung von Ravensburg soll in den nächsten Jahren ein zweites Haus entstehen; Gemeinschaftsleiter Lotthammer hat bereits zehn Anfragen von Behinderten. Und in diesem Jahr musste er aus finanziellen Gründen einem Dutzend Leuten absagen, die gerne in der Arche mitgearbeitet hätten.
„Es kommen sehr viele Menschen zu uns, die in einer christlichen Gemeinschaft leben wollen“, erzählt Christof Lotthammer beim Kaffeetrinken. Die Bewohner sitzen im Garten. Marcus ist gerade aus der Behindertenwerkstatt nach Hause gekommen. Freudig begrüßt er jeden seiner Mitbewohner mit Namen, hilft dem blinden Christian die Treppe hinunter in den Garten. Und sorgt gleich für allgemeines Gelächter: „Wo ist die Keksdose? Ich muss mehr essen, damit mir meine Hose passt.“

Burkhard Schäfers